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"Auf und davon!"
FOTOGRAFIE Die Fotografin Christine de Grancy hat sich mit Theaterfotos und Reportagen aus fernen Ländern international einen Namen gemacht. Die Begegnung mit der islamischen Welt ist eine Konstante in ihrem Schaffen.
Ein Porträt. KLAUS NÜCHTERN

Falter 29 Originaltext aus Falter 29/02 vom 17.07.2002

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Wenn anständige Familienväter Fotos fürs Familienalbum knipsen, weisen sie die Angehörigen an, zu lächeln oder zumindest "ein freundliches G'schau" zu machen. Christine de Grancy knipst nicht, sie fotografiert, aber dennoch fällt auf, dass die Leute auf ihren Bildern oft "ein freundliches G'schau" machen. Bestimmt nicht, weil sie dazu aufgefordert worden wären. Und wer weiß, wie lange de Grancy darauf hat warten müssen, bis sich die Menschen ihr zugewandt haben, jenen freundlichen Blick "riskierten", mit denen sie aus oft sehr entlegenen Winkeln der Welt nun auch den Betrachter ansehen.
In ihrer Austellung in der Fotogalerie Westlicht, die vor allem Bilder aus Pakistan zeigt, hat Christine de Grancy Hunderte von Laser-Kopien ihrer Fotos einfach an Paketschnüren aufhängen lassen, zum Teil in mehreren Lagen übereinander. Wer will, kann blättern und nachspüren, wie die Fotografin ihren Motiven näher gekommen ist. Natürlich weiß sie, dass die Besucher nicht stundenlang in Galerien zu stehen pflegen, aber Möglichkeiten, das zu tun, sind jedenfalls ausreichend vorhanden. Unter viele der Fotos und Kopien hat de Grancy handschriftliche Bemerkungen gesetzt- persönliche Betrachtungen, in den meisten Fällen aber einfach Informationen über die Lebensumstände der Leute und die Geschichte ihres Landes. Die sympathisch unprätentiöse Präsentation der Schau macht deutlich, dass Fotografie für de Grancy nicht nur Kunst ist, die für sich selbst spricht, sondern auch ein Informationsmedium, das im Kontext anderer Medien funktioniert.
Unter einem der Fotos findet man den Hinweis, dass Warten in orientalischen Ländern nicht als leere, vernichtete Zeit begriffen wird. Im Gegensatz zur Betriebsamkeit des Westens, so erklärt die Fotografin im Gespräch, gelte es nachgerade als würdelos, keine Zeit zu haben. In dieser Hinsicht habe sie viel vom Orient gelernt. Und wenn Christine de Grancy das sagt, wirkt ein solcher Ausspruch kein bisschen esoterisch oder betulich. Ihre eigene Arbeit ist extrem zeitaufwendig - schon alleine deswegen, weil sie in vielen Fällen lange, gut vorbereitete Reisen in eher unwirtliche Gegenden zur Voraussetzung hat. "Man nimmt sich eben die Zeit, die es braucht und die der Respekt gegenüber den anderen gebietet. Das geht halt nicht mit dem schnellen Schuss - da bin ich verschwenderisch."
Insgesamt zehn Reisen hat de Grancy nach Russland unternommen, die Ausstellung "Wolga" wurde zwischen Passau und St. Petersburg in mehreren Ländern gezeigt. Auch die Bilder aus der nordwestlichen Grenzprovinz Pakistans, die die Künstlerin für die Schau anlässlich ihres sechzigsten Geburtstages ausgesucht hat, sind im Zuge mehrerer Reisen - zwischen 1987 und 1989 - entstanden. Mit ihnen will die Fotografin ihre intensive Auseinandersetzung mit der Welt des Islam "mit Respekt und Zuneigung" dokumentieren.
Das auf den ersten Blick vielleicht etwas befremdliche Thema der meisten Bilder ist das bei uns eher als dekadenter Prinzen-Sport betrachtete Polo. Tatsächlich ist Polo vermutlich persischen Ursprungs und wurde von den Engländern Ende des 19. Jahrhunderts aus Pakistan importiert. Heute wird es dort vom Militär, der Polizei und den Straßenbauingenieuren gespielt, genießt als Spektakel aber den Status eines Volkssportes. "Es ist ein faszinierendes Männerspiel. Man hat das Gefühl, es tut den Männern gut, nicht auf einem Motorrad, sondern auf einem Pferd zu sitzen. Natürlich war es eine Kriegskunst: Auf diese Weise wurde verhindert, dass Mann und Pferd versulzen."
Christine de Grancy ist allem Anschein nach ein echter Polo-Fan. Zur Faszination trägt im konkreten Falle wohl auch bei, dass Polo in Pakistan Aspekte einer Extremsportart aufweist: Das alle vier Jahre stattfindende Turnier, das die Fotografin auch für eine zwanzigseitige Reportage im Diners Club Magazin dokumentierte, wird auf einem Pass in 4000 Metern Höhe ausgetragen. Pferde und Spieler müssen sich an diese luftigen Höhen erst gewöhnen. Hinzu kommt, dass es weit und breit keinen Arzt gibt. Tiere und sogar Menschen sind bei diesem Turnier schon ums Leben gekommen. Ein Bild zeigt eine Gruppe von in die Kamera lachenden Männern, zu deren Füßen ein totes Pferd liegt. Die Frauen sind völlig separiert, was vom Ehrenkodex "Pashtunwali" ebenso geregelt wird wie das Gastrecht und die Blutrache.
Sie selbst, erzählt de Grancy, habe - als Gast eines Polo-Spielers - keinerlei Schwierigkeiten gehabt. "Für unsere Begriffe ist das alles Mittelalter", konzediert sie, kann die strikt ablehnende Haltung gegenüber der pashtunischen Gesellschaft "aber nur begrenzt teilen". Man müsse eben die Geschichte, die Unwirtlichkeit des Landes und die Lebensbedingungen der Menschen kennen und in Rechnung stellen. Und auf ihren Reisen in die Sahara, nach Russland, Tibet oder Pakistan habe sie eben die geradezu schockartige Einsicht gewonnen, "dass es eine riesige Provinz gibt". Wo kein Mensch reist und jeder von außen Kommende mit großem Misstrauen betrachtet wird, lassen sich auch schwer jene Standards des toleranten Umgangs mit dem Fremden entwickeln, die man als mitteleuropäischer Großstädter gerne einklagt.
Immer wieder ist Christine de Grancy auf dieses Misstrauen gestoßen. "Wieso kommst du zu uns? Was suchst du hier?" Die Leute hätten Angst, verhöhnt zu werden, weil sie sich selbst als unzivilisiert und rückständig empfänden. "Irgendwo haben sie einen Fernseher und wissen, wie es andersowo aussieht. Aber natürlich kann eine nomadische Zivilisation nicht so aussehen wie die unsrige."

Wahrscheinlich könnte man Christine de Grancy als "Globalisierungskritikerin" bezeichnen; aber die schicke Aura, die die neue Supervokabel umgibt, passt nicht zu der Frau, die wie selbstverständlich Details aus der Lebensgeschichte des von den Bolschewiki gestürzten sozialistischen Rechtsanwaltes und Politikers Aleksandr Kerenskij (1881-1970) erzählt und der die Formulierung "wir 68er" ohne jeden Beiklang von Oberlehrer- oder Schamhaftigkeit über die Lippen geht. Die Selbstherrlichkeit jener, die das Elend der Welt weniger beseitigen als virtuos kritisieren und politisch Recht behalten wollen, ist ihr fremd. Als sie 1993 zu dem international bedeutenden Fotofestival im französischen Perpignan eingeladen wurde, sah sie dort die Fotos, mit denen ein Stern-Fotograf in riesigen Formaten das ganze Elend der postkommunistischen Sowjetunion spektakulär ins Bild setzte. "Ich habe mir gedacht: Nein, das geht nicht. Das ist zu zynisch. Man kann ein ganzes Volk nicht so abstempeln." Als sie einige Zeit später in einer Radiosendung über ihre nächsten Pläne befragt wurde, setzte sich de Grancy mit einem spontan und öffentlich kundgetanen Entschluss selbst unter Druck: "Ich muss nach Russland."
Neben Tibet und der Wüste - "komischerweise geht mich der Westen recht wenig an" - zählt Russland für die Fotografin zu "ihren" Weltgegenden. Zehn Reisen hat sie dorthin bereits unternommen, hunderte Filme verschossen. Und immer wieder hat sich jener magische Moment eingestellt, in dem die Akzeptanz dem anfänglichen Misstrauen weicht und de Grancy zu einer muslimischen Beerdigung oder einem tartarischen Ringkampf mitgenommen wird. "Manchmal würde ich die Kamera ja am liebsten wegwerfen und mit den Leuten leben, tanzen, trinken. Aber ich weiß, dass ich das Fest festhalten muss, weil ich das nie wieder erlebe."
Den Hang zu weiten und auch strapaziösen Reisen - "für den Kopf ist es Urlaub, für den Körper eine Expedition" - hat Christine de Grancy relativ spät entwickelt. In den Achtzigern, als die Kreisky-Ära einen ersten Luftzug durch Wien schickte - "eigentlich haben wir Wien gehasst: Es war eng, düster, muffig" -, besuchte die Fotografin mit ihrer Freundin Erika Pluhar die Sahara. Im Juli! Aus ihren Fotos vom Leben der vertriebenen Sahraouis wurde ein Buch mit dem blumigen Titel "Die Sahraouis. Söhne und Töchter der Wolken. Von der stillen Revolution der Polisario" - im übrigen eines von drei Fotobüchern de Grancys, die der bibliophile und später in Konkurs gegangene Verleger Franz Greno innerhalb eines einzigen Jahres herausbrachte.
Die Begegnung mit den Nomaden der Westsahara in den Flüchtlingslagern löste bei der Fotografin plötzlich traumatische Kindheitserinnerungen an die eigene Flucht während des Bombardements von Berlin aus. Ihre Mutter war Berlinerin, der Vater Österreicher, die Vorfahren ein altes Schweizer Adelsgeschlecht, das bis heute zwei Dörfer aus der Nähe von Neuchâtel im Namen trägt: Im Reisepass steht denn auch "Christine Senarclens de Grancy". Der Vater, der als Techniker Stalingrad überlebt hatte, fiel kurz vor Kriegsende in der Lüneburger Heide: "Das ist typisch für uns 68er. Wir haben große Schäden davongetragen, weil man uns keine Antwort gegeben hat. Wenn ich nicht ins Künstlerische gegangen wäre, wäre ich eine sehr verstörte Person geworden."
Den Weg ins Künstlerische hat die in Brünn geborene Christine de Grancy dann in Graz als Keramikerin begonnen. Ihre Pläne, in Wien, wo sie seit 1963 lebte, die Meisterklasse für Grafik zu beenden, scheiterten an professoraler Autorität: Als die junge Künstlerin verdonnert wird, hundert Mal "Ich darf nicht zu spät kommen" zu schreiben, zieht sie es vor, der Hochschule Adieu zu sagen, und wird schließlich Art-Direktorin in diversen Werbeagenturen, wo sie unter anderem für die ästhetische Präsentation von o.b.-Tampons zuständig ist. Nach ihrer Kündigung gönnte sie sich ein Aussteigerleben zwischen Patmos und Paris, fotografierte und begann - "irgendwas muss man ja tun" - über Buchprojekte nachzudenken. Eines davon, "ich nenne es meinen ,Fötus im Glaserl'", ist bis heute nicht erschienen, weil Christine de Grancy gegenüber dem Verleger Fritz Molden darauf bestand, die Fotos von alten Wiener Schildern in Farbe und nicht in Schwarzweiß herauszubringen. Für André Hellers 1975 erschienenes Buch "Ernte der Schlaflosigkeit" machte sie Bilder, ihre Wiener Dach-Ansichten wurden 1994 unter dem Titel "Hallodris und Heilige, Engel und Lemuren" wieder aufgelegt und von Texten André Hellers und Erika Pluhar begleitet.
Die Schauspielerin, die sie 1979 kennen lernte, war auch dafür verantwortlich, dass die Fotografin und spätberufene Fernreisende ans Burgtheater kam und sich unter Achim Benning, den sie mit der Kamera bei den Proben über Zeiträume von zwei Monaten hinweg begleitete, einen Namen als Theaterfotografin machen konnte. "Von Benning habe ich sehr, sehr viel gelernt. Wie er an ein Stück herangeht, dieser Prozess der Verdichtung - das hat sich auch auf meine Fotoarbeit niedergeschlagen. Wie ich aber zur Theaterfotografin geworden bin, habe ich mir gedacht: ,Auf und davon!'"
Das scheint bis heute das Motto von Christine de Grancy geblieben zu sein. Aber selbst ihre Weigerung, in Wien wirklich Wurzeln zu schlagen, hat Ehrungen nicht verhindert. Im heurigen Jahr wurde de Grancy mit dem Goldenen Verdienstzeichen des Landes Wien ausgezeichnet. Sie habe es "mit Würde und Schmunzeln" auf sich genommen. Als größte Auszeichnung ihres Schaffens betrachtet sie aber etwas anderes: 1990 besuchte der französische Meisterfotograf Henri Cartier-Bresson, damals bereits über achtzig, ihre Ausstellung in Salzburg und blieb über eine Stunde. Allerdings hatte er zuvor eine Bedingung für seinen Besuch gestellt: Filmverbot für das "Seitenblicke"-Team.

"Christine de Grancy. An Ort und Stelle". Bis 4.8. in der Fotogalerie Westlicht (7., Westbahnstraße 40; Di-Fr 14-19, Do 14-21, Sa & So 11-19 Uhr).

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Juli 2002 © FALTER
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