THIS IS WHAT DEMOCRACY LOOKS LIKE (LIBERALITAS BAVARIAE) Vom 14.5 - 10.6.2002 realisierte Oliver Ressler eine City-Light-Serie in der Innenstadt München. Die drei Plakatsujets der City-Light-Serie verbinden das in München vorhandene Wissen um die Geschehnisse rund um die NATO-Sicherheitstagung vom 1.2 - 3.2.2002 mit der Tatsache, dass ein Monat nach dem vom SPD-Oberbürgermeister Ude verhängten totalen Demonstrationsverbot dessen Politik - und damit auch die Einschränkung demokratischer Rechte - bei den Stadtratswahlen durch einen fulminanten Wahlsieg bestätigt wurde. Die auf den SPD-Wahlkampfslogans "Es geht um München." und "München braucht mehr Rot!" basierenden City-Light-Plakate bilden eine offene Struktur und erlauben keine eindeutige Zuordnung, wer hinter den Plakaten steht. Bis zum 1.9.2002 sind die Plakate nun gemeinsam mit einer 20-minütigen Videodokumentation der City-Light-Serie in der Ausstellung "Exchange & Transform" im Münchner Kunstverein (http://www.kunstverein-muenchen.de) zu sehen. Die folgenden Ausschnitte stammen aus sechs Gesprächen mit PassantInnen: Passant: "Das geht um die Globalisierungsgegner, die damals demonstrieren wollten und das nicht durften, die gehindert wurden, und das wird hier eingefordert: ,Nächstes Jahr wieder'." Studentin: "Ich war auch dabei, also es geht ja um diese Demonstrationen gegen die Nato-Konferenz, nehme ich an, von wegen Grundrecht außer Kraft gesetzt. Ich war dabei, und ich fand es super, dass sich doch was mobilisieren ließ, dass dieses Verbot gebrochen wurde. Ich finde es gut, dass das publik gemacht wird und hier dafür geworben wird." Passantin: "Demonstrationsverbote, Veranstaltungsverbote, Polizeikessel... Alles angekreuzt. Massenfestnahmen, Einschränkung demokratischer Rechte. Jetzt sehe ich das ganz bewusst. Wenn ich einen schwarzen Stift hätte, würde ich das natürlich streichen, weil das ist unsinnig, dafür Geld auszugeben und das in Druck zu geben... Nein, ich würde zu diesem Plakat sagen: Nein Danke!" OR: "Also Sie sind gegen die Dinge, die hier angegeben werden..." Passantin: "Nein, das würde ich nicht unterschreiben, das kommt nicht gut an. Das drückt die SPD etwas runter, wenn man das noch mehr in München anbringen würde." Passant: "Wenn's überhaupt einen Witz hat, dann ist es ein CSU-Plakat. Das ist kein alternatives Plakat, das ist meiner Ansicht nach ein echtes politisches Plakat." Passant: "Man sollte diese Demonstrationsfreiheit auf jeden Fall wieder einschränken. Ich halte persönlich nichts davon, weil es sind meisten eh nur solche Gruppen, die sich einfach nur anhängen an solche Demonstrationen, die von der politischen Situation überhaupt keine Ahnung haben und sich noch nie für so etwas interessiert haben, die da einfach nur Mitläufer sind." OR: "Und finden Sie es gut, dass solche Plakate im öffentlichen Raum affichiert werden?" Passantin: "Wieso nicht? Anders kann man ja die Leute nicht darauf aufmerksam machen, dass da was beschnitten wurde. Die meisten werden es nicht mitkriegen. Es kriegen immer nur die mit, die an der Demo teilnehmen wollten und es nicht durften, oder es vielleicht verfolgt haben. Ansonsten weiß es ja keiner, wenn die Medien das dann nicht propagieren wollen, je nachdem auf welcher Seite die Medien stehen. So gesehen ist das o.k.!" (Besten Dank für die Unterstützung an die Rote Hilfe Ortsgruppe München) ----------------------------- Süddeutsche Zeitung, 24.5.2002, von Jochen Temsch Leuchtende Beispiele - Ein Künstler prangert Münchens Demokratieverständnis an Seit einigen Tagen wundern sich Passanten über seltsame Wandbehänge an verschiedenen Orten in Münchens Innenstadt. Zum Beispiel am Altheimer Eck Nummer 6. Dort klemmt in einem Kasten ein beleuchtetes Poster, ein so genanntes "City Light", wie es auch zur Bewerbung von Damenunterwäsche an Bushaltestellen benutzt wird. Auf den ersten Blick sieht es aus wie ein ganz gewöhnliches Wahlplakat der SPD: rote Schrift auf Weiß, darunter die Skyline von München, darüber scheinbar gute Gründe, die Partei zu wählen. Beim näheren Hinsehen erkennt man die wahren Ankreuz-Motive: "Demonstrationsverbote" steht da, "Veranstaltungsverbote", "Polizeikessel", "Massenfestnahmen" und "Einschränkung demokratischer Rechte". Dazu der Slogan "München hat mehr Rot!" - in Anspielung auf "München braucht mehr Rot!", die originale Selbstanpreisung der Sozialdemokraten vor der Kommunalwahl im März dieses Jahres. Der Betrachter kann über die irreführenden Aushänge nur rätseln. Wer hinter dem provokativen Spott steckt, verraten die Plakate nicht. Oliver Ressler heißt er, ist 31 Jahre alt und Künstler mit Ausbildung an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien. Er bezeichnet sich selbst als unabhängig von Parteien und Gruppen, gibt sich als Verfechter eines radikalen, linken Demokratie-Verständnisses: "Die Freiheit des Einzelnen ist das höchste Gut. Die Menschen sollen selbst entscheiden, wie die Gesellschaft, in der sie leben, aussehen soll - nicht die Konzerne und Wirtschaftsorganisationen der mächtigsten Länder der Welt." Seit Mitte der neunziger Jahre arbeitet Ressler an verschiedenen politischen Projekten, thematisiert Rassismus, Gentechnik, Globalisierung. Seine Münchner "City Lights"-Anti-Reklame heißt "This is what democracy looks like (Liberalitas Bavariae)" und ist im Rahmen der Ausstellung "Exchange & Transform" des Kunstvereins München entstanden. Die Leuchtkästen sind eine Reaktion auf das von OB Christian Ude verhängte Demonstrationsverbot anlässlich der Münchner Nato-Sicherheitskonferenz vor vier Monaten. Weil die Politik der Rathaus-Mehrheit durch einen glänzenden Sieg bei den Stadtratswahlen bestätigt wurde, entschied sich Ressler für die Wahlplakat-Optik als Vehikel seiner Kritik. Er übernahm Motive und Themen der SPD-Kampagne, kupferte Schriftarten und -setzungen eins zu eins ab. In seinem satirischen Ansatz erinnert Resslers Spiel mit dem Medium ausgerechnet an die ironisch anprangernden Pro-SPD-Plakate des Grafikers Klaus Staeck ("Deutsche Arbeiter! Die SPD will euch eure Villen im Tessin wegnehmen") und die antifaschistische Propaganda John Heartfields in den Dreißigern. Die Freiheit der Kunst nutzt und lotet Ressler bewusst aus, um seine Meinungsäußerungen an Orten kundzutun, die politischen Gruppen so nicht ohne Weiteres zur Verfügung stünden. Zum Beispiel mietete er 1997 eine Fläche vor der Wiener Staatsoper, um den gut gelaunten Musikliebhabern einen 30 Kubikmeter großen Plakat-Quader vorzuhalten, der die staatliche Abschiebungspraxis anklagte. Die "City Lights" leuchten zu einem passenden Zeitpunkt. Im Rathaus ist der Streit über die Sicherheitskonferenz 2003 schon jetzt entbrannt. Das "Friedensbündnis" hat bereits eine Demonstration angemeldet. Und selbst beim Bush-Besuch in Berlin ist erlaubt gewesen, was in München eingeschränkt war: das Recht auf freie Meinungsäußerung.