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springerin 4/09. Wende Wiederkehr

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springerin 4/09. Wende Wiederkehr. 2009 [Cover]
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Location

Wien / Österreich

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2009

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Umfangsangabe: 96 S. : zahlr. Ill. // Seit Längerem ist im Kulturbetrieb von diversen Wenden – Turns – die Rede. Ob Cultural, Translational, Participatory oder Educational Turn, in vielerlei Teilbereichen werden heute vollmundig neue Paradigmen und Betrachtungsweisen verkündet. Dabei ist oft nicht klar, ob den ausgerufenen Novitäten tatsächlich auch ein gedanklicher, ja systemischer Umbruch entspricht, oder ob hier nur bislang vernachlässigte oder unterbelichtete Themenbereiche in den Mittelpunkt gerückt werden. Besitzt die Rede von der Wende auf realpolitischer Ebene im Rückblick auf die Jahre nach 1989 ein schier endloses Reservoir, aus dem sie schöpfen kann, so ist die Verkündung diverser kultureller Wenden oft nicht mehr als ein rhetorisches Manöver. Grund genug, den dieser Tage so häufig im Mund geführten Turns näher nachzugehen. Die Kulturwissenschaftlerin Doris Bachmann-Medick, die eine Bestandsaufnahme verschiedenster »kultureller Wenden« vorgenommen hat, hält im Interview an der Brauchbarkeit des Begriffes fest. Zwar gesteht auch sie die inflationäre Verwendung des Konzepts zu, doch macht sie sich für eine methodische Nutzung in Richtung einer sich ständig neu justierenden »Übersetzungswissenschaft« stark – zwischen den Diskursen, unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen und Kulturen. Suzana Milevska fragt in Bezug auf eine konkrete soziale Symptomatik – den nicht verschwinden wollenden Rassismus, und zwar trotz Aufklärung, wirtschaftlicher Öffnung (und mitunter materiellem Wohlstand) –, was die Wende von vor 20 Jahren hier tatsächlich bewirkt hat. Lassen sich diesbezüglich Veränderungen zum Besseren ausmachen, hat der alte Rassismus vielleicht eine noch perfidere Qualität angenommen oder tritt das Alte einfach in immer neuem Gewand auf? Damit ist das zweite Stichwort gegeben, nämlich »Wiederkehr«, die auf oft subtile Weise mit den besagten Wenden einherzugehen scheint. Als rhetorisches Motiv hielt der Begriff lange Zeit jene prominente Stelle besetzt – sei es als Wiederkehr des Realen, des Politischen oder irgendeines anderen, vermeintlich Verdrängten –, den in der Folge die Turns zu okkupieren begannen. Wirft man unter diesen Vorzeichen einen Blick auf die aktuelle Kunst, so lässt sich auch hier die Verwobenheit der beiden Denkfiguren erkennen. Arbeitet sich diese zum einen stärker denn je an historischen Vorgaben ab, so werden zum anderen fortwährend neue Wenden und Refokussierungen proklamiert. Von Wiederaneignungen und »Re-Enactments« bis hin zu simplen Retroanleihen und Rekombinationen reicht die Palette der Rückkehrstrategien, von Repolitisierung bis hin zu allerlei neu ersonnenen partizipatorischen Strukturen das Spektrum der Neuausrichtung. Den neuen Anarchismus und die damit einhergehende aktivistische Tendenz in der Kunst nimmt Süreyyya Evren in seinem Beitrag ins Visier, um im Zuge der Auseinandersetzung auf eine eklatante Leerstelle zu stoßen. Eignete dem historischen Anarchismus, auf dessen Genealogie Evren eingeht, eine verschiedenste Bereiche durchdringende Strahlkraft, so scheint es der aktuellen Übersetzung in den Kunstbereich hinein schlichtweg an Publikum und der damit einhergehenden Verstärkerwirkung zu mangeln. Von derlei kann hingegen im Popbereich keineswegs die Rede sein, dafür ist der dort grassierende Retroboom, der nicht enden will (oder vielleicht auch gar nicht mehr kann), von einem höchst plastischen Umgang mit Geschichte gekennzeichnet. Klaus Walter geht den Spuren dessen nach, was auf dem Weg zur Selbsthistorisierung und -musealisierung alles verloren geht. Beiträge wie dieser werden ergänzt durch eine Bestandsaufnahme des jungen syrischen Kunstgeschehens (Charlotte Bank) und des Status quo der Moskauer Szene, die seit 1989 nicht nur eine Wende erlebt hat (Herwig G. Höller). Durchgehend klingt die Frage nach der möglichen Verschränktheit der beiden Denkmotive an – der Wende hin zum Neuen und der Wiederkehr des neu kontextualisierten Alten. Handelt es sich bei den beiden vielleicht um unterschiedliche Aspekte ein und derselben Symptomatik? Oder zeichnen sich in ihrer aktuellen, weitverbreiteten Streuung tatsächlich Risse in der Kultur der Gegenwart ab, die in absehbarer Zeit nicht einfach zu schließen sein werden? [Quelle: www.springerin.at, 08.11.2017]

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last modified at 08.11.2017

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