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springerin 4/13. Kunst der Verschuldung

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springerin 4/13. Kunst der Verschuldung. 2013 [Cover]
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Wien / Österreich

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2013

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Umfangsangabe: 96 S. : zahlr: Ill. // Seit die Finanz- und Schuldenkrise das globale Wirtschaftssystem an den Rand seiner Existenz geführt hat, hat sich auch im Kulturbetrieb erhöhte Alarmstimmung breitgemacht. So häuften sich in den letzten Jahren die Symptome, wonach eine radikale ökonomische Verunsicherung verstärkt in die Kunstproduktion, -distribution und -rezeption mit hineinwirkt. Mit unterschiedlichem Beunruhigungsgrad registriert und reagiert man auf die fortlaufenden Entwicklungen, wobei legitimerweise gefragt werden muss, was sich seit dem Ausbruch der Krise 2008 tatsächlich verändert hat. An den Börsen wird nach wie vor auf die gleiche Weise wie zuvor gehandelt, der Reichtum der primären NutznießerInnen dieses Systems ist in den letzten fünf Jahren insgesamt noch gestiegen, und die Suche nach den Verantwortlichen scheint eher bei nationalen Sündenböcken stecken geblieben zu sein, als dass die zugrunde liegende Wirtschaftsordnung einer profunderen Prüfung unterzogen worden wäre. Wie verhält sich die aktuelle Kunst zu all dem? Ist sie inmitten dieser Verwirrung nur interessierte Beobachterin? Ist sie eine Art Seismograf, der besonders wild ausschlägt, wenn es an die eigenen Existenzgrundlagen geht? Oder kann sie den Entwicklungen, deren Steuerbarkeit längst jedes nationalstaatliche (geschweige denn auf individueller Macht basierende) Regime überstiegen hat, in irgendeiner Form Paroli bieten? Wobei klar ist, dass dies einzig in Form ideeller oder ästhetischer Setzungen erfolgen kann, sei es im Aufzeigen möglicher Alternativszenarien oder als Aufschrei, dass es so schlichtweg nicht weitergehen kann. Eine Reihe von Beiträgen in dieser Ausgabe kreist genau um diese Fragstellung, nämlich wie sich eine als kritische verstehende Kunst in diesem Zusammenhang situieren lässt bzw. selbst situiert. Pascal Jurt und Beat Weber nehmen eine kleine Bestandsaufnahme vor, in welcher Weise die dezidiert mit Ökonomiethemen befassten Ansätze der letzten fünf Jahre auf die Krise reagiert haben. Zwar mangelt es inzwischen nicht mehr an diesbezüglichen Arbeiten, ja ganzen Themenausstellung, doch inwiefern darin auch die eigene Involviertheit in das am Abgrund stehende System mit reflektiert wird, ist nach wie vor fraglich. Ein blinder Fleck der ökonomiekritischen Kunst scheint immer noch darin zu liegen, dass die eigenen Existenzbedingungen in all dem mit auf dem Spiel stehen, ja dass die inhaltliche und formale Ausrichtung dieser Kunst häufig selbst auf einem Prinzip der Verschuldung beruht. Einem Prinzip, das sich konzeptuell in Anleihen und Übernahmen ausdrückt, während wirtschaftlich durchaus Nutzen aus dieser „Schuldstruktur“ gezogen wird.Wie kann die gegenwärtige Kunst diesem scheint’s nicht aufhebbaren Mangel Positives abgewinnen oder gar etwas entgegensetzen? Daphne Dragona versucht, der „Fabrik des verschuldeten Menschen“ (Maurizio Lazzarato) einen produktiven Dreh zu geben und in ihr einen der vorrangigen Orten zu erkennen, an denen so etwas wie „Gemeingut“ (commons) geschaffen wird. Dragona meint klarerweise nicht den hyperkapitalisierten Kunstmarkt, sondern jene Nischen und Nebenschauplätze, die sich rund um Biennalen, alternative Summits und sonstige Diskursforen auszubilden begonnen haben. Ob die Kunst der Gegenwart jemals großflächiger in die Schaffung der commons umdirigiert oder kanalisiert werden kann, bildet den provokanten Fluchtpunkt dieses Denkens. Auch der neben Maurizio Lazzarato zweite große Stichwortgeber der künstlerischen Ökonomiedebatte, David Graeber, taucht an mehreren Stellen dieser Ausgabe auf. Graebers Buch Schulden. Die ersten 5000 Jahre, das es auf die Bestenlisten der kritischen Diskurswelt geschafft hat, wird hier selbst noch einmal einer argumentativen Befragung unterzogen (Felix Klopotek). Wobei Graebers antikapitalistischer und anarchischer Impetus über alle berechtigte Kritik hinweg weiterstrahlt. Neben den TheoretikerInnen der Verschuldung sind in der Ausgabe jedoch in erster Linie KünstlerInnen am Wort. So erläutert Mathias Poledna die Hintergründe und Subtexte seines Films Imitation of Life, der jene historischen Genres aufgreift, die während der historischen Wirtschaftskrise der 1930er-Jahre ihre erste Blüte entfalteten (Animation und Musical). Melanie Gilligan, die sich seit Beginn des Finanzdesasters mit dessen visueller und performativer Symptomatik beschäftigt, steuert einen Auszug aus ihrer derzeit in Produktion befindlichen Arbeit The Common Sense bei. Zentrales Motiv ist der utopische Gedanke, was wohl wäre, wenn die Menschen direkten mentalen Kontakt mit den Wünschen und Bedürfnissen aller anderen hätten, ja wenn sie ein umfassender „Gemeinsinn“ verbinden würde. Eine rezente Revolte dieses „Gemeinsinns“, nämlich den Aufstand der türkischen Zivilbevölkerung gegen den Autoritarismus von Staat und Wirtschaft, rekapituliert Ali Akay. In Akays Ausführungen über den „horizontalen Kampf“, der hier geführt wird, kehren vielerlei Motive aus anderen Beiträgen dieses Hefts wieder. Wie lässt sich, könnte man mit Akay und über ihn hinaus fragen, in die gegenwärtige Lage sinnvoll intervenieren, wo doch Politik und Wirtschaft längst ihre Handlungsohnmacht eingestehen mussten? Wie das „verschuldete Subjekt“ aus seiner nicht selbst verschuldeten Unmündigkeit befreien? Fragen wie diese werden wohl auch über das Ende der Krise, sollte je ein solches eintreten, nachhallen. [Quelle: www.springerin.at/]

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