Wiener Zeitung · Archiv


Kunstberichte

Blutpatina und die Verklärung

Staatssekretär Franz Morak verlieh den Großen Österreichischen Staatspreis 2005 an Hermann Nitsch
Staatspreis für den

Staatspreis für den "Erlöser": Hermann Nitsch (r.) mit Franz Morak. apa

Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

Aufzählung Aktionskünstler Nitsch mit großem Staatspreis prämiert.
Aufzählung Vom Staatsfeind zum Politikerfreund.

Wien. "Ich nehme diese Auszeichnung gerne an", erklärte der Aktionskünstler – und triumphierte mit erhobenen Armen: Am gestrigen Donnerstag wurde Hermann Nitsch mit dem Großen Österreichischen Staatspreis prämiert. Der mit 30.000 Euro dotierte Preis ist die höchste Auszeichnung, die die Republik an Künstler vergibt, wird einmal jährlich verliehen.

Kunststaatssekretär Franz Morak würdigte den 67-jährigen Preisträger als "Grenzgänger", der die Kunstgeschichte "entscheidend mitgeprägt" hat. Psychologe Wolfgang Tunner erklärte, Nitschs Werk sei "tief im Kollektiv begründet" und spannte in seiner Lobrede einen Bogen von der Antike bis ins Heute.

Hermann Nitsch setzt den Wiener Aktionismus mit seinem 1958 angedachten Orgien Mysterien Theater mit bis jetzt 122 Auftritten fort. Vom eher privaten Treffen in Kellern über Galerien und Museen bis in Burg und Oper hat er einen weiten Bogen gespannt, der ihn vom Staatsfeind zum Politikerfreund werden ließ. Nach zwei Documenta-Beiträgen war er in den 80er- und 90er-Jahren immer noch für Skandale gut, etwa im Zusammenhang mit seiner umstrittenen Ernennung zum Professor der Städelschule in Frankfurt. Die Polarisierungen rund um seine Kunst und Person sind dabei abzulehnen, stehen doch auf einer Seite falsche Anschuldigungen als Gotteslästerer, Pornograf und Tierquäler, auf der anderen allzu enthusiastische Verehrer bis Jünger.

Ergraute Erlösung

Die kritische Einordnung in die Kunstgeschichte steht seinem Werk noch bevor, auch wenn zahlreiche Dissertationen, auch in Musik- und Theaterwissenschaft bereits geschrieben sind. In jüngster Zeit wird Nitsch – zuletzt durch Antonio Fian – unter die rückwärtsgewandten "Erlöserkünstler" eingereiht. Er hat darauf empört mit seiner "jeder künstler ist ein erlöser"-Überzeugung reagiert und den verzweifelten Versuch nicht ausgelassen, Kunst immer noch als "neue religiöse auffassung . . . jenseits des gottesbegriffs" in der Gesellschaft verankern zu wollen. Doch dieser Weg ist eine Einbahnstraße.

Die postmodernen Mixturen aus portioniertem Richard Wagner (Gesamtkunstwerk), Friedrich Nietzsche (Geniekult), Stefan George (gnostische Lebensliturgie) und Antonin Artaud (Theater der Grausamkeit) ziehen in der jungen Künstlergeneration nicht mehr. Letztlich fällt auch die Abreaktionstheorie des Künstlers noch hinter die überholte Hysterielehre Freuds zurück.

Eigentlich haben schon Aristoteles und Platon kleinere Dosen an kathartischer Bewusstwerdung durch Tragödien empfohlen; von den sublimierten Ritualen der katholischen Kirche ganz abgesehen. Bluttaufe, dionysische Lammzerreißung und andere rituelle Exzesse der geheimen Mysterienkulte werden von Nitsch in die Realitäten von Erntedankfest, Schlachtung und Heurigenseligkeit zurückgeordnet. Kakophonie und Symphonie werden von ihm als oberstem Zeremonienmeister nebst Fackelzügen und Prozessionen veranstaltet – und weil alles Chaos auch kriegerisch ist, zermalmt er als großer Panzerfahrer schon eimal Gedärm und Blut im Erdreich.

Ohne große Töchter

Die Anhänger einer sich perpetuierenden romantischen Vorstellung, dass Kunst Menschen erlöst oder besser macht, finden sich auch in der mächtigen Bruderschaft des Kunstsenats, der die Staatspreis-Träger vorschlägt. Dort sitzt eine einzige Künstlerin, Maria Lassnig, ganz im Sinne der Bundeshymne vom Land der "großen Söhne": Töchter gibt’s im Kunstreich scheinbar keine.

Kleiner Versuch zum Abschluss: mit weniger Skandalen, aber einem wesentlichen, bis heute aktuellen, vielschichtigen Beitrag hat Valie EXPORT den Aktionismus bereichert. Darüber hinaus hat sie aber auch in experimentellen Werken zu Fotografie und Film als eine Begründerin der Neuen Medien das künstlerische Feld für die jüngeren Generationen erweitert und aufbereitet. Zukunftsweisend wäre ihre Wahl gewesen.

Freitag, 16. Dezember 2005


Wiener Zeitung · 1040 Wien, Wiedner Gürtel 10 · Tel. 01/206 99 0 · Mail: online@wienerzeitung.at