BerlinOnline Textarchiv der Berliner Zeitung
08.04.1999

Datum:
08.04.1999
Ressort:
Feuilleton
Autor:
Ulrike Wiebrecht
Seite:
11

AUSSTELLUNG

Sichtverhältnisse Madrid-Berlin

VON ULRIKE WIEBRECHT

Es sind vertraute Klischees, die Gabriele Basch aus Berlin in ihrer Malerei benutzt, um auf der Suche nach Identität "die Unsicherheit der Zeichen" zu konstatieren. Sie formte Stilleben aus schreiend bunten Plastikblumen und ein himmelblaues Kindergesicht, das den Brandt-Zwieback-Packungen nachempfunden scheint. Zusammenhänge von Form und Funktion werden durchbrochen, auf der Leinwand kommt es zu einer Mischung kollektiver und privater Bilder.

Bei Marina Núnez aus Madrid ist das anders: Diese Malerin durchmißt den weiblichen Körper, verfremdet seine Darstellung mit Hilfe der Ästhetik des Horrorfilms. Völlig unvermittelt bricht das Monströse in einer stereotyp dasitzenden Mädchenfigur durch, deren Hände sich vampirartig in den eigenen Rücken krallen. Erst über die Erfahrung des Abgründigen, den "Zusammenbruch der Ordnung", kann sich das Subjekt neu konstituieren.

Diese Arbeiten sind nur zwei Beispiele aus dem weiten Spektrum an Malerei, das die Ausstellung "Madrid-Berlin: Sichtverhältnisse" im Kreuzberger Künstlerhaus Bethanien abdeckt.

Beide Hauptstädte sind mit jeweils sechs jüngeren Künstlern vertreten diese zwölf Positionen ergeben eine Momentaufnahme aus der Kunst beider Länder. Anlaß ist das zehnjährige Bestehen der Städtepartnerschaft Berlin Madrid, die Ausstellung war vergangenen Herbst bereits in der spanischen Metropole zu sehen und fand dort viel Aufmerksamkeit.

In beiden Ländern ist derzeit eine starke Wiederkehr der bis vor wenigen Jahren durch Installationen verdrängten Malerei zu beobachten. Also stellt diese Ausstellung die Frage, was Malerei heute leisten kann, wie sie auf die inflationären Bildwelten in anderen Medien, beispielsweise im Fernsehen, in der Werbung, aber auch in Kunstbereichen wie Fotografie und Video, reagiert und sich nicht zuletzt selbst reflektiert. So kam es zum Titel der Ausstellung: "Condiciones de visibilidad Sichtverhältnisse." Mit den ihnen eigenen Mitteln reagieren Malerinnen und Maler aus Berlin und Madrid auf die Allgegenwart und Dominanz des Visuellen, arbeiten mit Fotos, Film und Bildern aus den Medien dies auf sehr unterschiedliche Weise.

Während die Berliner Malerin Gabriele Basch mit bekannten Zeichen aus Werbung und Industrie operiert, verwendet der Madrider Juan Ugalde Schwarzweißfotos von Hochhaussiedlungen, ummalt sie mit spielerischen Elementen, die eine ironische Distanz zum Realismus des Dargestellten schaffen. Simeón Saíz Ruíz zeichnet Fernsehbilder aus dem Krieg in Ex-Jugoslawien auf und überträgt sie auf großformatige Leinwände. Indem er die vertrauten Bilder ermordeter Zivilisten durch die rasterartige Malerei ins Schemenhafte auflöst, thematisiert der Maler die Wahrnehmung von Wirklichkeit selbst: Eine neutrale Darstellung gibt es nicht, die Wirklichkeit wird immer wieder neu erfunden. Auch Eberhard Havekost ließ sich von TV-Bildern inspirieren; er suggeriert mit breitem Farbauftrag die typische Atmosphäre von Fernsehkrimis, um deren Wahrnehmung zu reflektieren.

Es ist interessant, daß sich bei den Madrider Künstlern ein größeres Beharren auf der Tradition beobachten läßt. In Spanien, dem Land der Maler, scheint der Glaube an das Bild ungebrochener, weniger konzeptionell als bei den Berliner Malern. Deutlich wird das in den Arbeiten des Baselitz-Schülers Alfred Müller. Seine Acrylaquarelle sind einerseits ein entschiedenes Bekenntnis zur Malerei, zur Qualität des Mediums, zum Handwerk. Andererseits trotz und gerade wegen der Alltäglichkeit des Dargestellten sind diese Bilder Reflexion auf die Malerei selbst, auf den künstlerischen Prozeß und den Kunstbetrieb. Ausgehend von eigenen Fotografien zum Beispiel Schnappschüssen anderer Künstler malt Müller gleichsam Bilder von Bildern. Ein Tryptichon entstand aus lauter "Pißbildern" banale Selbstporträts, die den routinierten und oft auch blasierten Kunstbetrieb provozieren wollen. Auf diese Weise bekennt der Künstler sich zum alten Medium Malerei, er setzt in ihr aber eine andere Art sozialer Wirklichkeit ins Recht.

Künstlerhaus Bethanien, Mariannenplatz 2, bis 2. Mai, Mi-So 14-19 Uhr.


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