DiePresse.com

DiePresse.com | Kultur | Kunst | Artikel DruckenArtikel drucken


Wiener Aktionismus: Die Verzweiflung im Blick

18.01.2009 | 18:39 | ALMUTH SPIEGLER (Die Presse)

Eine Ausstellung in der Fotogalerie Westlicht zeigt, wie früh und wie strategisch die Wiener Aktionisten die Fotografie einsetzten. Ästhetisch radikale, rücksichtslos existenzielle Aufschreie.

Die Fotos sind mittlerweile Ikonen: Günter Brus' von einer schwarzen Linie gespaltener, weiß bemalter Kopf, die Augen passiv geschlossen, offensiv daneben die Axt. Die von Otto Muehl in unglaublichen Materialschlammbädern verwüsteten nackten Frauen- und Männerkörper, eine Rose im Hintern machte das morbide Stillleben perfekt. Hermann Nitschs aufgerissene Lämmer, dornenrot. Rudolf Schwarzkoglers bandagierter Körper, schneeweiß. Lauter ästhetisch radikale, rücksichtslos existenzielle Aufschreie im Nachkriegsösterreich, kündend von unaushaltbarem Innen- und Außendruck.

Anfang, Mitte der 60er-Jahre haben Nitsch, Muehl, Brus, Schwarzkogler die damals angesagte gestisch-abstrakte Malerei verlassen, um mit ihren Aktionen die direkte Erfahrung, die brutale Wirklichkeit wieder ins Bild zu holen und umgekehrt. Dafür bedienten sie sich auf immer diffizilere Weise der Fotografie, zuerst dokumentarisch, dann, in den intensiven Jahren 1964 bis 1966, inszeniert wie ein Gemälde. Die Ausstellung „Der chirurgische Blick“ in der Fotogalerie Westlicht zeigt genau diese heiße Phase der Aktionsfotografie: perfekt arrangierte Bilder voll Drastik, aber auch Humor, die davon erzählen, wie ein paar Maler sich mit unglaublicher Aggression gegen sich selbst und die Gesellschaft aufmachten, das (abstrakte) Bild und die Leinwand zu verlassen, um mit anderen technischen Mitteln zu einer neuen, diesmal gegenständlichen Bildsprache zu finden.

 

Orgiastisch? Penibel inszeniert!

Und diese war wohl überlegt: Was oft, vor allem bei Muehl, so spontan und orgiastisch aussieht, war penibel geplant und oft, wie bei Schwarzkogler immer, nur für Fotografen arrangiert. Mitwirkende erzählen von genauen Anweisungen, kühler Atmosphäre, zermürbenden Wiederholungen. Mit dieser kalkulierten Verwendung neuer Medien (Film, Foto) waren die Aktionisten auch international ganz vorn dabei, gemeinsam mit wenigen, ihnen damals nicht bekannten Ausnahmen, wie Carolee Schneemann in den USA.

Dennoch wird die Fotografie als Strategie bei den Aktionisten selten so speziell hervorgehoben wie jetzt in dieser von Hubert Klocker aus der beeindruckenden Privatsammlung von Philipp Konzett kuratierten Schau, die vorwiegend mit originalen Fotoabzügen aus der Zeit bzw. späteren Erstabzügen glänzt. Man merkt die Aura, merkt ihr Alter, ihre Bedeutung, etwa an zwei schon etwas vergilbten, fast monochrom weißen, ungewöhnlich großen Abzügen aus Schwarzkoglers erster, bereits posthumer Ausstellung in der Galerie nächst St.Stephan 1970. Es war sein Ticket zur „documenta 5“, sein internationaler Durchbruch, zu spät, er starb bei einem Sturz aus dem Fenster 1969.

Wie so oft beim schwer verdaubaren Aktionismus sind es die menschelnden Geschichten dahinter, die fesseln: etwa das lachende Gesicht von Schwarzkoglers Gefährtin Edith Adam, das sich auf einem der Fotos plötzlich vor ihren Mann und Nitsch schiebt, beide gerade in Langhaarperücken und voll Schlamm in einer eher unabsichtlich komischen Transvestiten-Aktion verfangen. Oder Anna Brus' verzweifelt-wütender Blick zur Kamera, rücklings am Boden liegend, verschnürt wie ein Paket: Gleich wird sie die „Strangulation“ (1968) ihres Mannes sprengen, das Bild verlassen, sie hält es nicht aus, dass ihrem Mann das Blut in die Augen rinnt. Bald wird Brus seine Aktionen aufgeben und den Schnitt ins Herz mit dem Strich am Blatt ersetzen.

Dem bei den Aktionisten überhaupt immer lebhaften Dialog zwischen Zeichnung, Foto und Aktion widmet Klocker spezielles Augenmerk, er zeigt Skizzen der Künstler, nach denen die Fotografen die Ausschnitte zu wählen hatten oder Collagen von Muehl und Brus, in denen Malerei und Fotografie verschmelzen. Was ein wenig zu kurz kommt, vor allem am Ort einer Fotogalerie, sind die Fotografen selbst. Denn die Aktionisten selbst standen ja nie selber hinter der Kamera.

Wer genau das war, ist gemeinhin wenig bekannt. Ihre Biografien, ihre zwar zurückhaltenden, stilistisch trotzdem unterschiedlichen Bildsprachen herauszuarbeiten würde sich aber durchaus einmal lohnen: Ludwig Hoffenreich etwa, der Pressefotograf, dem von mancher Mitwirkenden ein sexistischer Blick unterstellt wurde. Der Poet unter den Aktionsfotografen, Siegfried Klein (Khasaq), von dessen Werdegang man wenig weiß. Foto-Doyen Franz Hubmann, auch er zückte bei einer der ersten Venus-Versumpfungen Muehls die Kamera. Heinz Cibulka, Schwarzkoglers Lieblingsmodell und wesentlicher Fotograf von Nitschs O.M.-Theater. Und natürlich Franziska Krammel, früher Cibulka, damals die einzige fotografierende Frau.

20.1. bis 22.3. Westbahnstr. 40, Wien 7; Di., Mi., Fr. 14–19h, Do. 14–21h, Sa., So. 11–19h.


© DiePresse.com