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Dorotheum: Kopf- und andere Jäger

23.10.2010 | 18:27 | von BARBARA PETSCH (Die Presse)

Das Dorotheum wird künftig auch außereuropäische Kunst anbieten. Erwin Melchardt, jahrzehntelang Kunstkritiker und Sammler, wählt sie aus.

"Ich bin Religionsethnologe und Atheist“, sagt Erwin Melchardt. Obwohl er 43 Jahren lang in seiner Wiener Wohnung über 4000 Objekte gesammelt hat, von denen viele Göttern und Geistern dienten, ist der 66-Jährige überzeugt, dass mit dem Tod alles zu Ende ist und Zeremonien nur dafür da sind, mit „dieser unfassbaren Tatsache“ zurechtzukommen. Seit Kurzem sammelt der langjährige Kunstkritiker der „Kronen Zeitung“ fürs Wiener Dorotheum. Jeden zweiten Montagvormittag bzw. nach Vereinbarung prüft er Objekte. 2011 soll die erste Auktion stattfinden – und anschließend immer zwei im Jahr. 150 bis 200 Objekte können jeweils angeboten werden.


Dass er aus seiner Sammlung Exponate anbiete, sei vertraglich ausgeschlossen, es komme aber auch gar nicht in Frage, betont er. Stundenlang kann Melchardt Geschichten erzählen, von tibetischen Masken, einem Schrumpfkopf, einem Mumienschädel, seiner Tontöpfesammlung oder vom Torso eines 500 Jahre alten Christus aus Südpolen, den er im Stadel eines niederösterreichischen Antiquitätengroßhändlers entdeckte.

Qualitätvolles wird rarer, seit internationale Auktionshäuser mit Tribal Art Millionen umsetzen. Die Preise sind kontinuierlich gestiegen, erzählt Melchardt. Eine afrikanische Maske erzielte 6,4 Millionen Euro. „Gutes, altes Afrika ist sehr teuer geworden, Polynesien oder Ozeanien. Es gibt Moden. Immer wenn in Paris, London oder New York eine große Ausstellung mit der Kunst eines Stammes war, gehen die Preise in die Höhe.“ Bei Drouot wurde dieser Tage die Sammlung von Pierre und Claude Verité versteigert: 500 Objekte afrikanischer und ozeanischer Kunst brachten 44 Millionen Euro – ein Rekord!

Forschungsexpeditionen, von denen vor allem Wiener Museen früher profitierten, spielen heute keine Rolle mehr. Die meiste „Ware“ kommt aus dem Handel. „In Wien gibt es eine mittelgroße Gruppe von Sammlern. Man kennt einander. Es gibt wenige Händler. Das meiste spielt sich im privaten Bereich ab. Man muss eben schauen, wo man frisches, älteres Material bekommt“, erklärt Melchardt. Sein ältestes Stück, ein Kopf der Nok-Kultur, stammt von 200 v. Chr. Nok-Figuren gehören zur ältesten Figuralkunst Schwarzafrikas. Tribal Art ist belastet mit der Erinnerung an Raub und Kolonialismus. Die Franzosen gaben jüngst Neuseeland 16 mumifizierte Maori-Köpfe zurück. „Man muss diese Dinge von Fall zu Fall entscheiden. Die Federkrone des Montezuma aus dem Völkerkundemuseum, die immer wieder von Mexiko verlangt wird, würde ich nicht zurückgeben, weil sie mit Montezuma nichts zu tun hat und auch nicht auf der Liste der ersten Beuteobjekte ist, die Cortés Karl V. nach Brüssel geschickt hat“, so Melchardt.

Was sind die Kriterien für Echtheit? „Gebrauchsspuren“, sagt Melchardt: „Die Maske muss getanzt haben.“ Was ihn an Tribal Art am meisten fasziniert? „Sie ist das Gegenteil des Individualismus der europäischen Kunst, wo nur das Ich zählt. Tribal Art ist kollektiv und anonym. Dass man die Namen der Schöpfer kennt, ist die Ausnahme.“


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