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BA-CA Kunstforum: Anleitung zum Voyeurismus

28.02.2007 | 18:12 | ALMUTH SPIEGLER (Die Presse)

Eine Materialschlacht nackter Frauenleiber verkauft das BA-CA Kunstforum unter dem Titel "Eros".

Weniger als drei Prozent aller Künstler in den Moderne-Sektionen der Museen sind weiblich, dafür aber 83Prozent aller Aktdarstellungen. Hätte man je um eine Beweis-Ausstellung dieses Plakatspruchs gebeten, den die „Guerilla Girls“ 2005 bei der „Biennale Venedig“ ausgehängt haben – in Wien findet man sie jetzt.

„Eros in der Kunst der Moderne“ heißt eine mit einer Unmenge großer Bilder und einer Unmenge großer Namen auffahrende Gruppenausstellung im BA-CA Kunstforum, wo man schreierisch Kunst „an der Grenze zu Perversion, Sexualität, Pornografie“ ankündigt. Ohne auch nur in einer Fußnote darauf hinzuweisen, dass die Quote, auf die in diesem Ausstellungsfall zuvor schon die Baseler Foundation Beyeler schielte, über die nackten Leiber von seit Jahrhunderten ausgebeuteten namenlosen Modellen erzielt wird.


Im Kunstforum sabbert es lüstern

Dutzende Ausstellungen, etwa „Die nackte Wahrheit“ in der Schirn Frankfurt und im Leopold Museum, haben bereits gezeigt, wie auf diese Problematik optisch ansprechend und wissenschaftlich fundiert aufmerksam gemacht werden kann. Aber nein, im Kunstforum sabbert es. Und in dieser mit „Eros“ betitelten Ausstellung derart penetrant lüstern nach sich willig offerierendem Weibsfleisch, dass man fälschlicherweise meinen könnte, die Auswahl wurde von einem Grüppchen Greise auf Viagra bestimmt.

Nach der dritten, zehnten, zwanzigsten kopflosen Vulva, kunsthistorisch oft so nett als „weiblicher Torso“ bemäntelt, beginnt es der sensibilisierten Besucherin im Magen zu kribbeln. Allerdings nicht vor Erregung, sondern vor Ekel. Und dem schlimmsten Vorurteil entsprechend drängen sich auch schon beim Presserundgang die reiferen Semester plötzlich gerade in dem Eck des wohl lasziv gemeint rot ausgemalten „Kabinetts“, wo sich sattsam bekannte Kamasutra-Szenen befinden.


Die Frau als Pinsel

Wenigstens gerne einen Tipp bekommen hätte man, welcher Teufel das Rodin-Genie denn eigentlich geritten hat, dass seine „Götterbotin Iris“ die Beine derart tänzerisch auseinanderspreizen muss und uns ihr Genital so drohend anspringt – bequem auf Augenhöhe montiert natürlich. Es folgen Klimts Masturbierende, Schieles Schamlose, Beckmanns Katzenhafte – alles Namenlose. Selbst Lucian Freud legt in einem Aktbild mehr Wert auf den Namen eines Hundes („Pluto“) als auf die Vornamen der „Bateman-Sisters“. Nicht zu schweigen von Yves Klein, der Frauenkörper gerne als Pinsel benutzte.

Das sind jetzt nun alles keine sonderlich überraschenden Erkenntnisse, Geschichte und Tradition der weiblichen Aktdarstellung wurde von der feministischen Kunsttheorie seit den 60er-Jahren bereits entsprechend rauf und runter gewatscht. Eine dementsprechende Aufklärung sollte deshalb Standard in allen Ausstellungen sein.

Wobei hier nur ja keiner falschen Prüderie nach dem Mund geredet werden soll! Nacktheit, Sex, Perversionen – alles spiegelt sich in der Kunst wider und muss auch phänomenologisch untersucht werden. Wie Peter Weibel es etwa 2003 in der Neuen Galerie Graz mit dem Masochismus getan hat. Die zwei Bände über das „Phantom der Lust“ sind bis heute das umfassendste Standardwerk dieser Kunst mit (Ein-)Schlag.

Aber unter falschen Vorwänden wie „Erotik war und ist die treibende Kraft für alle Kunst“ darf heute nicht mehr so getan werden, als wäre Puppe gleich Puppe. Hans Bellmers happengerecht verschnürte Frauenleiber haben absolut nichts zu tun mit Cindy Shermans entmenschlichten Porno-Konglomeraten aus Prothesen. Dass sie im Kunstforum zu Nachbarn wurden, ist unerhört. Und dass zwischen ihnen Hardcore-Bondage-Comics ausgestellt werden müssen, ebenfalls nicht zu rechtfertigen. Es fügt einer Armada verstümmelter, unterworfener Frauenkörper einfach weitere hinzu.

Da tröstet Louise Bourgeois' auf Draht gehängter Riesenpenis mit dem bitterbösen Namen „Fillette“ (kleines Mädchen) auch nicht – er wirkt, als einer der ersten Phalli im vorletzten Raum dieser Ausstellung, wie eine allzu plumpe Emanzenrache an dieser Eros-Schau, die eher ins Eros-Kino gepasst hätte.

Bleibt nur noch der Keller, hier, in den „Tresor“ wurde das Quäntchen an Subversion verbannt, das dem zum unkritischen Voyeurismus hier nahezu angeleiteten Betrachter zugemutet wird: Etwa Bruce Naumans stilisierte masturbierende Neon-Reklame und die sodomistischen Scherze einer Nathalie Djurberg (s. Artikel unten).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.03.2007)


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