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Kunstberichte

Expansion der Körper

30 Jahre Foto und Film auf fünf Ebenen: "Why Pictures Now" im Mumok
Illustration
- Christopher Williams: Kodak Three Point Reflection Guide, 1968 Eastman Kodak Company  Foto: Mumok

Christopher Williams: Kodak Three Point Reflection Guide, 1968 Eastman Kodak Company Foto: Mumok

Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

Am Ende einer Serie von Ausstellungen, die sich dem Sammeln verschrieben hatte, folgt nun die eigene Leistungsschau über alle Geschoße des Mumok. Kein kleiner Anspruch, der jedoch auch demonstrieren soll, dass zu wenig Platz für die neueste Kunst vorhanden ist. Direktor Edelbert Köb liebäugelt mit der Expansion des Museums in die Rinderhallen St. Marx. Die Idee wird von Bund und Land unterstützt und damit durchführbar – wäre da nicht eine ausgelagerte Stadterweiterungsgesellschaft, die dort ein Oldtimermuseum plant und nichts von einer Kooperation hören will. Schade für die Museumsstadt Wien, die ähnlich wie Basel ein Schaulager mit neuen Ausstellungsflächen bekäme.

Vier Kuratoren zeichnen für die Ausstellung der Neuankäufe seit 2002 verantwortlich: der Direktor selbst, aus dem Haus zudem Achim Hochdörfer und Matthias Michalka. Christian Kravagna ist Berater für die außerwestliche Szene mit Fotografie aus Südafrika, Japan und China. Dazu findet am 23. und 24. Juni auch ein Symposium statt.

Der neue Schwerpunkt in Richtung "Fotografie, Film, Video heute" wurde bereits unter Direktor Köb 2003 in die Ausstellungspolitik integriert, der Übertitel "Why Pictures Now" stammt von einer Arbeit Louise Lawlers, die ebenso inhaltlich Akzente setzt.

Gleich im Eingangsbereich ist mit zwei Fotos Thomas Struths zur "Audience"-Serie die institutionskritische Richtung angelegt. Wahrnehmungsfragen wie die Analyse medialer Bilder unseres Alltags treffen auf gesellschaftliche Bezüge des Einzelnen: Kulturelle Identität und Nachdenken über die Funktion des Museums passieren im Publikum. Manchmal ist dieser intellektuelle Ansatz der Kuratoren für die Allgemeinheit wohl zu streng kunsthistorisch angelegt.

Pathosformeln eines Jeff Wall oder James Coleman werden herrlich von Künstlern wie Anna und Bernhard Blume oder Matthias Herrmann konterkariert, wie auch von doppelten Brüchen der "unscharfen Frauen" nach pornografischem Material von Eva Schlegel. Nan Goldin, Leo Kandl, Lisl Ponger oder Nobuyoshi Araki kombinieren soziale Szenen mit dokumentarischer Realität – nur Dokument sind die Industriearchäologien von Bernd und Hilla Becher. Ein letzter Schwerpunkt verweist daneben auf Modelle, Architekturen, Design und innerbildliche Struktursuche, etwa von Lois Renner, Thomas Demand oder Roman Ondak.

In der Schau können leider nicht alle 400 Ankäufe gezeigt werden: zur Unterstützung durch die Sammlung Ludwig kamen Schenkungen, Dauerleihgaben des ehemaligen Volpinums und die eigene Abteilung einer Telekom Austria Mediensammlung.

Mumok Ebenen 3,4,6,7,8

Bis 1. Oktober

Eine Flut von Bildern.

Samstag, 10. Juni 2006


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