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Fotografie: "Hier bin ich. Ich bin nackt"

30.11.2010 | 12:41 | VON HEIDE RAMPETZREITER (DiePresse.com)

Der österreichische Fotograf Andreas H. Bitesnich präsentiert in Wien seine neue Serie "Erotic". Mit DiePresse.com sprach er über seine Karriere, seine Modelle und Leni Riefenstahl.

DiePresse.com: Sie stammen aus dem Arbeitermilieu - wie kamen Sie zur Fotografie? Wie wurden Sie Profi-Fotograf?

Andreas H. Bitesnich: Ich habe jemanden kennen gelernt, der in Mailand als Fotoassistent gearbeitet hat und der hat mir seine Fotomappe gezeigt. Das hat mich so umgehauen, dass ich von heute auf morgen wusste, dass ich das auch machen will. Es ist plötzlich in einen machbaren, in einen realistischen Bereich gekommen, wo ich mir gedacht habe, wenn das jemand kann, der mir gegenübersitzt, dann kann ich das auch. Ich habe mir dann eine Kamera gekauft und begonnen, alle Verwandten und Bekannten zu fotografieren und hab dann in einem Fotostudio eine Stelle bekommen, habe meinen Beruf aufgegeben und dann dort gearbeitet. An einem Punkt habe ich mich dann selbstständig gemacht und bin ins Ausland gegangen. So hat sich das nach und nach entfaltet bis zu dem Punkt, wo wir heute sind. Jetzt wird mein siebtes Buch veröffentlicht und im Sommer voraussichtlich mein achtes.

Wie gehen Sie an Ihre Bilder heran? Haben Sie eine genaue Vorstellung oder probieren Sie im Studio herum?

Bitesnich: Nachdem ich mit Menschen arbeite, ist es unumgänglich, dass man auf den jeweiligen Menschen eingeht, auf die Gefühle, auf die Stimmung, Jeder ist anders, das ergibt immer neue Voraussetzung. Es ist ein Geben und Nehmen: Das Modell braucht den Fotografen, der Fotograf braucht das Modell und dann beginnt diese Dynamik - deswegen ist kein Bild wie das andere und man kann auch kaum ein Bild nachstellen. Das Bild ist geprägt von den Persönlichkeiten der Mitspieler.

Wie wählen Sie Ihre Modelle aus?

Bitesnich: Es bewerben sich sehr viele Modelle bei mir per Email mit Fotos - das wird mehr und mehr. Es gibt natürlich Modellagenturen, bei denen ich Modelle finde beziehungsweise lerne ich jemanden durch Auftragsarbeiten kennen.

Angesichts dieser Flut an Emails: Wieso entscheiden Sie sich für oder gegen jemanden?

Bitesnich: Ein, zwei Mal im Jahr beeindruckt mich ein Email. Das gibt dann auch oft die eine oder andere Idee und die passt zufällig auf die Person und dann ist eine Basis geschaffen und ich arbeite los.

Gibt es eine Geschichte zu den aktuellen Fotos?

Bitesnich: Als meine Großmutter verstorben ist, haben wir in einer Lade Fotoapparate vom Großvater gefunden. Aktfotos und Glasnegative die er in den 20er Jahren gemacht hat. Diese Serien haben indirekt als Referenz gegolten für meine aktuelle Serie. Das Modell ist sein Modell - sie sieht nur anders aus. Sie hat sich bei mir auch per Email beworben. Der Funke ist gleich übergesprungen und so haben wir vier Mal miteinander fotografiert und jedes Mal ist etwas Tolles entstanden und so war schnell klar, dass das ein Buch werden wird.

Die neue Serie heißt "Erotic". Sie gelten als "Bildhauer unter den Fotografen", ihre Fotos strahlen eine gewisse Kühlheit aus - wie passt das zur Erotik?

Bitesnich: Ich habe mich immer gewundert, wenn Leute meine Bilder als erotisch bezeichnet haben, obwohl sie skulpturell und formal angelegt waren. Damit war ich nie einverstanden. Deswegen habe ich bewusst diesen Titel gewählt, um dem quasi eine Flucht nach vorne zu machen und zu sagen: "Ihr wollt Erotik? Das ist, was man aus meiner Warte aus als erotisch bezeichnen kann." Deswegen dieser fast provokanten Titel, eine Bezeichnung, die zu meinen Bildern nicht wirklich passt. Es ist jedenfalls mit etwas Augenzwinkern gedacht.

Die sind wieder in Farbe, ihre bekanntesten Bilder sind schwarz-weiß. Wieso haben Sie gewechselt?

Bitesnich: Das hat für das Thema gut gepasst. In dem Buch sind auch viele Farbbilder drinnen - ein Drittel schwarz-weiß, zwei Drittel Farbe. Ich entscheide das aus dem Bauch heraus. Für mich muss die Farbe immer eine Berechtigung haben. Wobei die Farbe in den meisten Fällen fast monochrom ist, mehr als zwei Farben kommen kaum vor.


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