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Kunst und Lieben

Aufzählung (cai) Das ist ungefähr so, als würde man einen leeren Bilderrahmen aufhängen. In dem ist auch nix drin. Einige Besucher, die den Kunstraum Niederösterreich kunstwillig betreten haben, sollen den Ort jedenfalls fluchtartig wieder verlassen haben. Die haben halt die Ausstellung nicht gefunden. Ja, als in der Secession ein Swingerclub installiert war, da war jedem sofort klar , dass das ein erotisches Kunstwerk ist, noch dazu eines in 3D, bei dem man mitten drin ist und wo es ums klassische Thema "Kunst und Lieben" geht (äh, "Lieben" ohne i, nein: doch mit). Aber weil Judith Fegerl viel diskreter ist, werden die Erotik wohl nur die Psychotherapeuten erkennen. Und die Elektriker.

Fegerl hat den Raum bis aufs Es ausgezogen. Sie hat Wände eingerissen, die Lichter abmontiert, und sie hat alle Kabel freigelegt. Da gibt’s nun diverseste Löcher zum Reinspechteln. Architektur hat eben auch ein Unbewusstes. Ohne diese geradezu psychoanalytische Aktion wäre man womöglich nie draufgekommen, wieso es immer so heiß gewesen ist. Nämlich nicht wegen der Erderwärmung. Sondern weil jemand voll aufgedrehte Heizkörper eingemauert hatte. Kaum waren die Wände davor weg , konnte man die verdrängte Heizung endlich bewältigen (sie abdrehen). Diese Ausstellung wird vielleicht nicht das Klima retten, aber sie hilft beim Energiesparen. Schon allein, weil keine Lampe mehr da ist, die man einschalten könnte. Und jeder Kontakt zur stromfressenden Außenwelt wurde blockiert. Der Raum ist jetzt so selbstgenügsam, das grenzt ja bereits an Ona-, äh, tja. Indem Fegerl sich weigert, "richtige" Kunst auszustellen und lieber den Kunstraum seziert, bringt sie uns glatt dazu, ordinäre Kabel anzustaunen wie was Pikantes von Klimt oder Schiele. Wenn das keine Kunst ist.

Kunstraum Niederösterreich
Herrengasse 13, 1014 Wien
Judith Fegerl: "Self", bis 24. Juli
Di. – Fr.: 11 – 19 Uhr, Sa.: 11 – 15 Uhr

Frauen sind jetzt Männer

Aufzählung (cai) Ich kann mich ja beherrschen (weil ich keine Enthüllungsjournalistin bin) und mich mit dem Konjunktiv begnügen. Was wäre also, wenn die junge afroamerikanische Künstlerin Donelle Woolford eigentlich weiß und fast 50 wäre und – Joe hieße? Na ja, das wär’ wie im Film "Wer ist Mr. Cutty?" mit Whoopi Goldberg. Nur andersrum. Dann müsste keine dunkelhäutige Frau einen weißen Chef erfinden, um mit ihren eigenen Ideen Karriere machen zu dürfen, sondern ein Künstler müsste heute halt schwarz sein und Eier stöcke haben. Schwarz wäre das neue Weiß und Frauen wären die neuen Männer. Und Woolfords Kunst? Wär’ ohne diese Mystifizierung Hausfrauenfolklore. Stoffrestln wie Wäsche aufzuhängen ist ... jedenfalls kein feministisches Manifest. Und die Holzmosaike? Expressive Porträts von – Parkettböden?

Galerie Martin Janda
Eschenbachgasse 11, 1010 Wien
Donelle Woolford, bis 30. Juli
Di. – Fr.: 13 – 18 Uhr, Sa.: 11 – 15 Uhr

Das Chaos räumt auf

Aufzählung (cai) Kunst betrachtet man sowieso auf eigene Gefahr. Drum fehlt bei den Bildern von Esther Stocker auch der Sicherheitshinweis: "Achtung: Von Zwangsneurotikern fernhalten!" Ordnungsfanatiker riskieren ja einen Nervenzusammenbruch beim Anschauen dieser systematisch sabotierten Muster. Die ausgeklügelte Unordnung ist eine gemalte Relativitätstheorie: Ordnung ist relativ. (Nämlich relativ chaotisch.) Man starre ein Schachbrett an und schiele. Dann kann man sich noch nicht einmal annähernd vorstellen, was da los ist. Raster entgleisen mit unheimlicher Präzision. Dem Aug’ und dem Hirn wird garantiert nicht fad.

Galerie Krobath
Eschenbachgasse 9, 1010 Wien
Esther Stocker, bis 31. Juli
Di. – Fr.: 13 – 18 Uhr, Sa.: 11 – 15 Uhr

Printausgabe vom Mittwoch, 21. Juli 2010
Online seit: Dienstag, 20. Juli 2010 17:25:00

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