Salzburger Nachrichten am 5. Oktober 2005 - Bereich: kultur
Essays der Vergänglichkeit

"steirischer herbst": "Werkblick" von Manfred Willmann in der Neuen Galerie

MARTIN BEHRGRAZ (SN). "Über die Welt etwas sagen, heißt, die Wirklichkeit der Dinge darstellen. Möglichst genau sein und nicht träumen." Das sagt der 53-jährige Fotokünstler und Ausstellungsmacher Manfred Willmann. Seit drei Jahrzehnten arbeitet der Grazer an den - in der künstlerischen Praxis oft vernetzten - Themen Mensch, Natur und Leben. Im Rahmen des "steirischen herbstes" zeigt die Neue Galerie Graz derzeit einen "Werkblick" über das Schaffen des Steirers.

Viele seiner Bildserien sind Essays über die Vergänglichkeit, über das Werden und Vergehen in der Landschaft: die Katze mit dem vom Töten noch blutigen Maul, der in einer Blutlache schwimmende Schweinskopf, der Rohbau eines Einfamilienhauses oder die ersten Blüten, die sich durch die schwere Schneedecke gekämpft haben. Vor allem die Serien "Das Land", "Schwarz und Gold" sowie "Das Leben ist schön" zeigen herb-schöne Steirerblicke, deren Geheimnis und Brutalität an die Filmästhetik von Peter Greenaway oder David Lynch erinnern.

Manfred Willmann schaut mit dem Objektiv seiner Kamera dorthin, wo andere nichts Bedeutsames erkennen können. Der von ihm praktizierte Realismus ist aber keine vorgegebene Objektivität; durch die Wahl seiner Ausschnitte, durch teilweise extreme Ausschnitthaftigkeit und die Verwendung des Blitzlichtes (auch am Tag) schafft der Künstler eine fast schon künstlich wirkende Poetisierung des Realen. Es ist kein Traum, keine Verklärung, die Willmann den Betrachtern vermittelt, wohl aber eine Wirklichkeit, die sich von ungeschminkter Reportage abhebt.

In den 70er Jahren war Willmann einem konzeptionellen Ansatz verpflichtet, er präsentierte sich in collageartigen, mehrteiligen Selbstporträts oder lichtete Freunde und Bekannte in "Kontaktporträts" ab. In jüngsten Arbeiten ist Willmann zu (porentiefen) Gesichtsdarstellungen - diesmal in Farbe - zurückgekehrt, seit kurzem gibt es auch Detailaufnahmen verletzter Finger. Er zeigt vor einem schwarzen Hintergrund geschundene, von Arbeit gezeichnete Finger, brüchige Nägel, in schmutzige Heftpflaster gehüllte Fingerkuppen. Spuren des Lebens eben, radikal in Szene gesetzt, verdeutlicht. Manfred Willmann. Werkblick: bis 1. November 2005, Info: www.neuegalerie.at