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Kunsthalle: Wien hinter dem Spiegel

04.03.2010 | 18:29 | ALMUTH SPIEGLER (Die Presse)

Ausstellung „Lebt und arbeitet in Wien“. Drei Kuratorinnen „von außen“ haben sich in einem verführerisch internationalen Spiegelbild der Wiener Kunstszene verloren – das Wien vergessen macht.

Als erstes tritt man vor den Spiegel – und während man noch die lustigen Bubbles bewundert, die der flüssige Klebstoff als „Farbe“ auf dem glänzenden Bildträger hinterlassen hat, ist man schon eingesaugt, schon drinnen im Wunderland. Kommt auf der anderen Seite des Spiegels heraus, blickt ängstlich zurück – und steht vor einem „Harmolodischen Gebirge“, einer kristallin-abstrakten Vision in Pastellfarben, mit der Tillman Kaiser sich selbst und uns überraschen will. Der Eindruck steigert sich ins Psychedelische, wenn Constantin Lusers ungewohnt bunte Farb-Fineliner-Gespinste auf Aluplatten eine Gegend zu kartografieren scheinen, die uns direkt zu einer Hütte aus Pappkarton führt. In der Marianne Vlaschits als androgyne Sirene in einem Video singend exotische Früchte hackt, in der eine Matratze mit aufgemaltem Cunnilingus zwar real, aber verboten zur Rast bereitsteht und an deren Wänden Malereien hübscher junger Männer hängen.

Wo wir hier nur gelandet sind? „Lebt und arbeitet in Wien“ heißt die Ausstellung in der Kunsthalle. Sie sollte besser „Träumt in und flüchtet aus Wien“ heißen. Der dritte Teil dieser alle fünf Jahre „von außen“, also von „ausländischen“ Kuratoren erarbeiteten Szene-Rundschau ist über weite Strecken die Dokumentation einer künstlerischen Österreichflucht, zum Teil auch Realitätsflucht. Isa Schmidlehner malt verführerisch geheimnisvolle Fantasiewelten auf Leinwand, in denen das hölzerne Baselboot der „Mahonys“ regelrecht zu ankern scheint, das im Stock darüber vom Amazonas-Trip der Gruppe auf den Spuren Fitzcarraldos zeugt. Lukas Pusch dagegen reiste mit seiner White-Cube-Galerie im Lastwagen nach Sibirien, um auf den Spuren Emil Noldes eine neue Südsee zu finden, von dieser Suche erzählen schnelle Aquarelle idyllischer, scheinbar unberührter Landschaften.

 

Ventilator für das Cabriofeeling

Das physische Reiseerlebnis liefert „Cut and Scrape“ (der 1973 in New York geborene Gardner Woods) – mit Hilfe eines Ventilators fürs Cabriofeeling und eines Guckkastens, hinter dem eine Wüstenlandschaft rotiert, für den Cruising-Effekt. Der Künstler mit seinen grob gebastelten Sehmaschinen ist jedenfalls eine Entdeckung in dieser Ausstellung: Ein weiterer kleiner Guckkasten spiegelt einen in die Unendlichkeit führenden Stacheldrahtzaun vor, ein anderer abendliche Hauptverkehrsstimmung in irgendeiner Großstadt.

Es ist interessant, dass gerade die Arbeiten, die in die Stadt Wien hinausführen, nicht materiell präsent sind in der Ausstellung – ein geführter Guerilla-Citywalk von Oliver Hangl etwa. Oder der Katalog, der als eine Ausgabe des Kulturmagazins „Touristen“ gestaltet wurde und in dem u.a. die Künstler Kaffeehaus-Tipps geben. Hier wird spürbar, was mit einer „Standortbestimmung“ der Wiener Kunstszene gemeint sein könnte. Hier kommen sie etwa vor, die in den vergangenen Jahren die Wiener Szene so prägenden, selbst organisierten Kunsträume, die in der Ausstellung nur indirekt durch den Kunstbuchsalonkünstler Bernhard Cella und die Sternenlampen von Ve.Sche-Betreiber Martin Vesely präsent sind. Hier wird es sogar ein bisschen politisch, der jüngste Studentenstreik, der schließlich von der Kunstakademie ausging, zumindest erwähnt. Die in der Kunsthalle gezeigte Kunst dagegen ist im engeren Sinne völlig unpolitisch, auch sozialkritische Projekte kommen – anders als in den vergangenen zwei Ausgaben von „Lebt und arbeitet“ – praktisch nicht vor. Ist diese Flucht auf die andere Seite des Spiegels eine Auswirkung der Krise? Eher spiegelt es (konservative) Interessen der Kuratorinnen wider.

Daher wohl auch der Schwerpunkt auf Malerei. Hier sticht der 1981 in Banja Luka geborene Drago Persic mit seinen dunklen Blicken in den nur spärlich aufglimmenden Blätterwald (des Wohnzimmers, des Unbewussten?) heraus. Mehr denn je ist hier die Internationalität nicht nur der Wiener Szene zu spüren – Künstler von New York, Deutschland, Griechenland et cetera ziehen hierher. Sondern auch die Globalisierung der Kunstszene im Allgemeinen, für die ein Wohnort frei gewählte Basisstation heißt. Nicht unbedingt mehr Reibefläche.


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