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Kunstberichte
München: Ai Wei Wei zeigt im Haus der Kunst die Ausstellung "So Sorry" mit Installationen und Fotografien

China in Trauer, Tradition und Gewalt

9000 Rucksäcke an der Front des Hauses der Kunst als Erinnerung an eine Katastrophe: "Remembering" (2009) des chinesischen Künstlers Ai Wei Wei. Foto: Ai Wei Wei

9000 Rucksäcke an der Front des Hauses der Kunst als Erinnerung an eine Katastrophe: "Remembering" (2009) des chinesischen Künstlers Ai Wei Wei. Foto: Ai Wei Wei

Von "WZ"-Korrespondentin Bettina Louise Haase

Aufzählung "Remembering" heißt das Kunstwerk, das der chinesische Künstler Ai Wei Wei für die Fassade des Münchner Haus der Kunst entworfen hat: Es besteht aus 9000 eigens angefertigten Rucksäcken, mit denen er das Erdbeben von Sichuan ins Gedächtnis rufen will, bei dem am 12. Mai 2008 mehrere tausend Kinder starben. In vielen Schulen fanden sich Rucksäcke der verschütteten Kinder.

Die farbliche Anordnung der Rucksäcke an der Außenwand des Haus der Kunst ergibt in chinesischen Schriftzeichen den Satz: "Sieben Jahre lang lebte sie glücklich in dieser Welt". Mit diesem Satz gedachte die Mutter eines Erdbebenopfers ihrer Tochter. Das pixelhaft wirkende Großbild erstreckt sich über eine Länge von 100 Metern und eine Höhe von zehn Metern über die gesamte Fassade und ist mit einer Stahlkonstruktion an den Säulen vorm Haus befestigt.

Stürme und Kriege

Auch innen erzählen die Installationen des Künstlers von Stürmen, Krieg und Frieden. Sanft hat Ai Wei Wei auf einen Teppich knorrige Holzstümpfe gebettet, jeder einzelne ein eigener Charakter. Er hat Baustümpfe aus ganz China zusammengetragen und sie in Hitlers ehemaliger Ehrenhalle zu einer Installation gruppiert. Wer sich barfuß zwischen ihnen hindurch bewegt, spürt die Energie, die von diesen alten Stämmen ausgeht. Synergien erzielt Ai Wei Wei, wenn er aus alten Materialien neue Skulpturen entstehen lässt, wie beispielsweise die Installation "Grapes", bei der er 20 Stühle aus der Qing Dynastie (1644–1911) zu einer neuen Form kombiniert.

Die Schau ist eine Sammlung von Zitaten aus Historie und Gegenwart, die völlig willkürlich zusammengestellt scheint: Signifikant für die Inhaltslosigkeit ist auch der Titel der Ausstellung, "So Sorry", der eine Anspielung auf die Entschuldigungsarien der Politiker sein soll, die mit dieser Floskel Finanzkrise, Menschenrechte oder den Einsturz der Schulen beim Erdbeben in Sichuan rechtfertigten.

Wahrscheinlich hat Ai Wei Weis Lebensweg die Floskelartigkeit, das Unverbindliche im Wesen des Künstlers selber, geprägt: Er zog 1981 nach New York und blieb dort bis 1993. Dann kehrte Ai Wei Wei nach China zu seinem kranken Vater zurück und lebt seitdem in Peking. Der Künstler bewegt sich souverän zwischen China und dem Westen und macht diesen Raum zu seiner Kunst.

Vernebelungen

Dazu zählen auch zahllose Blogbeiträge, Artikel, Fotos und Interviews, die zum Inhalt seines Werks geworden sind. Doch das Konkrete geht dabei verloren. Ai Wei Wei will und lässt sich nicht festlegen, auf Fragen zur Politik seines Landes und seinem Standpunkt dazu bezieht er keine Stellung – und das, obwohl er selber immer wieder zwischen die Fronten gerät und mit der chinesischen Staatsgewalt konfrontiert ist. Ai Wei Wei dokumentiert die auf ihn einschlagenden Polizisten einfach mit der Kamera und macht daraus lieber ein Kunstevent als einen Skandal.

Aufzählung Ausstellung
So Sorry
Arbeiten von Ai Wei Wei
Haus der Kunst, München
(Prinzregentenstraße 1),
Zu sehen bis 17. Jänner 2011
täglich von 10–20 Uhr, Donnerstag bis 22 Uhr

Printausgabe vom Donnerstag, 15. Oktober 2009

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