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Kunstberichte

Vom Dorf zur weiten Metropole

Wien Museum: Nach Umbau Wiedereröffnung mit reizvollen Werken des Stadtfotografen August Stauda
Illustration
- Vorstädtische Bieroase, längst entschwunden: Eine Straßenszene in der Wiener Salzergasse, von Stadtfotograf August Stauda im Jahr 1901 porträtiert.  Foto: Wien Museum

Vorstädtische Bieroase, längst entschwunden: Eine Straßenszene in der Wiener Salzergasse, von Stadtfotograf August Stauda im Jahr 1901 porträtiert. Foto: Wien Museum

Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

Nach nur drei Monaten Umbau hat das Wien Museum ein neues, sehr gelungenes Foyer, erweitert für Shop und Kassa, mit schönen Durchblicken zum Atrium. Dazu gibt es einen neuen Sonderausstellungsbereich im ersten Stock und eine Schülergarderobe sowie einen Arbeitsraum im Untergeschoß.

Didi Sattmann hat diese Arbeit des Architektenteams BWM künstlerisch dokumentiert, seine Fotos sind als Band im überdachten Innenhof zu sehen. Die unaufdringlich eleganten Lösungen, mit großer Rücksichtnahme auf Oswald Haerdtls Architektur, zeigen, dass Museumsumbauten – auch ohne Sondermittel – gelingen können.

Unentdeckter Kontinent

Zur Wiedereröffnung ist der Stadtfotograf Wiens um 1900, August Stauda (1861-1928), ausgewählt worden, der vor einem Jahr in Paris und schon in der Alt-Wien-Schau neu entdeckt wurde. Der gebürtige Böhme zog 1882 nach Wien und lernte das Fotografieren von seinem Onkel; sein erstes Atelier war in der Schleifmühlgasse 5 angesiedelt, an der heutigen Adresse der Galerie Kargl. Als eine Art John Ruskin in Sachen Denkmalpflege trat damals Graf Karl Lanckoronski-Brzezie als Besteller auf, daneben aber bereits das Historische Museum und private Auftraggeber, meist Architekten und Künstler. Aus dem "unentdeckten Kontinent" (Direktor Wolfgang Kos) der eigenen Bestände von etwa 3000 Aufnahmen hat Kuratorin Susanne Winkler nach verschiedenen Kriterien ausgewählt. Stauda hielt vor allem die abrissgefährdeten Vorstädte fest, die barocken und biedermeierlichen Häuser und Innenhöfe, aber auch ihre Bewohner.

Wenig erhalten

Die ersten Fabriken, Geschäfte, Plakatwände und Zwischenbereiche wie etwa Brunnen, Stiegen oder gepflasterte enge Gassen porträtierte er allerdings ebenso. Nur ganz wenige dieser Gebäude, dabei eher die Klöster, Kirchen, Palais oder der Andromedabrunnen, sind heute noch erhalten. Geordnet nach Bezirken werden nun im Wien Museum Vergangenheit und Gegenwart verglichen, Plätze im Wandel gezeigt. Die Werke des Stadtfotografen – noch mit Sepiatönung aus Glasnegativen hergestellt – sahen sich vom Straßenniveau aus der Sachlichkeit, nicht der Schönheit verpflichtet: Foto galt auch noch nicht als Kunstrichtung.

Vom Glanz der neuen Ringstraße zeigt Stauda wenig, sein eigentliches Metier ist das schäbige, dörfliche alte Wien, dem die Heimatschutzbewegung allerdings eine Seele zusprach. Stauda wurde durch seine 20-jährige genaue Arbeit bekannt, sehr bald nach seinem Tod aber wieder vergessen. Heute entspricht seine Vorgangsweise der jungen Kunst, sich mit Vorliebe konzeptuellem Forschergeist zu widmen. Dazu ist die Fotografie zum beliebtesten Kunstmedium aufgestiegen.

Für die aktuelle Stadtforschung bietet er Details wie ein altes Hauszeichen zum Löwen, zum weißen Rössel oder schwarzen Adler. Die Firma Ankerbrot und die Bezeichnung Tabak-Trafik oder Glashandlung sind zwar geblieben. Aber wer kennt noch ein Geschäft namens "Hut Niederlage" oder die Bezeichnung Depot statt Geschäft, wo Milch, Früchte, Mehl oder Resterln verkauft wurden?

Erschwingliche Abzüge

Vielleicht finden sich auch wieder Liebhaber für ein "Café Reklame", ein "Gasthaus zum St. Florian" oder ein "Restaurant Tonello". Seltenheitswert haben heute auch Canditen- und Zuckerwarenmacher, Eisenmöbelgießereien oder Sonn- und Regenschirmerzeuger. Wer sich in eine Ansicht verliebt hat, kann diese nicht teuer nachbestellen und zum Abschluss von einem Logenplatz im ersten Stock den zukünftigen Kunstplatz Karlsplatz betrachten.
August Stauda –

Stadtfotograf um 1900

Bis 27. August

Wien Museum

1., Karlsplatz

Empfehlenswert.

Donnerstag, 27. April 2006


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