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Hans Weigand: Mann mit Pinsel & Computermaus, schwitzender Musiker und Retter des Allerwertesten

Er trank mit Jerry Cotton ein Bier

Von Claudia Aigner

Debattieren Sie mit!"I bin so a komischer Sonderfall - oder weiß der Geier was." Da hat jemand quasi sein eigenes "Täterprofil" erstellt. Nämlich der Mann, der Jerry Cotton auf dem Gewissen hat: ein gewisser Hans Weigand (Jahrgang 1954). Irgendwann im Jahr 2000 hat es in einer Bar in Palm Springs "peng!" gemacht - und aus war's mit dem "James Bond für Arme", also mit dem "Special Agent ohne Special Effects".
Weigand (im Gespräch mit mir in einem bitterkalten Keller in Wien, den ich übrigens jederzeit wiederfinden würde, weil ich ohne Sack über dem Kopf hineingeführt wurde): "I hab noch nie a Retrospektive g'habt. Interessiert mi bis jetzt a ned." Ein ziemlich uneitler Auftragskiller aus Tirol eben, der mit seinem Lebenswerk nicht protzt. Falsch. Ein Künstler, der es gern abwechslungsreich hat. Und eigentlich hat er dem FBI-Mann (nach fast 50 Jahren im allwöchentlichen Groschenroman-Einsatz und nach einem halben Jahrhundert unverwüstlicher Agilität) ja nur den Gnadenschuss verpasst. Bevor es zum Beispiel noch so weit gekommen wäre, dass der flotte G-man (sprich: dschie-män) bei seinem roten Jaguar während der Fahrt kein Fenster mehr hätte öffnen dürfen. Aus Rücksicht auf seine Frisur. Weil bei einem allfälligen Toupet immer Fluchtgefahr besteht. Und bevor er sich nach seinen Kinnhaken-Stunts mit "Diana mit Menthol - das tut wohl" einreiben hätte müssen. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Ich kann heute noch fehlerlos die Titelmelodie von den Jerry-Cotton-Filmen pfeifen.
Und selbstverständlich hat Weigand seine kühnen Mordfantasien bloß mit Ketchup ausgelebt. In einem bitterbös anspielungsreichen Fotoroman. Da will eine Künstlerin, Mary Fisher, ihren kriminellen, von Cotton dereinst eingelochten Vater rächen und heuert zu diesem Zweck einen Mr. Nitch an. Denn Blut ist dessen Metier (das Verbluten der andern). Kurz: Er ist ein Gegenspieler der Blutgerinnung. Vielleicht heißt er also nicht zufällig fast genauso wie ein Österreicher, der ebenfalls in der Blutbranche ist. Nitch zur Auftraggeberin: "Nachdem ich ihn zerlegt habe, kannst du ihn meinetwegen wieder als Kunstwerk zusammensetzen." Ui. Es schwant einem Perverses. Will die Fisher den posthumen Cotton gar in eine Installation einbauen (man könnte sie eventuell nennen: "Jerry ist in Bombenstimmung"), in der über einem ausgebrannten Jaguar ein Mobile aus Geschnetzeltem baumelt? Nein, zum Glück für den guten Geschmack will sie seinen Tod nur literarisch "verwursten". Und ein paar "unbedeutende" Leichen später ist das Letzte, was der würdig und gutaussehend gealterte Cotton hört, der im Ruhestand Krimis schreibt und nun in den Lauf einer Kanone blickt: "Nun ist Endstation, Bullenrentner! Nimm's nicht persönlich . . ."
Den ganzen Fotoroman über hat Hans Weigand übrigens keine Gelegenheit ausgelassen, seine eigenen Arbeiten ins Ambiente hineinzuschummeln. Etwa seine Tafelbilder, wo er ganz gern Fotodrucke, Computermanipulationen und "altmodische" Malerei mischt. Seine Hommage an einen legendären Surfer hat er da ebenso untergebracht wie eine aufblasbare Sitzgelegenheit mit einem Muster aus der Zeit, als er gewissermaßen mit Außerirdischen zusammengearbeitet hat. Und die extraterrestrischen Botschaften (aus jenen Kornfeldern, die von abstrakten Künstlern aus dem All heimgesucht wurden) am Computer weiterverarbeitet hat.
Wahre Helden sind bekanntlich nie lange tot. Nicht einmal der "Held aller Automechaniker und Fernfahrer" (Weigand über Cotton). Sogar Winnetou hat man ja irgendwann aus den wohlverdienten ewigen Jagdgründen wieder herausgezerrt. Und weil der Bastei-Verlag die Sache nicht statistisch schönreden kann (Weigands gedungener Mörder hat ja nur den siebenten Doppelgänger von links erwischt . . .) und weil Jerry Cotton mindestens so lange einen Puls haben muss, bis die Nachfolge geregelt ist ("FBI - The Next Generation", mit Special Agent Polyester und seinem treuen Kollegen Phil Lycra, oder so ähnlich), fällt der als Bastei-Groschenheftl erschienene Krimi "Künstler, Killer, krumme Hunde" (Band 2342) wohl unter Schadensbegrenzung. Weigand (als er selbst) muss dort ordentlich Buße tun. Zuerst nennt ein zwielichtiger angehender Kongressabgeordneter seinen schwulen Rüschenhemden tragenden Mr. Hyde ausgerechnet Hans Weigand. Und erschlägt beinah einen Obdachlosen, der ihm nicht amourös entgegenkommen will. Dann wird auch noch das Ausstellungsplakat vom echten Weigand fast von einem Hund angepinkelt, zwei seiner Bilder werden angeschossen und unter Lebensgefahr muss er einen Killer ablenken, damit sich Jerry Cotton selbst das Leben retten kann. Als Trostpflaster darf Weigand nachher mit Jerry ein Bier trinken gehen.
Ob mit den drei halbnackten, schwitzenden Musikern, die kurz vor dem Showdown ihren Auftritt haben und deren Darbietung sich anhört, "als zupfe ein Orang Utan mit beiden Händen an zwei oder drei Elektrogitarren und trommle dabei mit den Füßen auf leere Blechbüchsen", die Band "Crinkum Crankum" gemeint ist, in der Weigand zusammen mit Jonathan Meese und Raymond Pettibon auftritt? Ja, was ist das denn nun wirklich für eine Musikrichtung? Weigand: "Hm . . ." Und die Songtexte? Weigand: "Der Pettibon is so a amerikanischer Poet. Der hat hauptsächlich für so Punkbands Texte geschrieben." Das nächste Konzert: am 20. März irgendwo in Wien. ("Nicht verraten, wo. Sonst kommen so viel Leut'.")
Der erfrischend vielseitige Hans Weigand, für den die Kunst keine todernst elitäre Angelegenheit für Eingeweihte ist, hat, nebenbei bemerkt, gemeinsam mit Pettibon und Jason Rhoades, als er mit ihnen eine Zeitlang - arbeitend - das Schindler-Haus in L.A. bewohnte und auch mit dem Boot ein wenig auf den Pazifik hinausfuhr, den "Assaver" (Arschretter) entwickelt. Eine Art Erste-Hilfe-Kasten, den man sich ums Götz-Organ schnallt, in dem sich aber wohlgemerkt keine Hämorrhoidensalbe befindet. Nein, er ist für den Seenotfall gedacht. Ist aber dennoch nicht voller Haifischfutter, und die offenbar per Mund aufzublasende Luftmatratze drinnen strapaziert den Überlebenswillen auf hoher See noch obendrein. Weigand: "Vor allen Dingen geht die Luft eh wieder raus." (Selbsttätig.) So ein Ding hätt ich trotzdem gern.
Und was ihm (und Alexandra Seibel und Christian Höller) zu Hieronymus Boschs Weltgerichtstriptychon eingefallen ist, der Psychedelik-Ikone der 70er Jahre ("In jeder Freak-Wohnung is ein Bosch g'hängt"), kann man noch bis 16. März mit der Computermaus in der Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste erkunden (und bis 22. März im Austrian Cultural Forum New York). Beim virtuellen Gang durch Boschs endzeitliche Sadismus-Visionen öffnen sich traumatische und ironische Filmsequenzen. Von sich wälzendem "Hormonfleisch", über "Carrie - Des Satans jüngste Tochter", bis hin zu den anarchisch komischen Monty Pythons.

Erschienen am: 26.02.2003

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