Kultur

Keine Gnade für nette Tiere

18.06.2007 | SN
Neben Kassel mit der "documenta" ist auch Münster in Westfalen mit der Skulpturenausstellung derzeit ein Zentrum der Kunstwelt.

MARTIN BEHRMÜNSTER (SN). Das bunte Behübschungs-Bestiarium nahm weiland in Zürich seinen Ausgang. Kühe, Bären, Pferde, Elefanten und viele andere Tiere, allesamt in Kunststoff gegossen und schrill lackiert, tauchten seither in jenen europäischen Städten auf, die plattes City-Marketing mit Kunst verwechseln. Jeder kann sich an die bunten Kühe in Salzburg erinnern, übertroffen nur von Mozartkugeln im Vorjahr. "Diese Figuren sind urbane Gartenzwerge", sagt der deutsche Künstler Andreas Siekmann im Gespräch mit den SN. Er schlüpft in die Rolle des Rächers. Er sammelte Figurenrohlinge, bemalte sie mit Szenen, die von der Privatisierung der Stadt künden und ließ sie in einem Press-Container zerstückeln und formte daraus eine Kugel: Keine Gnade für die netten Tiere. Aber: Aus einem Akt der Zerstörung entsteht Neues, wird Kunst.

Siekmann ist einer von 36 internationalen Künstlern, welche ihre Kunst bei der vierten "Skulptur Projekte Münster", präsentieren, der nur alle zehn Jahre stattfindenden Ausstellung von Kunst im öffentlichen Raum. Sie wurde am Samstag eröffnet und ist bis Ende September zu sehen. Das Interesse an der Freiluftausstellung ist trotz der Konkurrenz durch Venedig und Kassel enorm. Gemeinsam mit den Kuratorinnen Brigitte Franzen und Carina Path hat "Intendant" Kasper König Antworten gesucht auf die Frage, was zeitgenössische Skulptur sein kann. Einige Antworten sind innovativ, andere solid, bekannt. Revolutionär ist wenig: "Second Life" ist noch kein Arbeitsplatz.

Die in das beschauliche, fahrradverrückte Städtchen eingeschleusten Antikörper wurden mit einem Gesamtaufwand in der Höhe von sechs Mill. Euro realisiert. Münster befindet sich für 107 Tage im kulturellen Ausnahmezustand. Das für Kunst sensibilisierte Auge der Betrachter hat es nicht immer leicht. 39 in Münster verbliebene Arbeiten der vergangenen drei Ausstellungen sowie die Relikte einiger "Nachahmungstäter" bescheren der Stadt ein reichhaltiges Objekte-Angebot. Und auch bei mancher Baugrube gilt es zu überlegen: gehört dies zu "Skulptur Projekte Münster 07"?

Bruce Naumans Kunst erst nach 30 Jahren realisiert Es gibt auch die stille Geste, wie der von Pawel Althamer an einem Seeufer realisierten Trampelpfad durch Wiesen und Felder zum Beispiel. Es ist ein Weg aus der Stadt, ohne Wegweiser oder Ziel. Althamer reagiert damit auf die Münster'sche Mentalität, im Alltag folgsam zu sein. Es gibt viel zu entdecken, enormen Materialeinsatz etwa, wie den aus der Erde ragenden Kirchturm von Guillaume Bijl. Die vorgebliche archäologische Sensation steht für einen schon überkommenen Skulpturbegriff. Gleich wie die erst drei Jahrzehnte nach der Planung nun realisierte Großskulptur von Bruce Nauman, der eine umgedrehte Pyramide in den Boden versenkt.

Spannender ist da eine Tonskulptur von Susan Philipsz, deren Gesang das Ambiente unter einer Brücke neu beschreibt. Oder Clemens von Wedemeyer, der Filmbilder über soziale Randfiguren im Bahnhofskino nonstop zeigt. Isa Genzken wiederum postiert vor einer Kirche skurrile Kinderpuppen-Objekte, die daran erinnern sollen, dass Menschen, die "sich an Kindern vergehen", in der Gesellschaft verborgen unter uns leben. Der Amateurcharme dieser Arbeit scheidet die Geister. Für aufgeregte Bürgerreaktionen schon im Vorfeld sorgte Mark Wallinder, der um einen Stadtbereich eine fünf Kilometer lange, dünne Angelschnur in vier Metern Höhe spannte.Info: www.skulptur-projekte.de.

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