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Kunstberichte

Schwingende Stühle

MAK Studiensammlung Möbel: Seit 80 Jahren gibt es Freischwinger
Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

1926 entwickelte der Holländer Mart Stamm den ersten freischwingenden Stahlrohrstuhl, angeregt von den Experimenten Marcel Breuers und Mies van der Rohes am Bauhaus. Davor gab es bereits Entwürfe und schwebende Konstruktionen in der Architektur der russischen Konstruktivisten, die als Grundgedanke dienten. Allerdings publizierte auch das Wiener Möbel Journal von 1852 einen ersten Entwurf zu einem historistischen "Cantilever Chair Set." Das Möbel auf zwei Beinen, das wenig Material braucht, dafür meist elegante Wirkung erzielt, entwickelte sich bis heute weiter. Es stellt offenbar nach wie vor eine der größten Herausforderungen für bekannte Architekten und Designer dar.

Das MAK zeigt in seiner Studiensammlung für Möbel 30 Freischwinger, auf weißem Podest chronologisch geordnet. Etwa die Hälfte davon stammt aus der eigenen Sammlung. Die anderen wurden von bekannten Museen und den Künstlern sowie Firmen, die heute noch nach alten Entwürfen Freischwinger herstellen, geliehen. Prominentes Beispiel aus Österreich ist der von Wittmann nach einem Entwurf von Friedrich Kiesler seit einem Jahr in Serie gegangene "Cantilever Chair no.2" nach einer Zeichnung von 1933.

Was in den 20er und 30er Jahren mit Stahlrohr begann, setzte Alvar Aalto mit einem Rückgriff auf Bugholz (Birkenholz in Schichten laminiert) 1931 fort. Die sechziger Jahre entdeckten die neuen Kunststoffmaterialien, bis die Ölkrise in den Siebzigern diese Euphorie stoppte. Dennoch wird Verner Pantons orangerot, schwarz und weiß gefärbter "Panton" (1967) aus einem Guss immer noch produziert.

Doch trotz der Rückgriffe auf Stahlrohr und Schichtholz entwickelte sich der Freischwinger gerade in den Achtziger- und Neunzigerjahren zum großen Hit. Die elastische Luftsäule, die Marcel Breuer theoretisch noch vor 2000 verwirklichbar glaubte, ist es nicht geworden, aber auch Holzmodelle wie den "Sitzgeiststuhl" von Heinz & Bodo Rasch 1927, haben andere weiterentwickelt.

Stabil und halbwegs bequem, ohne Verlust des hohen ästhetischen Anspruchs, erscheinen die Modelle von Shiro Kuramata (80er Jahre) oder Till Behrens "Schalenschwinger" von 1992 aus Edelstahl.

Den Zappelphilipp fesseln vermag das geöffnete Einkaufswagerl von Stiletto, Tom Dixons "S Chair", aber auch Hans Peter Wörndls "Blizzard", entwickelt aus dem Schminktischset "Eitel Wonne" (beide aus den 80er Jahren) sind aber sicher gefährlich.

Was wie Bugholz wirkt, ist bei Ron Arads "Eight by One", 1991 in London aus Stahl hergestellt. Polster seien für so manches Prunkstück empfohlen, wer sich nicht verkühlen oder seine Wirbelsäule schonen möchte, aber eigentlich sind sie Freischwinger ja eher Kunststücke und damit Skulpturen.

Stühle zwischen

Architekturmanifest und Materialexperiment

Kurator: Sebastian Hackenschmidt

MAK Studiensammlung

Möbel

Zu sehen bis 29. Oktober

Schöne Kippgefahr.

Mittwoch, 14. Juni 2006


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