Mit Kunst gegen das Greißlersterben

Kunst hilft Wirtschaft - ein Projekt im 2. Wiener Gemeindebezirk.
Von Sabine Oppolzer.


Menschen sammeln sich vor den Schaufenstern um den Karmelitermarkt, in denen bizarre Dinge zu sehen sind: Das nach Moder riechende Sterbezimmer eines unbekannten Komponisten ist in einem der Gassenlokale aufgestellt. Ein paar Schritte weiter prangt ein ausgestorbener, fast drei Meter großer Fisch im Schaufenster. Irritiert durch die nichtakademischen Beschriftungen des Schriftstellers Ferdinand Schmatz beginnen die Menschen vor den Schaufenstern zu diskutieren, ob der Fisch aus Plastik ist, und ob der Komponist jemals gelebt hat.

Christoph Steinbrener, der Initiator des Projektes, weist auf die Irritationen hin, die diese Beschriftung auch bei den Museumsfachleuten hervorrief. Als wissenschaftliche Institutionen stehen sie in diesem Projekt im Dialog mit der bildenden Kunst, was schon zu einigen Schwierigkeiten geführt hat. Die sehr freie und assoziative Beschriftung von Ferdinand Schmatz bereitete den gewöhnlich akribisch arbeitenden Experten einiges Kopfzerbrechen.

Keine Berührungsängste

Die Anrainer sind jedenfalls froh darüber, dass das Museum jetzt zu ihnen gekommen ist. Durch die Belebung des Viertels, in dem nur fünf Gehminuten vom Zentrum entfernt das Kleingewerbe stirbt, verlieren selbst die Marktstandler ihre Berührungsängste mit der Kultur - und ganz nebenbei belebt es auch das Geschäft.

Bewohner Freud

Für Inge Scholz-Stasser, die Direktorin des auch an dem Projekt beteiligten Sigmund-Freud-Museums, ist der Karmelitermarkt, der heute vorwiegend von Einwanderern bewohnt wird, ein historisch aufgeladenes Viertel: "Früher hat es geheißen, die Mazzes-Insel, es war das klassische Zuzugsgebiet der jüdischen Bevölkerung aus der Monarchie. Auch Freud ist als 5-jähriger mit seiner Familie hierher gezogen, er verbrachte hier seine Kindheit und Jugend und hat dieses Viertel erst mit 18 wieder verlassen."


Virtuelles Spiel

Das Herz der Ausstellung ist ein Markthäusel, in dem die Architektengruppe "the next enterprise", einen realen Raum für ein virtuelles Spiel geschaffen hat. Mathias Fuchs und Sylvia Eckermann, elektronische Künstler, die zuletzt mit der Architektin Saha Hadid in London zusammengearbeitet haben, haben das Spiel erfunden. Es funktioniert wie ein Computerspiel: man kann gehen, springen, raufklettern und dabei alles über die Exponate in der Ausstellung erfahren.

Mathias Fuchs erklärt seinen ganz persönlichen Zugang zu dem Projekt: "Viele Leute arbeiten daran, wie man komplexe Zusammenhänge in einer spielerischen, leichten Weise darstellen kann. Unser Ansatz als Künstler ist ein sehr subjektiver Versuch aus der Sicht eines Künstlers, Erfahrungen zu vermitteln - genau das, was auch die Wissenschaft versucht." Womit sich der Kreis am Karmelitermarkt schließt.

Tipp:

Das Kunstprojekt Capricorn am Karmelitermarkt im zweiten Wiener Gemeindebezirk wird noch bis Ende Juni laufen. Eine Fortsetzung in einem anderen Viertel ist schon im Gespräch.

Die teilnehmenden Museen:

  • Historisches Museum der Stadt Wien
  • Museum fuer Voelkerkunde
  • Jüdisches Museum
  • Museum moderner Kunst, Stiftung Ludwig Wien
  • Technisches Museum, Wien
  • Österreichisches Museum fuer Volkskunde
  • Sigmund-Freud-Museum
  • Heeresgeschichtliches Museum
  • Naturhistorisches Museum
  • Österreichisches Theatermuseum

Christoph Steinbrener (Hg.) "Unternehmen Capricorn - eine Expedition durch Museen", Triton Verlag 2001, ATS 210,- / Euro 15,26, ISBN 3854860870.

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