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derStandard.at | Kultur | Bildende Kunst 
15. August 2007
21:03 MESZ
Kunst des hohen Nordens
Spitzenergebnisse bei Auktionen für Yup'ik-Masken aus Alaska

Paris - Ein eng begrenztes Marktsegment ist die Kunst der Eskimos, die man mit Indianerstämmen und anderen "first nations" aus Nordamerika unter der Bezeichnung "Kunst des hohen Nordens" zusammenfasst. Das Gebiet reicht von der Nordwest- Küste Alaskas bis zu den kanadischen Seen, dem Gebiet des ehemaligen British Columbia. Die Eskimo-Masken aus Alaska und von der Insel Kodiak bezeichnet man meistens mit "Yupik". Die von Schamanen geleiteten rituellen Zeremonien, für die Masken aus Holz oder Tierhaut hergestellt wurden, dienten zur Vermittlung zwischen den Menschen und den Elementen, die die Jäger und Fischer von Walen, Seehunden und Seelöwen fürchteten.

Der französische Ethnologe und Linguist Alphonse Pinart sammelte im Jahre 1871 sechzig Kodiak-Masken, die heute im Museum in Boulogne-sur-Mer als einzigartiges Zeugnis einer inzwischen untergegangenen Kultur erhalten sind. Die Masken wurden nach den Zeremonien dem Verfall überlassen oder später den Europäern geschenkt, verkauft oder von diesen geraubt.

Die französische und britische Kolonisation rechtfertigt das "Einsammeln" der Kultgegenstände als Bewahrung von ethnologisch wertvollen Studienobjekten, die ansonsten verloren wären.

In den 1920er-Jahren entdeckte man Stammeskunst im Allgemeinen und Eskimo- und Indianerkunst (Inuit, Hopi und Zuni) wegen ihrer ästhetischen Qualitäten. Besonders die Surrealisten um André Breton interessierten sich für die provokanten, verzerrten Masken des "hohen Nordens".

1931 ließen André Breton und Paul Eluard Teile ihrer Sammlungen im Hôtel Drouot versteigern. Darunter befanden sich 33 Objekte von der amerikanischen Nordwest-Küste und dreizehn aus Alaska. Als die Surrealisten 1941 nach New York emigrierten, entdeckte Max Ernst das von Claude Lévi-Strauss als "Ali- Baba-Höhle" bezeichnete Geschäft von Julius Carlebach, wo u. a. André Breton und Robert Lebel Masken kauften und später nach Europa brachten - die seit der bereits legendären Breton-Auktion im April 2003 sowie dank der am 4. Dezember 2006 im Drouot von CalmelsCohen organisierten Versteigerung der Sammlung Robert Lebel teilweise wieder am Markt zirkulieren.

Den Höchstzuschlag hält Sotheby's seit dem 30.November 1999 für eine "Tsimshian Nshga"-Maske, die mit 684.000 Dollar (damals 1:1 mit dem Euro) bewertet wurde. In der Breton-Auktion am 17. April 2003 war die teuerste Maske aus dem "hohen Norden" eine Haisla, eine Maske vom Stamm der Kwakiutl von der Vancouver-Insel, mit 288.272 Euro. Die teuerste Maske der Sammlung Lebel war eine aus der Serie der Yup'ik- oder Athapaskan-Masken vom Yukon-Fluss in Alaska. Ein für einen kanadischen Pressemagnaten agierender Zwischenhändler trieb sie [im Drouot am 4. Dezember 2006] auf 599.268 Euro. - Das Pariser Musée du quai Branly schnappte ihm allerdings die aus bemaltem Holz hergestellte Maske per Vorkaufsrecht weg. Bei zwei anderen Yup'ik- Masken war der gleiche Bieter mit 269.036 Euro bzw. 184.086 Euro erfolgreich.

Eine weitere Maske aus der Serie zeigt den schiefen Mund und die furchterregenden Zähne des in Trance verfallenden Schamanen. Ein US-Telefonbieter errang sie für 351.599 Euro. Vom Kuskokwim-Fluss in Alaska kam eine Yup'ik-Maske mit wippenden Federn und lustigem Gesichtsausdruck, die ebenfalls per Vorkaufsrecht für 363.388 Euro ins Musée du quai Branly ging.

Künstlerisch gestaltete Gebrauchsgegenstände, wie ein Inuit-Pfeil-Ausrichter aus Norton Sound in Alaska, erschien bei einem Zuschlag von 21.600 Euro bei Christie's Paris am 11. Juni des Jahres fast schon günstig. Dass die Auktionsergebnisse den Bogen gelegentlich überspannen, geben die Pariser Stammeskunst-Galeristen Roland und Julien Flak zu verstehen. Sie setzen den Preis für eine witzige Eskimo-Schamanen-Maske mit beachtlichen 180.000 Euro an. (Olga Grimm-Weissert / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.8.2007)


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