Dresden zeigt Renaissance-Madonnen, aber gibt es heute noch so etwas wie Kirchenkunst?

Wie modern kann Madonna sein?


Die "Madonna di Senigallia" (Madonna mit Kind) des italienischen Renaissance-Malers Piero della Francesca.

Die "Madonna di Senigallia" (Madonna mit Kind) des italienischen Renaissance-Malers Piero della Francesca.Montani/epa Die "Madonna di Senigallia" (Madonna mit Kind) des italienischen Renaissance-Malers Piero della Francesca.Montani/epa

Schon in der Renaissance war das Madonnenbild Kunstwerk und nicht mehr eine Ikone, die man anbetete. Das 19. Jahrhundert steigerte die sentimentgeladenen Heiligen der Barockmalerei erstmals in die laue Ebene von Kitsch. Aber was ist heute? In Deutschland werden zwar Malerstars wie Neo Rauch und Gerhard Richter für die Gestaltung von Glasfenstern herangezogen, die große Zeit der Kirchenkunstaufträge ist jedoch vorbei.

Ab 1920 und erst recht nach 1945 wurde Kitsch kunstfähig - das bewies die Pop-Art und in Österreich Peter Pongratz, Maler der Gruppe "Wirklichkeiten", mit seinem Zyklus von Heiligenbildern nach Klischeevorlagen der Öldruck-Massenproduktion. Monsignore Otto Mauer, einer der bekanntesten kirchlichen Förderer der aktuellen Kunst bis 1973, stellte den Zyklus in der Galerie nächst St. Stephan aus, obwohl er ihm selbst missfiel. Er sah voraus, dass etwas Besonderes an diesem Zitieren von allgemein verständlichem Heiligenkitsch war, doch seine eigentliche Domäne war die gegenstandslose Kunst. Sein Text "Abstraktion und Metaphysik" erklärt, dass die religiöse Kunst dem Zeitgeschmack folgte, oder zumindest die stilisierende Abstraktion - wie sie Herbert Boeckl in seiner Kapelle im Kloster Seckau 1952 vorführte. Hier mischt der Altmeister ganz postmodern die Stile und zitiert Motive ab dem alten Ägypten. Maria erscheint als apokalyptisches Weib in archaischen Variationen - der Geschmack der Zeit liebte den Blick zurück ins Mittelalter, weg von jeder Klassik, nur die Frührenaissance hatte eine Chance, um 1960 verabscheute man Raffael als süßlich, Piero della Francesca oder Giotto waren Idole.

Madonna von Siegfried Anzinger.

Madonna von Siegfried Anzinger. Madonna von Siegfried Anzinger.

Besonders Joseph Beuys löste das Entzücken der fortschrittlichen Kirchenmänner aus - neben Monsignore Mauer beim deutschen Jesuitenpater Friedhelm Mennekes, der sogar auf der "documenta 8" mit Hinweis auf den Christusbegriff Beuys’ eine Predigt im Freien abhielt. Die Vision, das Darstellen theologischer Begriffe wie der "negativen Theologie" um Licht im Schwarz, faszinierte den von Mauer entdeckten Arnulf Rainer. Er übermalt bis heute religiöse Motive, hat aber auch kürzlich mit einer neuen Serie abstrakter Kreuzbilder sein Frühwerk zitiert.

Madonna fürs Museum
Nach den "Wirklichkeiten", den "Pietas" und "Vera Ikons" Reimo Wukounigs, die auf Beuys, Lehmbruck und Jawlensky reflektieren, hat sich nur noch einer der neuen "wilden Maler" in Österreich mit dem Thema "Madonnen" auseinandergesetzt: Siegfried Anzinger. In den neunziger Jahren entstand der Zyklus parallel zu einem mit dem Thema "Karren". Das rückblickende Zitat des Motivs einer Frau mit Kind war eher angetan, figürliche Malerei für sich zu zitieren - als Metamalerei. Kein Wunder, dass kirchliche Würdenträger sich nicht anstellten, diese Gemälde zu kaufen, sondern Museen.

Nach vielen spektakulären Kirchenneubauten oder Ausstattungen 1950-1970 entstand eine Ödnis oder, man muss es deutlich sagen: Aktuelle Kirchenkunst gibt es nicht mehr. Obwohl in der Wiener Jesuitenkirche Pater Gustav Schörghofer immer wieder interessante Positionen der Gegenwartskunst im Kirchenraum organisiert, handelt es sich nicht um "Kirchenkunst", sondern um eigenwillige Rauminstallationen wie von Meina Schellander oder Max Bühlmann. Der vom Existentialismus angestachelte expressive Blick ins Metaphysische eines Mauer und seiner Künstler ist heute Geschichte, auch wenn Theologie und Konzeptkunst durchaus Berührungen zeigen, wie Kunsthistoriker Beat Wyss beschreibt. Erweckungserlebnisse verbergen sich auch in der Performancekunst von Gina Pane, Ulay und Abramovic oder Orlan und der Land-Art.

Was bleibt, ist Hybris
Doch Maria und Christus als künstlerische Motive wandern vor allem zurück in die Fotografie, wo sie seit der Entdeckung der Fotoähnlichkeit des Turiner Leichentuchs bereits angesiedelt waren. Auch in der Mode, im Film und im Musical hat die Heilige Konjunktur. Bettina Rheims weibliche Kreuzigung regte mehr auf als ihre Madonna mit Fisch "Ave Maris Stella" oder zahlreiche Abendmähler, Vorbilder gab es dafür schon bei Anne Brigman oder Frantisek Drtikol um 1920/30. Das Abbild ist Reliquie oder Double, auch Sam Taylor Wood und Annie Leibovitz bedienen sich dieser religiösen Folie ihrer subtilen Theatralik.

Die Ebenbildlichkeit des Menschen, seine Hybris, bleiben Themen, und wenn sich Marc Wallinger als Selbstabguss zum "Ecce Homo" erklärt, wie 2000 im Hauptraum der Secession, kommt doch die Frage auf, ob es nicht eine Rückkehr des religiösen Bildes mit all seinen Pathosformeln gibt, allerdings unter völlig anderer Voraussetzung außerhalb des Kirchenraums im Museum und auf der Bühne. Der Vergleich des Mutterkindmotivs mit Isis und dem Horusknaben tauscht Glauben mit komparatistischer Methode der Wissenschaft. Es gibt viele Blicke zurück.




URL: http://www.wienerzeitung.at/nachrichten/kultur/kunst/?em_cnt=403248&em_loc=77
© 2011 Wiener Zeitung