Das Essl Museum in Klosterneuburg zeigt Rosa Loys und Neo Rauchs Schau "Hinter den Gärten"

Im Unterschied vereint


Ein Künstler-Ehepaar, aber kein Künstlerpaar. Oben: Rosa Loy,
"Demut". Unten: "Neo Rauch, "Unschuld".

Ein Künstler-Ehepaar, aber kein Künstlerpaar. Oben: Rosa Loy,
"Demut". Unten: "Neo Rauch, "Unschuld".
Ein Künstler-Ehepaar, aber kein Künstlerpaar. Oben: Rosa Loy,
"Demut". Unten: "Neo Rauch, "Unschuld".

Die "Conjunctio ist gelungen und kommt dem Stein der Weisen sehr nahe", sagt Neo Rauch ganz im Sinne des alchemistischen Androgyns über die gemeinsame Ausstellung mit seiner Kollegin und Ehefrau Rosa Loy im Essl Museum. Beide könnten auch mit Sigmund Freud über die Bewusstseinsebenen der Introspektion sprechen oder über Malen als Fortsetzung des Traums mit anderen Mitteln. Sie zeigen etwa 70 Gemälde und je einen Grafikzyklus ab 1993. Sie sprechen aber über ihre Experimente, künstlerischen Irrungen und Wirrungen in der "bleiernen Zeit" der DDR und ihre Blicke nach außen neben den "Hausgöttern" an der Leipziger Akademie, die 1985 bis 1989 noch retrospektiv Max Beckmann, Edward Hopper, Otto Dix oder Lucas Cranach hießen. Bis in die 1990er Jahre studierten sie gemeinsam bei Rolf Felix Müller und Arno Rink.

Information

Ausstellung
Rosa Loy und Neo Rauch:
Hinter den Gärten
Essl Museum
bis 16. November

Das Experiment, gemeinsam auszustellen, obwohl es keine Gemeinschaftsbilder, wohl aber einen nahen Stil und zwei Ateliers nebeneinander gibt, wächst nun erstmals über das "Mikrotestfeld" im eigenen Haus in ein Privatmuseum. Viele Werke kommen aus diesem privaten Bereich. Das Sammlerpaar Essl hat als Erste die Initiative der Doppelschau aufgenommen. Konzeption, Aufbau und Gestaltung des Kataloges wurde vom Künstlerpaar vor Ort mitbestimmt, ihr Titel "Hinter den Gärten" ist metaphorisch auch Anleitung an den Betrachter, hinter die Ratio im Wildwuchs des Verdrängten zu blicken und mit den Bildern in einen Frage-Antwort-Dialog zu treten.

Die Natur nimmt neben Frauenfiguren, die nicht selten als Selbstdarstellungen mit Doppelgängerin oder Alter Ego zu erkennen sind, eine große Rolle in den Bildern Rosa Loys ein. Das kommt wohl auch aus ihrer ersten Ausbildung als Gartenbauingenieurin an der Humboldt Universität in Berlin. Neben dem "Baumgarten", "Rote Narzisse" oder "Akelei", ist die Natur "Trost" und spendet "Manna" neben einem potenten Baumgeist. Auch das Kind in "Sonntagnachmittag" ist in der Erde verwurzelt, der "Pflug" wird eingesetzt, ein "Bienenkorb" gehegt. Pflanzen wachsen aus Büchern und das "Gehör" belauscht Kinder in einem Rosengarten. Nächtliche Mythen mit Tieren, die sich zurück aus dem Wald mit den Menschen verbinden, sind zahlreich. Der "Schatten" wird wie im Märchen verfolgt, die Haare hängen sich nicht nur im Wind vor das Gesicht, eine "Verpuppung" spielt sich ab, es wird "Beute" gemacht, während das "Küchenchaos" flüchtet.

Frauenthemen als gesellschaftliche Frage sind Loy erst 1989 bewusst geworden, da der Feminismus im Osten nicht stattfand, obwohl auch sie aus einer Familie mit starken Frauen stammt. Die sich ständig wandelnde Suche nach dem Weiblichen lässt ihre Protagonistinnen mit dem Betrachter Blickkontakt aufnehmen. Ihre Gemälde sind in der Mehrzahl, da sie anders als ihr Mann keine monumentalen Formate malt - im ersten und letzten Raum hängen beide zusammen, dazwischen haben die Künstler die Nischenräume alternierend bestückt. Doch ergeben sich Durchblicke, die bei aller Ähnlichkeit eines gemeinsamen "Leipziger" Stils auch die Unterschiede in Themen und Farbauftrag zeigen: Loy malt meist flüssiger, mit Kasein auf Leinwand, dadurch wirken ihre Gestalten dünnhäutiger; sie hat stärkere Bezüge zu Balthus, der italienischen "Pittura metafisica" und "Transavanguardia". Ironisch beleuchtet sie auch Realitäten ihres Frauenlebens, auch wenn die Göttin "Aphrodite" wie zwei Frauen aus Fernost herumspuken. "Zweifel" und "Frisör Fem" zeigen sie Ende der 90er Jahre reduziert, fast konzeptuell, doch weder dieser Weg, noch reine Farbexperimente haben sie so befriedigt wie die figurative Malerei. Die eigenständigen Zeichnungen schließen sich diesem Tenor an, stammen sie doch alle aus dem Jahr 2011.

Neben einigen monumentalen Formaten der Sammlung Essl wie "Revo" oder "Kommen wir zum nächsten" zeigt Neo Rauch zwei frühe Werke von 1993 und kleinere Formate, die zum Teil das Thema Gärten und Natur direkt ansprechen. Die "Gärtnerin" steigt bei einem Mann durch die Mauer ins Haus ein - wohl eine Referenz an seine Frau, gemeinsam werden sie zu "Beerenpflückern" und zeigen die goldfarbenen Äpfel, vielleicht die der Hesperiden. Im "Juni" wird im Grün neben einem Strommast ein Metalldetektor eingesetzt, andere Schatzsucher kommen aus einer Mine "Nach der Schicht" - hier blickt eine Frau neben einer Fußwaschung in den Betrachterraum. Ansonsten sind Rauchs Protagonisten immer mit sich selbst beschäftigt; doch als kleine Rache an der Theorie der Postmoderne sind ihre Gesten und Gebärden, ihre altertümliche Kostümierung, trotzdem theatralisch. Ihr Tun ist wie der Garten im Sturm oder die vom Berg Absteigenden oder Badenden bedrohlich. "Mars" und ein Jäger in "Konvoi" machen den ordnenden Spieler in "Unschuld" wie auch den "Bergmann" mit leuchtendem Fernglas zu Zitaten aus einem kollektiven Gedächtnis. Aber die Neigung zum "Seelenmord" lässt Persönliches ins Allgemeine. Ironisch werden nicht nur Bilder im Bild geschaffen, die sich zu ratlos machenden Fragmenten verrätseln, sondern auch Kitsch, Comic, Reklame werden zum Kult. Wenn historisches Zitat und Kitschproblem zusammenstoßen, kommt es zum ironischen Effekt. Rauch verbindet die Leipziger Malerei und deutsche Romantikzitate ganz bewusst mit dem kapitalistischen Realismus der Pop-Art.

Die Mischung hält die Zeit an, auch wenn sie gerade nach der Wendezeit passend am Kunstmarkt Erfolg hatte. Der Bildraum löst sich auch auf, Perspektiven springen, Blindstellen bleiben offen, das Grundkonzept ist abstrakt angelegt, die Figuren und Szenen entstehen während des Malprozesses spontan - ohne Anregung aus dem Internet oder realem Geschehen. Sein Umgang mit starken Farbkontrasten in Ölfarbe ist vom ständigen Wechsel eines opaken wie lichtdurchlässigen Auftrages begleitet. Eine Dialektik, die absurd erscheint, wie seine Übermenschen kleinbürgerliche Arbeiter sind und in Mehrdeutigkeit verfallen, die aktuell immer noch Zeitgeistthema ist. Dieser scheinbar nicht versiegende Fundus an Gestalten, die aus dem Inneren auf die Leinwand stolpern, begann mit Rauchs Entscheidung, sich nicht an informelle Abstraktion anzuschließen, sondern seine Wurzeln zu nützen.

Authentisch ist Rauch übrigens auch in seinem Zorn über die deutsche Kunstszene, die Rosa Loy oft als seine "auch malende Frau" abstempelt und ihre Qualitäten in Abhängigkeit von seiner Malerei bringt - dieser "Machismo" herrsche in der amerikanischen Szene nicht, weshalb es dort mehr Sammler gibt. Trotz Risiko hat das Essl Museum dem seit 1985 verheirateten Paar einen Herzenswunsch erfüllt, der für das Publikum spannend und für die erst unter jungen Künstlern breite Akzeptanz findende figurative Malerei in Österreich auch Folgen haben könnte. Im als Künstlerbuch gestalteten Katalog schreiben Bernhart Schwenk und Malerkollege Tilo Baumgärtel neben einem langen Interview, das Kurator Günther Oberhollenzer mit dem Künstlerpaar führte.




URL: http://www.wienerzeitung.at/nachrichten/kultur/kunst/?em_cnt=393749&em_loc=77
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