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21.10.2005 - Kultur&Medien / Kultur News
USA: Der Krieg als schöne Kunst
VON NORBERT RIEF
Fotojournalismus in der Krise: Magazine kürzen Budgets; neuer Markt: Galerien.

Die Szene wirkt skurril. Hier steht die Dame im feinen Abendkleid, ein Glas Champagner in der Hand, und betrachtet Bilder von Krieg, Zerstörung und Elend: Ein großes Schwarzweiß-Foto von einem Hutu mit zerschnittenem Gesicht; ein Farbfoto von Soldaten im Irak, die um einen erschossenen Kameraden stehen; Drogenabhängige, an eine Wand gekettet; serbische Milizen, die auf Zivilisten eintreten. Nicht gerade, was man sich unter schönen Künsten vorstellt.

Und doch drängen sich hunderte Menschen bei der Vernissage in der "Hasted Hunt Gallery" auf der 20. Straße in New York. Die Bilder, die um 2000-5000 Dollar verkauft werden, sind Teil einer Ausstellung, die die Galerie der Fotoagentur "VII" gewidmet hat. Die neun Mitarbeiter der Agentur, darunter der durch den Oscar-nominierten Dokumentarfilm "War-Photographer" ("Der Kriegsfotograf") bekannt gewordene James Nachtwey, haben sich auf Krieg, sozialkritische Themen spezialisiert. Ihre Fotos erscheinen in "Time", "Paris Match" "Stern".

"Das ist ein neuer Markt, den wir ausprobieren", erklärt Frank Evers, Direktor von "VII", zur Ausstellung. Mit Fotojournalismus ist immer weniger Geld zu verdienen, selbst für Fotografen mit einem so klingenden Namen wie Nachtwey. "Fotojournalismus ist noch nicht tot, aber er ist in einer schweren Krise", meinte Robert Stevens, ehemaliger Bildredakteur bei "Time".

Die Gründe für den Niedergang sind mannigfaltig. Magazine kürzen ihre Budgets und greifen auf billige Agenturbilder von Reuters, Getty oder AP zurück. Die großen Reportagen, für die Reporter und Fotograf wochenlang unterwegs sind, werden sogar in "Time" selten: Weniger als ein Drittel der Bilder stammen von eigenen Fotografen, 70 Prozent seien Agenturfotos, bestätigt Bildchefin Maryanne Golon. Medien mit sozialkritischem Anspruch verschwinden vom Markt oder setzen, wie "Paris Match", neue Schwerpunkte: Geschichten über Prominente und leichte Themen statt Krieg und soziale Probleme. Ein Bild von Paris Hilton, halbnackt am Strand, verkauft eben mehr Ausgaben als Fotos vom Genozid in Darfur.

"Wir lassen uns zu sehr von Leserumfragen diktieren, was in die Zeitung kommt", kritisiert Alain Frilet, Chef der legendären Fotoagentur "Magnum". Er glaubt, dass Fotojournalismus seine primäre Aufgabe, zu informieren, aufzuzeigen, in dieser Umgebung verliert. "Es geht nur noch um Unterhaltung." Die Wende spürt "Magnum" am eigenen Leib. Die Agentur, 1947 von Robert Capa und Henri Cartier-Bresson gegründet, war stets ein Grundpfeiler und Aushängeschild des Fotojournalismus. Mit dem "Life"-Magazin erlebte "Magnum" einen Höhepunkt: Seitenlange Reportagen über alltägliche Dinge wie das Leben eines Landarztes bis zu Geschichten über die Rebellen in Nicaragua. Mit dem Ende von "Life" ging es auch mit "Magnum" abwärts. Mittlerweile lebt die Agentur hauptsächlich vom Ruhm der Vergangenheit, veröffentlicht Bücher und organisiert Ausstellungen. Sogar Werbung fotografieren die Mitglieder, früher absolut undenkbar für "Magnum".

Ein weiterer Grund für die Krise sind die Fotografen selbst. "Im Irak-Krieg sind wir uns gegenseitig auf die Zehen gestiegen", berichtet Chris Morris, Fotograf bei "VII". Dutzende Junge hätten ihre große Chance gesehen und seien für "lächerliche Gagen" in den Krieg gezogen. Statt eines erfahrenen Fotografen haben viele Magazine lieber drei Anfänger geschickt - im Wissen, "dass unter den tausenden digitalen Fotos, die sie machen, schon ein ordentliches dabei sein wird". Das zwinge wiederum viele alte Profis, Zugeständnisse bei den Honoraren zu machen. Die Tagesgagen zwischen 200 und 500 Dollar hätten die Magazine deshalb seit Jahren nicht verändert. Nur in Ausnahmefällen zahle man mehr, einen Nachtwey leiste man sich beispielsweise nur noch selten. "Wer heute Pressefotograf werden will, sollte besser einen guten Job haben", sagt Stevens. Denn Geld sei in diesem Beruf keines mehr zu verdienen. Er glaubt, dass die alten Medien tot sind und deswegen auch der Fotojournalismus orientierungslos in der Krise steckt. "Vergiss den ,Stern' und ,Time', die Zukunft liegt im Internet." Nicht nur für die Illustration von Nachrichtenseiten, sondern auch im Verkauf der Bilder.

Ron Haviv von "VII" hat sich bereits angepasst. Er fotografiert bei Aufträgen nicht nur, sondern filmt und macht Audioaufnahmen. Das Endprodukt ist nicht mehr allein ein Foto, sondern "eine Multivision, ein Video mit Fotos, Interviews, Ton". Dieses Produkt ist ganz auf das Internet abgestimmt. Tatsächlich verkaufen kann er es aber im World Wide Web noch nicht und ein Magazin kann es nicht abdrucken. "Das ist meine ganz persönliche Krise."

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