Literarische Fundstücke

Der 52-jährige Autor und Künstler erzählt im Gespräch über seine Arbeitsweise und über die Jagd nach literarischen Fundstücken.


Anselm Glück, Jahrgang 1950, wurde in Linz geboren. Nach einer Apothekerlehre legte er die Matura ab und studierte mehrere Semester Völkerkunde und Sinologie in Wien.

Seit 1978 ist Glück freiberuflicher Schriftsteller, Maler und Grafiker. Zu seinem Werk zählen experimentelle Literatur, z. T. mit eigenen Illustrationen, sowie Poetik-Performances. 1991/92 war Glück Stadtschreiber in Graz.


Frage: Wenn man Ihre Texte liest, empfindet man Ihre Sprache als sehr poetisch, manchmal sogar lyrisch. Sie verwenden Schöpfungen wie "ich handelte quer", die man im normalen Sprachgebrauch nie so verwendet. Wie entstehen Ihre Texte?

Anselm Glück: Das sind zum Teil Bruchstücke vom Tag. Es sind aber auch Bruchstücke aus beliebig gefundenen Texten wie Plakatschriften, Zeitungen oder Büchern. Aber es sind nie wirkliche Zitate, sondern eher im Stil der Literaten Amerikas des 19. Jahrhunderts oder der Dadaisten sowie im Stil der Wiener Gruppe. Es ist eine Art Montage, aber nur bei einzelnen Sätzen. Dazwischen sind von mir geschriebene Passagen.

Frage: Hat die Malerei Priorität vor der Literatur?

Anselm Glück: Das ändert sich von Zeit zu Zeit. Priorität hat immer das, was ich gerade verfolge. Und in der letzten Zeit hat sich ein Rhythmus ergeben, dass ich in der Früh korrigiere, was ich in der Nacht geschrieben habe. Am Vormittag lese ich, später male ich dann und in der Nacht schreibe ich.

Frage: Das ist ein sehr ausgefüllter Tag.

Anselm Glück: Das hört sich jetzt so an. Aber das heißt auch, dass ich am Vormittag im Kaffeehaus sitze und lese.

Frage: Bei Ihrer Sprache hat man sofort ein Bild vor Augen. Sie ist sehr sinnlich und direkt.

Anselm Glück: Ich habe auch nie Umwege geliebt. Ich gehe direkt auf etwas zu. Daher auch die Fülle der Substantiva und die knappen Sätze.

Frage: In Ihren Büchern gibt es immer wieder Literaturverweise, so z.B. im "toten winkel, blinden fleck" zitieren sie George Sands "Sie sind ja eine Fee Madame!". In Ihrem letzten Buch verweisen sie auf Walter Serner und Friedrich Hebbel. In wie weit spielt Literatur für Ihr Schreiben eine Rolle?

Anselm Glück: Im Konkreten ist es so, dass ich tagsüber schon Sätze notiert habe. Und diesen Merkzettel lege ich vor mich hin. Ich lese dann sehr oberflächig dahin. Und merke dabei, dass ich mich verlesen habe. Und ich habe dann häufig den Eindruck, dass das Verlesene pfiffiger ist als das, was dasteht. Dann mische ich die im Merkzettel notierten Worte noch in das Verlesene hinein und so entsteht meine Prosa.

Frage: Das ist ein sehr spielerischer Zugang.

Anselm Glück: Ja, es ist ein komplett spielerischer Zugang. Dadurch habe ich auch viel zu streichen. Im Spielerischen ist viel Schrott dabei. Aber die Fundstücke sind es dann wert. Ich bin auf der Jagd nach Fundstücken.

"wir 3, (brigitte)", 2002

Frage: In Ihren Texten ist auch immer die schwierige Begegnung zwischen den Geschlechtern ein Thema. Sie handeln von der Lust, von der Peinlichkeit und den Blößen, die man sich dabei geben kann. Kommen da Männer und Frauen bei Ihnen gleich (schlecht) weg?

Anselm Glück: Ich hoffe ja. Ich bin in meinen Texten eher menschenfeindlich, was aber nicht meine Lebenshaltung ist.

Frage: Ich habe den Eindruck, dass sie den Frauen eigentlich mehr gewogen sind. Da finden sich zu den Männern Textstellen wie " ... wo die Erkenntnis aufhört, schreitet der Mann zur Tat."

Anselm Glück: Wenn man es oberflächlich betrachtet, ist es das übliche Verhaltensmuster bei Männern. Grundsätzlich wären wir ohne kluge und gezielte Taten von Frauen und Männern ärmer.

Frage: Ihr Text "fast wär ich's nicht" wird am 15. Dezember im Volkstheater aufgeführt. Was erwartet den Zuschauer da?

Anselm Glück: Früher hätte man das Lesung genannt. Heute nennt man es Sprachperformance, weil Texte zum Teil auswendig gesprochen werden. Die Frau Srna wird aus Büchern lesen. Ich werde Texte aus den frühen 80er Jahren sprechen, die mit sparsamen Handbewegungen illustriert werden. "Fast wär ich's nicht" ist für mich ein gleichbleibender Titel von Kopfbildern, die für mich eigentlich Selbstporträts sind. Unter diesem Titel ist Verschiedenstes von mir erschienen.

Frage: Sie sind somit auf der Bühne, im Buch und im Bild präsent. Stand diese Multimedialität schon am Anfang ihres Werkes im Vordergrund oder hat sich das allmählich ergeben?

Anselm Glück: Es hat sich gleich am Anfang so eingestellt. Es hat so begonnen, dass ich in mitgeführten Merkheften gezeichnet und geschrieben habe. Und dass konnte ich im Laufe der Zeit immer ernster und ernster nehmen. Und so hat sich das dann beibehalten.

Frage: Ist es ein Vorteil, wenn man in so vielen Gebieten zu Hause ist - oder belastet das?

Anselm Glück: Es ist ein Vorteil, denn wenn man in Einem ermüdet, kann man sich dem Anderen zuwenden. Es hat aber den Nachteil, dass man von den Profis des jeweiligen Fachs nicht ganz ernst genommen wird.

Tipp:

Sonntag, 15. Dezember 2002, 20.00 Uhr, Sprachperformance - Anselm Glück: fast wär ich's nicht, Volkstheater Wien, Karten: 524 72 63.

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