Bernardo Bellotto als Logo des rechtsradikalen Blogs "Gates of Vienna"

Das Bild als Geisel der Propaganda


Meisterwerk eines kosmopolitischen Künstlers: Bellottos "Wien vom Oberen Belvedere aus gesehen".

Meisterwerk eines kosmopolitischen Künstlers: Bellottos "Wien vom Oberen Belvedere aus gesehen". Meisterwerk eines kosmopolitischen Künstlers: Bellottos "Wien vom Oberen Belvedere aus gesehen".

1759/60 hielt sich der Italiener Bernardo Bellotto in Wien auf: 16 Ansichten besonderer Gebäude samt Umgebung malte er für Maria Theresia. Prinz Eugen von Savoyen war 1736 verstorben, seine Sommerresidenz wurde von seiner Nichte verkauft. Die Regentin öffnete diese Schlösser als "Belvedere" für das Publikum, brachte darin ihre Kunstsammlungen unter: Die erste Umwandlungsphase in ein Museum hatte begonnen. Bellotto, der Neffe des Venezianers Antonio Canal und wie jener oft mit dem Künstlernamen "Canaletto" bezeichnet, saß im Oktogon des Nordwestturmes und verwendete eine Camera Obscura für die besondere Perspektiv-Konstruktion für "Wien vom Oberen Belvedere aus gesehen".

Ein Meisterwerk, das heute einen bitteren Beigeschmack hat. Denn es prangt ganz oben auf der Website "Gates of Vienna" - jenem islamfeindlichen Blog, auf den der norwegische Attentäter Anders Behring Breivik in seinem 1500-Seiten-Manifest Bezug nahm. Dass der Blog mit dem Bellotto-Gemälde einen neuen Türkenkrieg beschwört, ist grober Missbrauch. Als der Vedutenmaler in Wien arbeitete, lagen die Türkenkriege lang zurück. Selbst mit dem Rokoko haben Bellottos Wien-Ansichten nichts zu tun: Der Italiener pflegte einen eigenwilligen Stil mit starker Hell-Dunkel-Struktur, die Dokumentation der Wirklichkeit hat er noch "verschönert". Durch verschiedene Fluchtpunkte verschob er die Karlskirche sowie das Gotteshaus der Salesianerinnen; das Schwarzenbergpalais ist weniger breit, das Glacis erweitert, damit die Distanz zur befestigten Inneren Stadt Übersicht erlaubt. In seinen Staffage-Figuren porträtiert Bellotto verschiedene Stände - auch wenn jede Figur, vom Gärtner über Bürgerliche bis zur Aristokratin, nach gleichem Schema gemalt wurde. Dabei sind nicht die Arbeitenden, sondern die Spaziergänger in Aktion, was eine kleine Ironie des Meisters zumindest vermuten lässt.

Bräunliche Tönung wie anno dazumal

Bereits in den französischen Revolutionswirren eine Ikone, weiterhin als Sujet beliebt: "Der Tod des Marat". 1793 hat Jacques-Louis David das Werk nach der Ermordung des Jakobiners gemalt - heute spielt die Installation von Richard Jackson ("The Laundry Room") darauf an.

Bereits in den französischen Revolutionswirren eine Ikone, weiterhin als Sujet beliebt: "Der Tod des Marat". 1793 hat Jacques-Louis David das Werk nach der Ermordung des Jakobiners gemalt - heute spielt die Installation von Richard Jackson ("The Laundry Room") darauf an. Bereits in den französischen Revolutionswirren eine Ikone, weiterhin als Sujet beliebt: "Der Tod des Marat". 1793 hat Jacques-Louis David das Werk nach der Ermordung des Jakobiners gemalt - heute spielt die Installation von Richard Jackson ("The Laundry Room") darauf an.

Außer dass das Belvedere einst im Besitz des Türkenkrieg-Feldherrn Eugen war, passt hier also ganz und gar nichts zu einem fremdenfeindlichen Weltbild. "Gates of Vienna" verwendet das Meisterwerk noch dazu beschnitten und in extrem bräunlicher Tönung, um das Copyright des Kunsthistorischen Museums zu umgehen und eine Manier des 19. Jahrhunderts aufleben zu lassen, die auch in der Zeit von 1938 bis 1945 verbreitet Gebrauch fand. Bellotto, nach seinem Wien-Aufenthalt auch in Dresden und Warschau als Hofmaler tätig, war jedenfalls ein typischer Europäer seiner Epoche: Nicht unähnlich unserer Zeit werkten Künstler nomadisch an vielen Orten.

Als missbrauchter Maler ist Bellotto freilich kein Einzelfall. Bereits in der Antike war die Vervielfältigung der Bilder ein strittiges Thema. Die Postmoderne wiederum mit ihrer Neigung zur Paraphrase fördert das Zitieren - hier liegt wohl ab und zu ein Missbrauch vor, doch in der harmlosesten Variante. Eine Steigerungsstufe ist da schon der Gebrauch von Ikonen der Kunstgeschichte für die Werbung. Denn die Vermarktung erzeugt seltsame Trophäen auf Schirmen, Uhren, T-Shirts oder Geschirr, die allesamt der völlig unkünstlerischen Variante von Kitsch angehören. Prominent taucht vor allem Leonardo da Vinci mit seinen Schlüsselwerken auf. Im 20. Jahrhundert wurde die "Mona Lisa" zu einem der meistverbreiteten Sujets: Wenn Marcel Duchamp sie mit Bart 1919 geschlechtsumwandelte, ist das ein neuer Stil. Bei Maria Lassnig beschwert sich Mona Lisa schließlich in einem Trickfilm über die Männermacht. Natürlich: Ironie steckt auch in den Werbecollagen für Sparbücher, Handys, ja sogar im Rollstuhl sitzend und aus Comics blickt die Florentinerin uns an. Wenn Politiker ihr Lächeln jedoch auf Plakaten benützen, bleibt ein schaler Nachgeschmack.

Nicht im Sinne des Erfinders Leonardo da Vinci
Den "Mann im Kosmos" nützen derzeit Mercedes, das Rote Kreuz auf seiner Internetseite und eine Versicherung. Die Verfremdung des Männerakts zum Auto-Logo für die "optimale Bewegungsfreiheit" kann nicht im Sinne des Erfinders sein. Auch Leonardos "Abendmahl" diente und dient zahllosen Bühnenbildern, Klassenfotos sowie - zum Frauenteam verfremdet - dem Feminismus. Andere Dauerbrenner der Vermarktung sind antike Skulpturen, die Laokoongruppe, die Venus von Milo, Arnold Böcklins "Toteninsel", Jacques-Louis Davids "Der Tod des Marat" oder Édouard Manets "Frühstück im Grünen". Das Marat-Porträt als Bühnenbild der Bregenzer Festspiele, Laokoon beim Sport für eine Tourismuskette, die "Toteninsel" gegen die Atompolitik, das Frühstücksbild als gestellte Szene für die Mineralwasser-Werbung: Alles Ideenklau, der beim gebildeten Publikum mit Wiedererkennungseffekten arbeitet. Durch die Aufwertung des Kitsches seit den 1960er Jahren ist das kaum mehr ein Delikt im Konsumzeitalter. Was wohl Gustav Klimt, Emil Nolde oder Claude Monet sagen würden über ein Ende des Copyrights nach 70 Jahren? Sie könnten sich zumindest einen Anwalt nehmen. Doch es gibt Zeiten und Länder, in denen das nichts nützt.

Putin, gedankenschwer mit dem Pinsel in der Hand
Vor allem Diktaturen missbrauchen Bilder. Arno Breker machte aus Laokoon einen germanischen "Rächer"-Siegfried; nichts als Pose auch die Rossebändiger und die in bäuerliche Blut- und Bodenthematik gefallenen Venus-Varianten. Hubert Lanzinger inszenierte Adolf Hitler mit mittelalterlicher Rüstung zu Pferde nach Albrecht Dürers und Klimts Rittern. Die Nike von Samothrake platzierte Karl Mader 1943 über toten Soldaten als Racheengel für "Das heilige Opfer": Da wird das Bild zur Durchhalteparole für Kriegsmüde.

Frauen wurden mit Genrebildern aus Holland an ihre Heimchenrolle gebunden, und die Kunsthistoriker entdeckten fleißig das Deutsche, Englische, Romanische in der Kunst und zwängten auch die Nazi-Favoriten Vermeer van Delft oder Ferdinand Georg Waldmüller in rassistische Muster. Besonders Letzterer hätte sich als Revolutionär von 1848 sicher nicht eingefügt. Der mörderische Stalinismus mit seinem "sozialistischen Realismus", bis hin zu jenen Bildern aus Nordkorea, die erst 2010 mit viel Aufregung, weil unkommentiert im MAK gezeigt wurden, setzt hier nahtlos fort. Die Beispiele könnten Universitätsseminare auf Jahre füllen.

Interessant ist ein Foto, das 2008 von Wladimir Putin veröffentlicht wurde: Es zeigt den russischen Machtmenschen als zweiten Rembrandt, Velázquez oder Goya vor der Leinwand. Nicht das, was er malt, ist zu sehen, sondern sein entschlossener Blick auf die Leinwand - gedankenschwer innehaltend mit Pinsel und Farbglas in den zur Geste erstarrten Händen. Durch das Gewebe schimmern verstreute Buchstaben, keine Farbflecken. Dieser echte Putin brachte angeblich 37 Millionen Rubel, das waren 2009 immerhin 860.000 Euro. Auch das Aquarell-Werk Adolf Hitlers ist noch auf dem Kunstmarkt, die Ansicht allerdings widerlegt, dass die Aufnahme an die Wiener Akademie Schreckliches verhindert hätte.

Birgit Schwarz hat über Hitlers Missbrauch der Bilder und seinen "Geniewahn" ein gleichnamiges, lesenswertes Buch geschrieben: Hier müsste ansetzen, wer die Bildfälle im Internet als Tummelplatz radikalen Gedankenguts herausfiltert.




URL: http://www.wienerzeitung.at/nachrichten/kultur/kunst/?em_cnt=387198&em_loc=77
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