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Kunsthaus Graz: Ai Weiwei zeigt Solobild den Mittelfinger

16.09.2011 | 17:36 | Von Almuth Spiegler (Die Presse)

Während sich Bregenz auf die Architektur konzentriert, zeigt Graz eine Auswahl der über 200.000 Fotos, die Ai Weiwei über die Jahre veröffentlicht hat – und weiter veröffentlicht, allen Repressalien zum Trotz.

Über 200.000 Fotos, veröffentlicht über die Jahre im Internet per Blog und Twitter, in Museen und Kunstmagazinen rund um die Welt. Die gestern eröffnete Ausstellung über Ai Weiweis Fotos und Videos im Kunsthaus Graz macht klar, dass dieser Künstler nicht schweigen, nicht nicht kommunizieren kann. Auch nicht nach 81 Tagen Haft. Nach Verhören. Nach totaler Überwachung. Es war nur eine Frage der Zeit, bis der derzeit wohl berühmteste Künstler der Gegenwart das Redeverbot nach seiner Freilassung am 22. Juni brechen würde.
Ende August war es dann so weit, im amerikanischen, in China sehr verbreiteten Magazin „Newsweek“ erschien ein kritischer Essay von ihm über Peking als „Stadt der Verzweiflung“, als „Stadt der Gewalt“ und über seine Haft. Die Seiten ganz am Ende des Magazins hat allerdings kein Chinese je in die Hand bekommen; die Machthaber mussten zu einer brachialen Methode der Zensur greifen – sie ließen die Seiten herausreißen. Die Ankündigung der Geschichte auf dem Cover führte ins Leere und meist wohl direkt ins Internet. Tägliche Verhöre folgten für Ai Weiwei, der in Peking praktisch unter Hausarrest stehe, erzählt Peter Pakesch, der mit dem Künstler mehrfach zusammenarbeitete. Die aktuelle Ausstellung ist dennoch mehr ein prominenter Einspringer, ursprünglich hätte im Herbst Orhan Pamuk sein „Museum der Unschuld“ in Graz präsentieren sollen, doch er zog zurück und Pakesch übernahm die Ai-Weiwei-Schau aus dem Fotomuseum Winterthur.

Mosaik einer globalen Künstlerkarriere

So sind in Österreich gleich zwei künstlerische Facetten des Multitaskers zu erleben – seine Architekturkooperationen im Kunsthaus Bregenz und sein manischer Umgang mit der Fotografie als Dokumentationsmittel in Graz. Für diese Flut an Bildern, rund 100 schießt Ai Weiwei pro Tag, ist die Ausstellung erstaunlich geordnet und übersichtlich, fast ist man versucht zu sagen schweizerisch clean. Was aber nur einen scheinbaren Widerspruch zum Wust des Ausgangsmaterials darstellt, denn Ai Weiwei selbst ist bestens organisiert, ein eigener Archivar kümmert sich um den täglichen Fotoausschuss.
Auf einer Wand voll Bildschirmen laufen diese Schnappschüsse ab, fügen sich zum Mosaik einer globalen Künstlerkarriere: Essen, Tiere, Journalistenbegegnungen und natürlich Architekturdetails sind dokumentiert. Eine eigene Serie ist dem Bau des von Ai Weiwei mitentwickelten Paradebaus in Peking, dem Olympia-Stadion, gewidmet, von dem er sich bei Baubeginn distanzierte. Eine von mehreren widersprüchlichen Handlungen des Stars. Einerseits an dem für die chinesische Führung prestigeträchtigen Bauwunder Pekings mitwirken wollen, aber andererseits scharfe Kritik daran äußern? Wie geht das zusammen?
Auch Ai Weiweis Literaten-Vater war ganz nahe der Macht, eng vertraut mit Mao, der ihn dann in die Verbannung schickte. Ai Weiwei wuchs in dem Lager in der chinesischen Provinz auf. Anfang der 1980er-Jahre ging er dann nach New York, wo er zehn Jahre lang zwecklos mit Freunden herumhing, wie er selbst beschreibt. Und sie fotografierte. Erst jetzt werden immer mehr der damals entstandenen 10.000 Schwarz-Weiß-Bilder entwickelt. Sie zeigen einen hübschen jungen Mann, der Marcel Duchamp bewunderte, mit Allen Ginsberg befreundet war, brav ins MoMA ging und 1993 wieder zurück zum sterbenden Vater.
Es sind sein ganzes Leben, seine Haltung, sein Engagement, die Kunst sind, so Ai Weiwei. Ein westliches Kunstkonzept, seine Inhalte drehen sich aber um seine Herkunft, sein Land. Ob es der ambivalente Umgang seiner Landsleute mit ihrem Erbe ist – eine großformatige Fotoserie zeigt ihn beim „Fallenlassen einer Urne der Han-Dynastie“ – oder das Gedenken an tausende anonyme Kinderopfer des Erdbebens in Sichuan 2008. Fotos zeigen die Ruinen u. a. von Schulen, die durch schlampige Bauweise einstürzten. Ai Weiwei hängte hunderte Rucksäcke der Kinder an die Fassade des Hauses der Kunst in München. Solche Katastrophen gehen uns alle an. Alles ist vernetzt, online und offline.
„Interlacing“ heißt auch der Titel der Ausstellung. Wie sinnvoll es bei einem solchen Werk ist, die Fotografie herauszufiltern, ist fraglich. Der Spirit des Kampfes und der unermüdlichen Kommunikation bleibt jedenfalls spürbar. Abgeschlossene, eigene Fotoserien sind aber die Ausnahme, darunter die 1995 begonnenen „Perspektivstudien“, die immer nur Ai Weiweis erhobenen Mittelfinger vor den Postkarten-Sehenswürdigkeiten der Welt zeigen, den Machtsymbolen von Politik und Kultur, aber auch vor dem eigenen Studio. Hasst man oft nicht das am meisten, was einem am nächsten kommt?

Kunsthaus Graz: bis 15. Jänner, Di bis So, 10 bis 18 Uhr.


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