Ferdinand Schmatz

Ueber neue Aufsaetze Oswald Wieners


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fuer die dauer eines kusses.

Das Objektiv ist subjektiv

Biographie
 

Oswald Wiener schrieb sein Referat ueber Wittgenstein in Kanada.
Kanada und Wittgenstein, zwei an Inhalt und Umfang divergierende Begriffe - doch Werk und Person Oswald Wieners halten sie zusammen, setzen die Klammer. Diese reicht zurueck: auch literarhistorisch. Denn schon als Mitglied der Wiener Gruppe konfrontierte Wiener sich und diese mit der Sprachphilosophie Wittgensteins. Dieser Sachverhalt darf jedoch nicht dazu verleiten, Oswald Wiener einer Tradition zuzuordnen, der er stets zu entkommen trachtete. Nicht nur im Schreiben, auch im Empfinden, Denken, Sprechen und Handeln floh und flieht er jede konservierende Vereinnahmung. Seine rebellische Haltung gegen den sinn- und zielgerichteten Einklang von Individuum und Welt unter dem sprachlich konstruierten Pathos des Humanen zieht sich jedoch als gleichsam historischer Faden, besser: als Zuendschnur durch ein mit erkenntnistheoretischem Sprengstoff versehenes Werk; ein Werk, das literarisch und philosophisch auch von Wittgenstein beeinflusst wurde - und Wiener vom kuenstlerisch-geistigen Randbereich und Untergrund Wiens und Berlins in den auch raeumlich und kulturell so entfernten Kanadas fuehrte: der aeussere Standort wurde dem denkerischen konvergent.
Dieser wurde durch die sprachkritische Lektuere Wittgensteins mitgepraegt - ist aber in bezug auf die von Wiener aufgezeigten Zweifel an den "Philosophischen Untersuchungen" zu relativieren:

[...] vollends waren meine privatgoetter ins wanken geraten. wittgensteins "untersuchungen" waren in zweiter auflage in england erschienen [...] und fegten fuer mich seinen "tractatus" vom tisch. dennoch wurde mir klar, dass seine bemerkungen, ihm selber vielleicht nicht ganz bewusst, auf eine interpretation der sprache als prototyp der politischen organisationen hinausliefen, und solches war mir, dem studenten einer neuen anarchie, zuwider. ich interessierte mich neuerdings fuer fritz mauthner [...].




Die von Wiener (im Rueckblick auf das "literarische cabaret" der Wiener Gruppe) festgehaltene Abkehr vom ("zweiten") Wittgenstein der "Philosophischen Untersuchungen" und deren Tendenz, Sprache als Lebensform und menschliche Taetigkeit mit anderen untrennbar zu verflechten, geht konform mit der Hinwendung zu Fritz Mauthner und dessen These von der systematischen Irrefuehrung durch Sprache. Mauthner sagt einer Wirklichkeit ab, von der verlangt wird, dass sie mit der Sprache korreliert; mit einer Sprache, die zufaellig und geregelt ist - und dadurch auch die Wirklichkeit dem Zufaelligen und Geregelten auszuliefern versteht. Sprache ist, nach Mauthner, ihrem Wesen nach Gesellschaftsspiel und als solches ein kompetenzloses Sprechen, in dem es nicht zur UEbermittlung von (zum Beispiel: psychischen) Inhalten kommen kann. Das intersubjektive Argument tritt bei ihm hinter den Subjektivismus der nicht kommunizierbaren Individualbegriffe zurueck.
Dieser sprachkritische, nominalistische und reduktionistische Empirismus Mauthners stand Wieners solipsistischer Haltung naeher als Wittgensteins Philosophie der Gemeinsprache, in der durch das Sprachspiel die philosophischen Luftgebaeude aufgeloest werden sollten, um aus der Perspektive der derart gewonnenen Ordnungsuebersicht den Wesensgrund der Dinge mit einem in der Sprache freigelegten zu identifizieren. Eine Philosophie, die den gewoehnlichen Gebrauch der Zeichen (als "natuerlichen") in den verschiedenen Sprachspielen predigt - ich verweise auf Wittgensteins Rezept vom in der Sprache "herumgehen" - ohne ein Ordnungsschema von aussen an die Sprache heranzutragen; und damit ihren Stellenwert als existenzumfassenden bestimmt. Von dieser mit Sprache ausgespielten Ebene der Wirklichkeit wandte sich Wiener zunaechst einer (im Mauthnerschen Sinn) bewusstseins- und inhaltsbestreitenden, kurz: behavioristischen Ebene zu. Diese aber erfuhr - und das moechte ich in der folge dieses Beitrags erlaeutern - eine sie erweiternde, wenn auch in sich widerspruechliche Modifikation:




Der Schriftsteller Wiener, der in der "verbesserung von mitteleuropa, roman" (1969) die Utopie eines bio-adapters konzipierte, der die Realitaet des Erlebens und Erfahrens steuert, der die Natur durch technische Illusion ersetzt, die das Bewusstsein des einzelnen zu dem aller formalisiert, um es als kuenstliches "natuerlicher" als die Natur zu gestalten - dieser Schriftsteller Wiener spricht als Essayist und Philosoph der siebziger und achtziger Jahre einem Inhaltsdenken das Wort, das sich auf ein Individuum stuetzt, das seine Inhalte unabhaengig von Sprache zu entwickeln und seine Autonomie unabhaengig von den Einfluessen seiner Umwelt zu behaupten weiss; wobei er allerdings dieses Modell mit jenem vom Menschen als algebraische Struktur und ihrer Nachbildbarkeit in der kuenstlichen Intelligenz verbindet. Von der Wirklichkeit, vom Bewusstsein, vom Denken, das fuer Mauthner noch identisch mit dem Hervorbringen von Woertern war, lenkt Wiener sein Hauptaugenmerk auf das Verstehen, um den Prozess des Verstehens unabhaengig und in Relation zur Sprache zu untersuchen; wobei er (im Gegensatz zu Mauthner und dem Behaviorismus) auch auf introspektiv gewonnene Einsichten vertraut.
Die, aus diesen Einsichten entwickelten Modelle des Verstehens, sind eingebunden in Veroeffentlichungen Wieners, die als Essays, Referate, Zeitungsartikel, Interviews und Tagebuchnotizen vorliegen. Sie sind - anschliessend an die dichterischen Vorarbeiten innerhalb der Wiener Gruppe und der "verbesserung" - als Ansaetze zu einer Theorie der Kunst und deren Rolle in den gesellschaftlichen, insbesondere wissenschaftlichen Systemen der Gegenwart zusammenfassbar; etwas enger gefasst, koennte man von erkenntnistheoretischen Aufgaben der Literatur in der Naturwissenschaft sprechen.




Diese Rollenzuteilung der Literatur wird in der Germanistik mehr abschrecken als aufhorchen lassen, aber bedeutend genug sind die UEberlegungen Wieners zur Funktion der Literatur. Sie muessen ebenso Behandlung und Wuerdigung erfahren, wie die bereits literarhistorischen Leistungen der Wiener Gruppe. Aber auch wie die aktuellen Arbeiten Gerhard Ruehms, der seine Produktionen weiterhin in der Verbindung von theoretischem Anspruch und textpraktischer Umsetzung vorantreibt; wie dies (der sich von seinem poetischen Werk distanzierende) Wiener auf einer Basis der Symbiose von Wissenschaft und kuenstlerischer Reflexion in seinen Aufsaetzen tut. (Ich verwende diesen Begriff, der die Bedeutung der Arbeiten hinunterspielt, da ihn Wiener neben dem des Essays selbst bevorzugt - im Gespraech mit der "Presse" im April 1984: Wozu ein Kunstwerk, wo ein Feuilleton ausreicht?). Einer der ersten Aufsaetze, der an die verbesserung anschloss, wurde vom Autor im Sender Freies Berlin (1969) vorgetragen und untersuchte den Zusammenhang von Sprache und Geisteskrankheit.
Den Forderungen im appendix C der "verbesserung" folgend, setzt Wiener der Determiniertheit von Wahrnehmung und (an Sprache geeichtem) Denken die Individualitaet und Inhaltlichkeit eines (Selbst)Beobachters entgegen, der - anlaufend gegen alles Gewohnte - seine Zustaende erforscht, ohne sie mit der code-diktierten Begrifflichkeit zu definieren. Dieser Vorgang findet - wenn auch nicht in bewusst reflektierender Art - seine Parallele in der Geisteskrankheit und ihrer Kunst. Durch diese nicht unbedingt originelle Analogie betritt Wiener allerdings jenes (die ethischen und aesthetischen Werte umbauendes) Feld, in dem er sich bis heute bewegt und fragt, ob nicht die sogenannte Freiheit der Reflexion, die nicht nur der "gesunde" Kuenstler fuer sich beansprucht, ebenso den Zwaengen, vorgegebenen Schaltungen und Bahnen psychologischer wie biologischer Gesetzmaessigkeit folgt, wie der sein Wirklichkeitssystem umstrukturierende, vom Wahn zwanghaft Besessene?




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Das Objektiv ist subjektiv

Biographie

Ein Jahrzehnt spaeter greift er diese Frage aus dem Problemkatalog des Verstehens von Inhalten und ihrer Mitteilbarkeit (die sonst unter der Schirmherrschaft des frei entscheidenden Bewusstseins gehandelt wird) wieder heraus. In Betrachtungen "ueber den illusionismus" (des Autors Oskar Panizza, der dem Werk Max Stirners und dem Solipsismus nahestand), erklaert Wiener aus gegenwaertiger Sicht das Aufsuchen der Vorstellungen im Gedaechtnis anhand von Modellen der kuenstlichen Intelligenz und der Automatentheorie als gesteuert; auch die dichterische Inspiration und Halluzination, die fuer Panizza den Beweis seiner Freiheit und die Rettung seiner Persoenlichkeit darstellten, sind (laut Wiener) durch die Strukturen der im Gehirn realisierten Modelle vorgegeben. Und daraus folgernd meint er, dass die Sprache, mit der diese inneren Erfahrungen transformiert und mitgeteilt werden, nicht isomorph diesen Erfahrungen ist; und dass auch die Sprache, mit der man ueber die Aussenwelt spricht, den inneren Weltmodellen nicht isomorph ist oder, anders gesagt: dass innere wie aeussere Erfahrungen strukturell nicht durch Sprache ersetzbar sind. Denn waere eine Isomorphie gegeben, dann wuerde sie etwa der Schizophrene durch das Festhalten an den Wortvorstellungen (wie sie Freud in Verbindung mit den Sachvorstellungen nannte) aufzeigen und diese reproduzieren, aber sich nicht wie ueblich in Form von Neologien, die seinen neuen Bezugssystemen "entsprechen", mitzuteilen versuchen. So wie der Geisteskranke das Befolgen von semantischer, grammatischer und syntaktischer Gesetzmaessigkeit umgeht, versucht auch der Kuenstler eine Umstrukturierung der inneren Modelle, die nicht mehr mit den ihnen entgegengebrachten kommunikativen Modellen konvergieren. Aus dieser (die kommunikative Wirkungsweise bezweifelnden) Verhaltensform in den Kuensten (und in der Geisteskrankheit) schliesst Wiener, dass Worte und Saetze ihre Bedeutung, ihren Sinn und Inhalt erst von den Mechanismen der internen Modelle erhalten, auf die sie abgebildet oder projiziert werden. Selbstbeobachtungen bestaetigen ihm, dass auch im Fall der Mitteilung, die bedeutungs- und sinnverleihende Arbeit nicht durch eine der Sprache innewohnenden Faehigkeit, die Dinge durch ihr Benennen "wahr" zu erfassen, geleistet wird, sondern von jenem Apparat oder inneren Schema, der oder das die inneren Modelle durch seine Mechanismen erst zu Modellen macht:

der inhalt wird nicht mitgeteilt, sondern im vorgang des verstehens konstruiert und zwar durch die suche nach einer konstellation des inneren modells, welche die wahrgenommenen entitaeten [...] befriedigend abbilden kann.




Diese Abbildung erfolgt unabhaengig von der Wortwahl, vom Wort, von Wortverbindungen und Saetzen, da deren Bedeutungen nicht in diesen selbst vorgegeben sind, sondern im Akt des Kommunizierens entwickelt werden - von jenem Apparat, der etwas anderes als Sprache ist und dessen abbildender Mechanismus zwischen innerem Modell und Aussenwelt operiert. Was dieses sprachueberschreitende Schema involviert, hat Franz Kaltenbeck in einer Kritik an Oswald Wieners Theorie von Inhalt, Sinn und Bedeutung (in den "manuskripten") hervorgehoben: naemlich das Behaupten des autonomen Individuums, das sich unabhaengig vom gesellschaftlichen Kontext (dem historischen wie gegenwaertigen) und seinen nicht zuletzt sprachlichen Verhaltenssteuerungen bewaehrt. Fuer Wiener liegt der Sinn des Ausdrucks nicht im Ausdruck des Sinns, d.h. in der Schriftlich- oder Lautbarmachung einer linear entwickelten semantischen, syntaktischen und phonologischen Kodierung (wie sie die Linguistik im idealen Kommunikationsvorgang modelliert; und auf eine Dekodierungspotenz beim Hoerer setzt, die das Verstehen gewaehrleistet, da ein Code vorausgesetzt wird, der sprachlich in "allen" fliesst). Da auch die Erklaerungen des Sinns (Wiener setzt Inhalt, Bedeutung und Sinn synonym) durch die Semantiken immer in diesen quasi "genetisch" strukturiert angenommenen Code zurueckfuehren, wird uebersehen, dass zwischen das Bezeichnete und das Bezeichnende ein Subjekt mit Vorstellungen tritt, die nicht der Inhalt oder Sinn selber sind, da erst die Konstruktionen der Vorstellungen den Sinn ergeben. Diese Konstruktion bewerkstelligt jener abbildende Mechanismus, der die Verbindung zwischen Bezeichnendem und Bezeichnetem ermoeglicht und das eigentliche Verstehen traegt. Diese Verbindung ist nicht als reale vorgegeben, sondern wird erst waehrend der Abbildung oder Projektion des mitgeteilten auf den zu konstruierenden Teil des inneren Modells (gleichsam abstrakt) neu produziert. Was - noch einmal - heisst: dass Sinn oder Inhalt des Bezeichneten erst waehrend des Bezeichnens konstruiert werden.




Damit draengt Wiener die Sprache als sinnstiftendes Aggregat aus der Verstehensmaschine hinaus. In erkenntnistheoretischer Opposition zur Sprache (wie sie Kaltenbeck nannte) loest er den Sinn auf, indem er ihm sein sprachliches Konstituens entzieht. Den Mauthnerschen Weg der Sprachkritik erweiternd, fordert Wiener von der Kunst - als Kunst der Wissenschaft von der individuellen Erfahrung - die Erforschung der nichtsprachlichen Bestandteile des Verstehens, um durch die Analyse der Beschaffenheit von Vorstellungsinhalten (in bezug auf die Wahrnehmungsstrukturen) - die auch innerhalb eines formalen Experiments ablaufen kann - neue Inhalte konstruktiv orten zu koennen, die moeglicherweise selbst entwickelte Mechanismen blosslegen und der UEberschreitung des von ihnen dominierten Wirklichkeitsbildes dienen.
Der Begriff der Verstehensmaschine deutet jedoch an, dass auch das aussersprachliche Verstehen (oder Wissen im Zustand unsrer, welcher - laut Kleist - weiss) Steuerungen, letztlich biologisch bestimmter Art, unterliegt. Diese Vermutung Wieners, die er theoretisch immer staerker abzusichern glaubt, hebt die eben noch betonte Autonomie und Individualitaet des Individuums wieder auf - und erklaert vielleicht den in der "verbesserung" ohne Interpunktion offengelassenen Satz moeglicherweise sind wir alle, der in der Arbeit ueber Panizza ausgebaut wurde:

die "rettung der persoenlichkeit", so wie ich verstehe dass Panizza sie verstanden hat, haengt also davon ab, ob argumentiert werden kann, dass verschiedene menschliche automaten intern verschieden strukturiert sein koennen. das kann aus theoretischen gruenden am lebenden und aus praktischen gruenden am toten objekt weder gezeigt noch widerlegt werden.




Auf eine oberflaechliche Formel gebracht liesse sich die Wienersche Theorie zusammenfassen in: die Erkenntnis des Menschen, ein Automat zu sein, macht frei - wobei mit dem Begriff der Freiheit nicht jener der philosophischen Schulen, die die Freiheit des Willens und des Handelns als Ausdruck der menschlichen Wuerde propagieren (die mit dem freien Bewusstsein identifiziert wird), gemeint ist. Es ist vielmehr die Freiheit des - Kuenstlichen, die Wiener zum Beispiel im Typ des kreativen Dandys verwirklicht sieht. Der Dandy eliminiert das teleophobisch Humane, indem er sich paradoxerweise durch Riten der Selbstaufloesung konstituiert:

nur im kuenstlichen liegt freiheit, in der liquidierung starrer vorstellungen, in der verwandlung von begriffen [...] nicht auf das ziel eines gedankens schauen sondern auf den mechanismus der den ersten impuls mit dem ziel verbindet. [...] das selbstverstaendliche genauer untersuchen, das automatische ins bewusstsein heben. [...] bewusstheit erzeugt alternativen, die existenz von alternativen ist freiheit, nicht ihre ausfuehrung. auf diese weise "faehrt" auch der zwang "nach innen", "freiheit" ist nur mehr diese bewegung, mehr ist nicht moeglich. das reich der notwendigkeit ist das reich des inhalts.

nach aussen erscheint das als formalistische haltung, was nichts als ein versuch der vermeidung von zwaengen des formalismus ist, man spricht nicht ueber inhalte, stets ueber die ausfuehrung, das material, den entwurf, die sprache, das verhalten wird inhalt.

Der Dandy ist fuer Wiener die Vorwegnahme des kuenstlichen Menschen, der mit einem ebenso kuenstlichen Bewusstsein in einer kulissenhaft wahrgenommenen gesellschaftlichen Szenerie der sinnverordnenden Formalismen experimentiert. Sich selbst widersprechend, affirmativ-verneinend, ich-dekomponiert-zentrierend, inszeniert sich der Dandy vor dem Spiegel des anderen, und benuetzt dessen formalisiertes Bewusstsein als Zeichenreflektor, um die eigene, vorprogrammierte Wirkung zu ueberpruefen. Er verweigert nach aussen jede Art von Inhalten, macht bewusst vor ihnen Halt oder blickt kuehl reserviert ueber sie hinweg, nachdem er sie und damit sich selbst formalisierte: als gesellschaftlicher Dandy (Beau Brummel, jener die Gesellschaft mit modischem Zynismus sexualisierende Snob), als politischer Dandy (der zwischen den rivalisierenden Parteien springende und sie gegeneinander auspielende Alkibiades), als literarischer Dandy (Valérys Monsieur Teste, der im Theater nicht die Buehne, sondern den Zuschauerraum studiert), als wissenschaftlicher Dandy (R. Jakobson/C. Lévi-Strauss in ihrer struktural-linguistischen, "genial" inhaltsvernichtenden Zeicheninterpretation der "Chats" von Baudelaire) - um die nicht auffindbare eigene Identitaet im Zeichenverschubsystem des Formalen, Fremden, Kuenstlichen doch noch als eine des Selbst aufzubauen. Fuer den Dandy jedenfalls liegt im Erkennen des Gesteuert-Seins seine "Art von einziger Freiheit", weil er weiss, damit den anderen einen Schritt voraus zu sein.
Dieser Schritt geht durchaus konform mit dem Modell des autonomen Individuums von Oswald Wiener: ist nicht der Dandy ein von seinen sprachlich zugewiesenen Daten sich unabhaengig glaubendes Wesen, das seine Inhalte nicht mitgeteilt bekommt, sondern diese selbst konstruiert? Dem es bewusst ist, dass der Inhalt nicht Eigenschaft einer Mitteilung ist und dass das darin Gesagte anders zum Ausdruck kommt, als intendiert - und dadurch auch anders oder gar nicht verstanden wird? Ein Wesen, das dieses "Nicht-Wissen" zur kommunikativen Waffe umgestaltet und so plant und agiert, als waere das beliebig formal Ausgedrueckte der Inhalt (wie es die gegenwaertige Gesellschaft der sinnformalisierenden Instanzen unter dem Deckmantel der Transparenz handhabt)? Der Dandy Wieners durchschaut diesen formalen Manipulationsprozess, weiss aber, indem er ihn mitgestaltet, dass er tiefer reicht, als es ihm die Analyse der Gesellschaft vordergruendig zeigt. In diese Tiefe, die ins Eigene geht, blickt Oswald Wiener - ohne jetzt festzustellen, er sei ein Dandy; wenn auch seine Erarbeitung der Charakteristika des Dandytums manchmal wie Selbstbeschreibungen klingen:

[...] argumentativer konsens, des philosophierens kommt nicht in frage: formale uebereinstimmung muss ohnehin subjektiv mit sinn erfuellt werden; ausserhalb des sinns ist sie mechanisch, widerspricht der absicht die sie etwa hervorriefe. der dandy ist genauer, empfindlicher, in den formen seiner gesellschaft idiosynkratischer beobachter seiner inneren und aeusseren umgebung, theoretiker aber nur ad hoc (Maximen, Sentenzen, Aphorismen). er hat verstanden dass seine ergriffenheiten internen gesetzmaessigkeiten folgen und ihm demnach vorgezwungen sind. entdeckt die mechanik immer groesserer teile dessen, das er fuer seine freiheit gehalten hat, bis hin zum apparat der verzweiflung. wo ist ich?




Auf dieser sich mechanisch nach innen bewegenden Bewusstseinsspirale, die das Ich in einem sinnverzehrenden Kreislauf zu durchstossen draengt, erfolgt die Aufgabe und Aufloesung der Persoenlichkeit jedoch nicht entsprechend der Selbstopferung des Menschen in der Revolte (von Camus), auf den Wiener in einem seiner eindringlichsten Vortraege: "°" ueber "probleme des nihilismus" (in Triest 1980) eingeht.

Das von Camus dokumentierte Scheitern der revoltierenden Dandys (die Koenigsmoerder von 1793; der Gott fuer tot erklaerende Nietzsche; der totalen Egoismus fordernde Bakunin) stellt fuer Wiener ein heroisches Scheitern vor dem Selbstwertgefuehl der Persoenlichkeit und vor der moralischen Instanz der Geschichte dar. Beide Gewalten fegt sein, sich als Nihilist der Gegenwart entpuppender, Dandy ins Nichts hinweg. In ein Nichts, vom dem er weiss, dass er selbst dieses nicht mehr besitzt. Ein Nichts, das Stirner (in Anlehnung an Goethe) noch die Basis gab, auf die er seine Sache bauen konnte, ein Nichts, das der lch- und Subjektbegriffskritiker Nietzsche noch hatte; dieses hinter den Begriffen vermutete, um doch noch das ungewertete Ideal vom gottfreien Menschen zu retten. Diesen moralischen Heroismus findet Wiener im neuen Nihilismus nicht mehr. Wandte sich der alte noch gegen die naturwissenschaftliche Erkenntnistheorie, mit dem Ziel, ihre physikalisch mathematische Lehre von der Entstehung des Gedankens im menschlichen Gehirn zu unterbinden, so spekuliert und experimentiert der neue Nihilismus bereits mit der Verwirklichung dieser Theorie von der Nachbildung und Erzeugung des menschlichen Bewusstseins. Er bestreitet dessen ethische Einzigartigkeit, um die Verwirklichung des kuenstlichen Menschen zu ermoeglichen. Nicht nur in der Wissenschaft der Mathematik und ihrer axiomatischen Methode, die das inhaltliche Denken in die Metamathematik verbannt und mit den Begriffen "formal" und "Formalismus" wahrheitsbeanspruchend agiert, nicht nur im bewusstseinsleugnenden Behaviorismus, nicht nur in der Semantik, die inhaltliche Aspekte des Verstehens in den Formalismus der Sprachsysteme (Grammatik, Syntax) transformiert, beobachtet Wiener die Rueckkehr des Bewusstseins als Formalismus. Auch in die Bereiche des Moralischen und des Alltagserlebens haelt es fuer ihn Einzug und dient damit einer (die Lebensformen umgreifenden) Beschreibung und Erzeugung des Kuenstlichen, in der das einst unanfechtbare Humane des Bewusstseins (und des Unbewussten) als Maschinelles begriffen wird, das sich nicht nur reproduzieren laesst, sondern sich selbst neu erzeugt. Die in Mode gekommenen Namen der Mathematiker Turing, Hilbert und Goedel stehen fuer diese Tendenz des neuen Nihilismus der formalen Transparenz, der davon abgegangen ist, auf Inhaltlichkeit zu setzen, da diese endgueltig durch die Darstellung des Sinns anhand von formalisierten und die Erscheinungen simulierenden Zeichenverbaenden aufgesaugt scheint:

[...] ich bin nicht Ich. ist es das, was man heute noch Nihilismus nennen koennte? jedenfalls hat diese dekomponierende tendenz nicht bei den werten halt gemacht, sondern vom sinn als einer das menschliche leben ausrichtenden struktur auf den sinn von saetzen und gedanken, auf den Inhalt der alltaeglichen psychischen vorgaenge uebergegriffen. die gestalthaftigkeit meiner vorstellungen erscheint als das unangemessene, ihre inhaltliche komponente steht in zweifel, aber damit auch das ueberzeugende meines erlebens, der qualitaeten, der triebe. [...] sinn ist ein behelf, den mangel an formaler kapazitaet auszugleichen.




Diese Sinn-Entleerung durch formale Sinn-Auffuellung erkennt Wiener nicht nur durch Selbstbeobachtung, sondern auch durch das Studium der gesellschaftlichen Formen, Veraenderungen und Tendenzen; wobei er den derzeitigen Nihilismus der sich selbst programmierenden Programme wider die humanen Ideale nicht nur frueh erahnte, sondern ihn als Vehikel zum Aufsuchen fuer neues, anderes Verstehen benutzte und benutzen will. Dass der Versuch des Simulierens von Denken, Vorstellungsmustern oder gar Nervenzellen, fuer ihn, der sagt: denken ist simulieren, der fragt: ist leiden nicht eigentlich adaptionsschwaeche, folter nicht eigentlich heuristik - eine Herausforderung darstellt, die er mit seinen Mitteln zu bestehen und zu verstehen sucht, liegt auf der Hand. Noch dazu, wo er meint, dass die zuletzt zitierten Paradoxien einem doch bekannt vorkommen muessten, blickt man in die Geschichte zurueck und in die Gegenwart hinaus (die hoechstens eingesteht, vom dialektischen zum binaeren Denken ueberzuschwenken; wogegen Wiener postuliert, dass Denken, auch das dialektische, binaer ist ...). Diese - ohne anklagendes Pathos - gestellten Fragen und Thesen finden sich in einer Untersuchung, die Detailprobleme der Frage Turings: Koennen Maschinen denken? aufgreift. Auf Wieners Diskussion der Turings-Tests und des derzeitigen Forschungsstandes der kuenstlichen Intelligenz kann im Rahmen dieses Beitrags nur hingewiesen werden, um sie einer eingehenden, kritischen Rezeption nahezulegen:

aus dem zusammenfliessen von ergebnissen der formalen logik mit den erfolgen der linguistik leiten sich die versuche der bisherigen kuenstlichen intelligenz her, "bedeutung" als zuordnung von worten zu worten, zu variablen oder zu mengen und relationen [...] zu begreifen. tatsaechlich ist die natuerliche sprache auf den ebenen der phonologie, der morphologie und der syntax als Zerlegbares System darstellbar, und die wohlgeformtheit einer sprachaeusserung laesst sich durch einen "flachen" formalismus ueberpruefen. hingegen ist die auswahl der komponenten eines bestimmten satzes, den ein mensch in einer gegebenen situation aeussert, offenbar kein rein linguistisches problem. der mechanismus, welcher auf einem Semantischen Netz operiert, ist in diesem netz nicht selbst repraesentiert. fuer das normale menschliche denken ist eine abbildung nicht als menge, sondern als mechanismus gegeben, der selber eine gestalt hat und seinerseits zum ausgangspunkt von abbildungen werden kann [...] man versucht daher neuerdings, vorstellungen oder begriffe als Prozeduren (programme, automaten, turingmaschinen) zu verstehen.




Damit moechte ich im Schlussteil meines Aufsatzes dorthin zurueckkehren, wo er seinen Ausgang nahm: naemlich zur Rolle, die fuer Wiener die Kunst und die Literatur in dieser noch zu erbringenden Theorie des Verstehens spielen kann. Neben einer (mehr als synoptischen) Betrachtung des Werks und der Person Dieter Roths, ist besonders ein Beitrag zum Werk Arno Schmidts fuer Wieners Auffassung von Literatur bemerkenswert. Ein Abdruck davon ist in der Zeitschrift "gedanken" zu finden, die er mit dem Wiener Aktionisten und Zeichner Guenter Brus herausgab.
In diesem Text legt Wiener seine Gruende, die ihn zum Schreiben und zur experimentellen Literatur fuehrten, klar. Ausserdem grenzt er seine Position als Schreibender gegenueber jener von Arno Schmidt, aber auch gegenueber den Autoren wie Max Bense, Dieter Roth, Franz Mon, Gerhard Ruehm, Eugen Gomringer und Peter Handke ab.
Diese Position ist untrennbar mit jener erkenntnistheoretischen Opposition zur Sprache verbunden, die ich schon angerissen habe. Sie hat Kontinuitaet wie die erwaehnte rebellische Haltung gegen jede Art von Konvention. Sie drueckt sich bereits in den Arbeiten der Wiener Gruppe und in der Gemeinschaftsarbeit mit Konrad Bayer ("starker toback. kleine fibel fuer den ratlosen, 1962) aus und erstreckt sich ueber die "verbesserung" bis in das "schreibheft" (Zeitschrift fuer Literatur, 1985): dieser literarischste unter den neueren aufsaetzen traegt den bezeichnenden und programmatischen Titel: "Wer spricht?"
In der Zeitschrift "gedanken" spricht Wiener zunaechst mit dem Berliner Sprachtheoretiker Helmut Schnelle, der in seinem Buch "Sprachphilosophie und Linguistik", 1973 auch aus der "verbesserung" zitiert. In Form des Briefwechsels, der fuer Wiener neben dem Tagebuch und dem Essay das einzig moegliche Genre fuer literarische Erkenntnisarbeit bedeutet, erlaeutert er Schnelle seine Kritik am Verstehen. Der Introspektion vertrauend, untersucht er den Zusammenhang von Sprachausdruecken und Denkvorgaengen, die fuer ihn, seiner Haltung entsprechend, unabhaengig von der Sprache vor sich gehen. Als Beleg fuer diese kontinuierliche Haltung gegen den sprachlichen Konsens und fuer das ebenso kontinuierliche Aufsuchen dieses Probleinkreises, sei eine Stelle aus dem Briefwechsel mit Schnelle hervorgehoben:
Nach der Analyse seines Verstehens einer Textstelle aus Roland Barthes "UEber mich selbst" kommt Wiener zu dem Ergebnis, dass sich Barthes ein gewisses gleiten ueber die ausdruecke hinweg zum prinzip macht - und stellt fuer sich fest:

in der "verbesserung von mitteleuropa, roman" habe ich an gewissen stellen bewusst und auch experimentell ein verstehen zu evoziern versucht, das als anhaltspuNkt nur ein moeglichst schnelles dahingleiten ueber die woerter haben sollte.




Das Bild dieses schnellen Dahingleitens passt in das ausser-sprachliche Verstehensmodell Oswald Wieners, wo dem Wort oder dem semantisch-ontologischen Standpunkt (eines Mauthner oder Freud) weniger Bedeutung zukommt als dem kommunikativ-pragmatischen, der sich aber nicht in einer Chomsky zustimmenden Anerkennung der Satzstruktur (und ihrer Relation von Tiefen- und Oberfaechenstruktur) aeussert, sondern in der individuell zu leistenden Inhaltssetzung durch Bewegung einer inneren Struktur, die in den Zeichen selbst nicht reproduziert wird:

fuer mich ist inhalt innere bewegung, also bewegung meiner selbst, bewegung dieser algebraischen struktur, die ich zu sein meine, und die in zeichen gar nicht reproduziert werden kann.

zeichen koennen nur anlass sein, inhalte zu entwickeln, aber den inhalt muss jeder, der auch so eine algebraische struktur ist, mit eigener arbeit leisten. deshalb meine ich, dass es keine tradition von ideen gibt, sondern nur eine tradition von formen, die immer wieder neu mit einem inhalt erfuellt werden.

Diesen Inhalt bezeichnet Wiener als Kern, der hoechstens mit Zeichen koordiniert, aber nicht in diese Zeichen und ihre Formalismen umgesetzt werden kann. Dieser Kern hat aber weniger Realitaetsgehalt (wie das Zeichen in der strukturalen Linguistik oder die isolierten Bestandteile der Sprache in der generativen Grammatik) als Illusionscharakter, den ein innerer Apparat erzeugt und der dieser Illusion damit erst den Sinn verleiht. Jener Apparat dominiert ausserhalb der Sprache und ihrer Zeichen oder Bestandteile, die von der sprachlichen Struktur abhaengen, im Verstand des Individuums jenen Sinn oder Inhalt, den Wiener mit dem Begriff des ergriffenseins umschreibt. Schon bei Bayer und Ruehm findet er den Versuch, hinter das Erlebnis zurueckzufragen, um nicht bei diesem und seinen Sinnesdestillaten zu verharren - wie es das heutige "heruntergekommene" Dandytum (das zum Beispiel im Punk Ausdruck erlangt) durch die Ignoranz der sinngebenden Mechanismen des Verstehens von Ergriffenheit praktiziert. Aber auch in der Gegenwartskunst, wie dem Orgien Mysterien Theater von Hermann Nitsch kritisiert Wiener die blosse Symbolverschiebung und das Innehalten beim rein sinnlichen Ausdruck; dass nicht untersucht wird, was hinter dieser Sinnlichkeit steckt, wie diese funktioniert. Fuer eine neue Standortbestimmung des Gesamtkunstwerkes (wie sie Nitsch derzeit vorzunehmen meint) waere hier eine Diskussion notwendig.
Im Gegensatz zum Integrationswillen im menschlich-kosmischen Gesamtkonzept von Nitsch fordert Wiener von der Kunst und Literatur die sinnlichen Wahrnehmungen als Sinnesdaten im Geist der empirischen Philosophie und Wissenschaft aufzufassen. Der (in dieses Erforschen involvierte) Zerfall der Persoenlichkeit - man denke an die Analyse des Dandytums - ist eine Folge dieses Einforderns und zeigt sich auch am Beispiel der eigenen (Wienerschen) literarischen Entwicklung.
Die Intensitaet des Empfindens, die er mit Ergriffenheit und (manchmal) mit Verstehen gleichsetzt, stand fuer Wiener in den Anfaengen seines experimentellen Schreibens im Missverhaeltnis mit den sie verblassen machenden Mitteilungen; Worte und Saetze, die Dinge und Tatsachen ersetzten, entsprachen eben nicht dem Gefuehl waehrend der Erlebnisse und den Zustaenden der Erinnerung an sie, sondern waren am Ende immer wieder nur Begriffe, Saetze, Sprache.
Durch die Sprache aber wird der komplizierte innere Mechanismus des Verstehens in starre Elemente transformiert, deren Formen ein Eigenleben entwickeln, das mit dem Verstehen gleichgesetzt wird: Vulgaer-Formalismus. (Bezogen auf Literarmethodisches waere dieser Vorgang vergleichbar der pervertierten Montage, dem sinnvortaeuschenden Eigenleben der Ausdrucksmittel; wogegen die Montagen Bayers, Ruehms oder Achleitners zur Demonstration des Sachverhalts dienen, dass die durch Sprache erzeugte Wirklichkeit eine andere ist, als die der Aussenwelt und der sie wahrnehmenden Innenwelt, beide aber dennoch zu beherrschen vermag. Wofuer Friedrich Achleitners Montage "die gute suppe" ein demonstratives Beispiel abgibt.)
Hatte Wiener zunaechst (in einer die Materialitaet freisetzenden Funktionalismus-Philosophie) auf eine selbstaendige Erneuerung der AEsthetik gehofft, so erkannte er nach Introspektion, dass sein, dieser AEsthetik unterlegtes, frei beweglich geglaubtes Persoenlichkeitsmodell zur Verlaengerung dieses Formalismus-Schemas wurde; also ein aeusserlich starres, aber innerlich keineswegs ich-kompaktes, stabiles, sondern sich aufloesendes, das den Gesetzen der sprachlichen Mitteilung und den Gesetzen eines biologischen Substrats gehorcht, auf das die kommunikativen Konventionen stossen. Kurz: unterscheidet Wiener zwischen zwei Mechanismen der Wahrnehmung, zwischen

[...] dem "atomaren", der unser durch korrelation unserer biologischen sinnlichkeit mit der uns entgegengebrachten kommunikation erlerntes wirklichkeitsgefuehl ausmacht, und dem "molekularen", mythologischen mechanismus, der sich auf dem "atomaren" erbaut und mit welchem wir die behandlung eines dings, seine einordnung so vornehmen, als sei die erklaerung einer erscheinung eine eigenschaft dieser erscheinung.




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Das Objektiv ist subjektiv

Biographie

Von der Literatur verlangt Wiener deshalb: die UEberwindung des erklaerenden Beschreibens, in dem das an Genauigkeit Bestechende nicht dem Erlebnis angehoert, sondern dem - in den vorgegebenen Bahnen der Sprache - zum Erlebnis Dazugesetztem; und das sich in einem Stil Ausdruck verleiht, der weniger das kreative Kennzeichen eines Autors ist, als das Merkmal einer Zudeckung von Erlebtem und Welt mit bewaehrten Sprachmustern. Nichts als Symbole verschiebend, traegt diese Literatur dennoch nicht der formalen Veraenderung der Zeichensysteme Rechnung, von denen die Wirklichkeit nicht nur anders zerschnitten, sondern auch in Form anderer Bilder zusammengesetzt wird.
Wiener fordert daher weiters von einer experimentellen Dichtung: die erkenntnistheoretische Erforschung der gegenwaertigen Umwaelzung des Lebensgefuehls und des Weltbildes, insbesondere jenes vom Humanen an sich, wie es zur Zeit in der Gen-Forschung und der Kuenstlichen Intelligenz vorbereitet und durchgefuehrt wird.
Die Literatur hat dabei in den zentralen Problembereichen, die mit Begriffen wie "Bewusstsein, Inhalt, Sinn, Form, Struktur, Bedeutung" gekennzeichnet sind, eine Aufgabe zu uebernehmen, welche von der Wissenschaft (aufgrund ihres regelgerichteten Methodenzwanges) noch nicht in der Form durchgefuehrt werden kann, wie es die Literatur zu koennen haette; da der sie Schreibende a) in einem durch Selbstbeobachtung erstellten System von Formen der Mitteilung quasi von innen heraus arbeitet und die sprachverarbeitenden Modelle mit den in sie einfliessenden Bedeutungstraegern an jener Grenze, wo sich beide reiben, untersucht; wobei er
b) nicht an Vereinbarungen und Methoden gebunden ist, die zu einer Absonderung der im Experiment angewandten Mittel fuehren, die als vorausgesetzte und nicht zu analysierende Entitaet gelten, und auch
c) die Unterscheidung von sinnvoll und sinnlos keinesfalls von vornherein zuzulassen braucht, um seine (ihm sonst begrifflich zugewiesene) Identitaet und Identifikation zu ueberpruefen - und wenn noetig aufloesen zu koennen. Zur Vorantreibung dieses Aufloesungsprozesses kann der Schriftsteller Sinnverschiebungen durchfuehren, sie sogar provozieren, ohne sich in Zeichenanhaeufung zu verlieren. Das sich aus den Sinnverschiebungen ergebende oder sich formierende Weltbild darf jedoch nicht sanktioniert und stilistisch neu einbetoniert werden; vielmehr hat sich der Schreibende auch diesem "Verstehen", diesem neuen Verstehen querzustellen und es anzuzweifeln. Das in diesem Vorgang miteingeschlossene Scheitern, ausgedrueckt in der Formel die hinwendung auf die bedingungen des sinns vernichtet den sinn. die moderne literatur entsteht aus dem scheitern des versuchs, das detail zu erfassen ist jedenfalls im Sinn einer konstruktiven Destruktion zeitgerechter als die Zweifel beim Schreiben, wie sie die Autorinnen und Autoren der neuen Innerlichkeit hinsichtlich ihrer Sprachohnmacht vor der Gesellschaft ueberfallen; von dieser ihrer sprachlichen Identifikation beraubt, begeben sich die Schreibenden deshalb auf die Suche nach dieser Sprache, um wieder als vollwertiges Mitglied in die Gesellschaft, die sie durch "beispielhaftes" Aufarbeiten der eigenen Geschichte indirekt auch zu verbessern vorgeben, einzulaufen: Pars Pro Toto-Realismus.
Aber auch einst als experimentell gehandelten Autoren wie Max Bense wirft Wiener die Gleichsetzung von Gedanken mit Zeichen, von Inhalten mit Formalismen vor. Sie spielten der Literaturkritik ein in sich selbst "vollendetes" literarisches Experiment (das erst Ausgangsbasis und nicht Ergebnis der dichterischen Forschung war) zu, das diese in den geschichtlichen Kanon einzugittern verstand, um es als (totgelaufenes) Experiment mit dem Signum der "Sprachkritik" objektiv erfassen, will heissen: ad acta legen zu koennen.
Dagegen muss es aktuell sein und bleiben, keine im voraus bestimmten objektiven Zuege von Wirklichkeit oder Wissen durch eine sie beschreibende Konvention akzeptieren. Das Aufspueren und Nachvollziehen von literarisch ueberarbeiteter Literaturgeschichte (wie es fuer Wiener das Werk Arno Schmidts repraesentiert) wird den fuendig werdenden Literaturwissenschaftler erbauen. Richtungsweisend fuer eine Literatur, in der das Verstehen durchgearbeitet wird, kann auch diese Art von "Bildungs-Literatur" nicht sein.
Ist es die Wienersche? Ich wuerde behaupten: ja. Aber wo ist bei Wiener Literatur, hoere ich fragen. Und ich antworte, wie sonst so oft in diesem Beitrag, diesmal nicht mit einern Auszug aus von Wiener geschriebenen (neuen) Aufsaetzen. Ich bitte den Leser, "Wer spricht?" als ganzen zu lesen. Dieser Aufsatz wird dann nicht nur fuer mich Literatur in erweiterter, essayistischer Form sein, die sich ohne formales Experiment dem Unabwendbaren stellt; und weil dieses Unabwendbare fuer Oswald Wiener immer Grund genug war und ist, genau dieses abzuwenden, oder zumindest das aufzusuchen, was unangenehm beruehrt, Furcht macht, Angst - halten wir Aufsaetze wie den zuletzt nicht zitierten oder jenen ueber Nihilismus in Haenden, um ihn zu lesen. Ob wir ihn verstehen, ist eine andere Frage, aber um diese geht es.
Wieners Arbeiten seit dem Abbruch seiner alten dichterischen Versuche, die stets vom theoretischen Anspruch dominiert wurden, fuehren die Notwendigkeit dieser Fragestellung vor. Und seine Essays zeigen, dass die von ihm geleistete Verquickung von Literatur und Wissenschaft nichts an Brisanz und konsenskritischem Charakter verloren hat. Seine Aufzeichnungen behaupten sich als Literatur und Datenspektrum - wie im Anhang zu Baudrillards letztem Buch "Die fatalen Strategien" demonstriert wird: indem Wiener die Luege als hypothetische Variable betrachtet und sich von Vorstellungen, den eigenen und jenen anderer ueber die eigenen und so fort, "loszuloeten" hofft um anders zu verstehen, um den aeusseren Formalismen, selbst geschaffene als Inhalt entgegenzusetzen; und die waehrend dieses Prozesses gesammelten Daten dem Ziel der Erkenntnistheorie, Maschinen mit "dicken Formalismen" zu bauen, die luegen koennen, zuzufuehren - wenn auch sein "achttagebuch" noch nicht geschrieben, bzw. nicht veroeffentlicht worden ist, so liegt es anhand der heute vorgestellten Aufsaetze in wesentlichen Bereichen bereits vor - und wirkt:
und nimmt Einfluss auf die Haltung unserer Generation von Schreibenden, die Texte der Wiener Gruppe bereits als literarhistorische Tradition zu verarbeiten und die alten wie neuen Aufsaetze Oswald Wieners zu bemerken haben wird, will sie nicht den neu aufgewaermten alten Sprachbrei der einst mit theoretischem Gestus angetretenen Riege der postexperimentellen Literatur, der Peter Handkes und Co. folgen.
Wieners philosophische Arbeiten sind mehr als die Alternative dazu; auch wenn er sie - eingebunden in das Epiphaenomenale - als sinnblase schreibt. Sie moege platzen.