Strich und Materie

Das zeichnerische und skulpturale Werk von Louise Bourgeois ist in Bregenz von 6. Juli bis 15. September zu sehen.


Das Kunsthaus Bregenz würdigt das Werk der 90-jährigen Künstlerin Louise Bourgeois in einer Gegenüberstellung von zwanzig Skulpturen und mehr als 100, überwiegend erstmals gezeigten, Zeichnungen aus den Jahren 1943-2002. Die auf drei Etagen stattfindende Schau bietet dadurch einen umfassenden Überblick der verschiedenen Schaffensperioden und Schlüsselwerke von Louise Bourgeois.

Papier, Holz und Bronze

"Ohne Titel", 1995 / ©Bild: F. Delpech

Zu sehen ist ein repräsentativer Rückblick des zeichnerischen Ouevre. Über 50 Zeichnungen stammen aus den Jahren 2001-2002. Skulpturen der letzten Jahre geben einen Einblick in das aktuelle Schaffen. In den Zeichnungen entwickelt sich Bourgeois immer mehr zur Abstraktion und Innerlichkeit hin, während ihre Skulpturen sehr unterschiedlich und extrovertiert gestaltet sind.

Zu sehen sind bemalte Holzstelen aus den 40er Jahren. In den 50er Jahren realisierte die Künstlerin abstrakte, geometrische Skulpturen, die Aspekte der Plastiken von Brancusi weiterführten. In den 60er Jahren beginnt bei der Künstlerin die menschliche Figur eine größere Rolle zu spielen. Gezeigt werden auch hängende Zwitterwesen aus Bronze und große, begehbare Environments der 80er und 90er Jahre.

Spinnen

Gleich im Foyer begegnen die Besucher einer riesenhaften Spinne aus Bronze. Ihre Beine überspannen eine Fläche von sieben Mal sieben Meter, ihr Körper schwebt in einer Höhe von drei Metern über dem Betrachter. Die Spinne repräsentiert für Bourgeois eine beschützende und zur Verteidigung bereite Mutterfigur.

Im Gespräch erläutert sie ihre persönliche Ikonografie der Spinne: "Meine beste Freundin war meine Mutter und sie war ebenso klug, geduldig und rein wie eine Spinne. Außerdem konnte sie sich selbst verteidigen." Die leitmotivisch im Werk der Künstlerin wiederkehrende Ambivalenz von Schutz und Ausgeliefertsein, Verführung und Bedrohung, Macht und Zerbrechlichkeit wird durch diese monumentale Skulptur erfahrbar.

Erinnerungsräume

Auf der dritten Etage des Kunsthauses wacht eine Bronze-Spinne gleichsam über eine der seit Mitte der 80er Jahre entstandenen "Cells", von denen ebenfalls eine Auswahl in Bregenz zu sehen ist. Mit diesen bildet Bourgeois Erinnerungsräume, die durchaus nicht nur biografisch, sondern auch kollektiv begriffen werden können.

"Spider", 1997 (Zum Vergrößern anklicken) / ©Bild: Marcus Schneider

Von der Wichtigkeit des Entwurfs

Das Prinzip der Wiederholung, der Variation und der permanenten Überarbeitung findet sich in Bourgeois' zeichnerischem Werk wieder. Wie sehr Zeichnungen und Skulpturen im Schaffensprozess einander ergänzen, beschreibt Bourgeois folgendermaßen: "Zeichnungen sind unersetzlich, weil man auftauchende Ideen einfangen muss wie Fliegen... und was macht man mit Fliegen und Schmetterlingen? Man konserviert sie und bedient sich ihrer ... dann entsteht aus einer Zeichnung ein Gemälde und aus dem Gemälde eine Skulptur, denn Skulpturen sind das einzige, was mich befreit. Sie sind greifbare Realität. Vielleicht sind wirkliche Personen das einzige, was noch besser ist als Skulpturen."

Mehr als Skizzen

Auch wenn die Künstlerin ihre Zeichnungen dem plastischen Werk unterordnet, sind diese mehr als bloß vorbereitende Skizzen. Bourgeois' Zeichnungen entwickeln sich oft aus impulsiven Strichsetzungen, die - von einem Grundgerüst aus Linien und Koordinaten ausgehend - Konfigurationen entwickeln. Häufig entstehen unerwartete Querverbindungen eines begonnenen Motivs mit anderen Ideen. Sie sind in farbiger Tinte und Kohle, aber auch in Bleistift gehalten. Auch Gouachen entstehen. Allen gemeinsam ist eine gewisse Leichtigkeit des Entwurfes.

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