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Ran an die Ohren!

11.12.2008 | 18:24 | ALMUTH SPIEGLER (Die Presse)

Ich kann mir ja nicht jeden Tag ein Ohr abschneiden“, jammerte Martin Kippenberger einmal angesichts der völlig verdorbenen Genie-Erwartungen der Gesellschaft seit der postumen Van Gogh'schen Verklärung.

 Aber verdorben ist verdorben, da hilft nur List und Tücke – und die hat die Albertina mit ihrer eigentlich sehr kunsttheoretischen Van-Gogh-Schau vorbildhaft angewandt. Hier wurde einmal mehr gehalten als versprochen! Ob das auch jemand bemerken konnte in der knallvollen Sardinenbüchse, ist eine andere Frage. Ich hätte mein Geld zurückverlangt. Es stärkt das Ego nicht unbedingt, wenn man sich wie eine Kuh in der Herde fühlt, von Treibern und Abzäunungen in geregelte Bahnen gepfercht.

Wir sonst eher die einsame Museumsprärie gewohnten Kunst-Kobe-Rinder sind eben schnell zu verstören. Zu registrieren haben wir trotzdem: Ohren müssen fliegen, Herzen brechen, Leinwände bersten, Schicksale entschieden werden. Was die Leute im TV sehen wollen, soll auch im Museum laufen. Warum also nicht Starmania aufgreifen und über einen neuen Van Gogh voten lassen? Eine Meisterklasse bigbrothermäßig vorführen. (Zagreber Künstler legten das System einmal wenig subtil auf eine Schafherde um.) Katrin Lampe könnte „Künstler sucht Modell“ kuratieren. Und statt mit Lugner auf Campingurlaub könnte man mit Noever in L. A. abhängen. Da hätte TV gleich ein völlig anderes Niveau und die Museen auch post Van Gogh eine geile Quote.

Jedenfalls bin ich dafür, dass freche Dinge erdacht werden, um mehr Menschen zur Kunst zu verführen, dass originelle kleine Sonderausstellungen die Leute wieder in die Dauerpräsentationen bringen. (Was ist zum Beispiel mit dem falschen Van-Gogh-Selbstporträt in der Sammlung des Belvedere, wäre das keine perfekte Ergänzung des Augentrainings in der Albertina gewesen?) Die Museen werden sich schleunigst einige wahnwitzige, atemberaubend qualitative Ideen abringen müssen, um uns die Zeit der Krise heiter zu vertreiben und um sie selbst würdig zu überleben. Also ran an die Ohren!


almuth.spiegler@diepresse.com


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