Barbarische Kultur

Eine brisante Schau zum Thema "Kunst und Krieg" in der Neuen Galerie des Grazer Joanneums hat den Reigen an Ausstellungen zur Kulturhauptstadt 2003 eröffnet.


Freuds Schriften "Das Unbehagen der Kultur" von 1930 und "Warum Krieg?" von 1933 bilden die Basis der zeitgenössischen Ausstellung "M_ARS - Kunst und Krieg", die von Peter Weibel und Günther Holler-Schuster kuratiert wurde.

Kunst der Generation der 30- bis 50-Jährigen von Vanessa Beecroft, Olaf Breunig, Paulo Virilio, Jenny Holzer, Alan Kaprow und anderen mehr ist zu sehen. Gezeigt wird die Schau, die am vergangenen Freitag eröffnet wurde, bis 26. März dieses Jahres.

Stanley Greene: Death in Grozny
Stanley Greene: Death in Grozny

Konfliktfreies Europa?

Untersucht wird die Frage, warum der Prozess der fortschreitenden Kulturentwicklung oder Zivilisation immer wieder von Menschengruppen, Religionen oder Nationen unterbrochen wird, die zur rücksichtslosen Vernichtung Anderer bereit sind. Europa gab sich seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs der Illusion hin, dass kriegerische Konflikte in der Dritten Welt, weit entfernt von Europa, stattfinden würden.

Eine weitere Illusion war, dass das Friedenssystem der Vereinten Nationen ein geeignetes Instrument zur Verhinderung von kriegerischen Auseinandersetzungen sein würde. Wie schnell die Europäer in einen Krieg hineingezogen werden können, zeigten nicht zuletzt die Kriege auf dem Balkan. Europa war Anfang der 90er Jahre geschockt und lange Zeit politisch handlungsunfähig.

Anja Niedringhaus: Afghanische Panzer während einer Waffenpause
Anja Niedringhaus: Afghanische Panzer während einer Waffenpause

Kultur - Antipode Krieg?

Die Ausstellung in Graz wirft nun die Frage auf, ob Kultur wirklich der Antipode zu Krieg ist. Stimmt das Diktum Freuds, wonach "alles was die Kulturentwicklung fördert, auch gegen den Krieg" arbeitet? Oder trifft nicht eher Walter Benjamins Feststellung zu, dass jedes Dokument der Kultur auch ein Dokument der Barbarei impliziert?

Ist es nicht vielmehr so, dass Kulturentwicklung in bestimmten Phasen kriegerische Auseinandersetzung geradezu fördert? Hat nicht Kunst neben einer pazifistischen Tendenz auch streckenweise eine militiärische Intention?

Wie sehr die Kultur der Freikorps in der Weimarer Republik mit ihrem reaktionären Frauen- und Männerbild die Gewaltausbrüche Nazideutschlands mitevozierten, zeigte Klaus Theweleit bereits in den 70er Jahren mit seinem Klassiker "Männerfantasien". Kultur hat demnach immer eine barbarische Seite.

Exerzierfeld für Gewaltfantasien

Nancy Rubins: Airplane Parts and Building
Nancy Rubins: Airplane Parts and Building
Ein weiterer Aspekt ist die Gewaltdarstellung in der bildenden Kunst. Meist ist sie anklagend gegen erlittenes Leid wie bei dem amerikanischen Maler Leon Golub.

Kunst ist aber auch Exerzierfeld für Gewaltfantasien. Nicht umsonst sind Kriegsreporter wie James Nachtwey, Simon Norfolk oder Stanley Greene mittlerweile genauso bekannt wie ihre Kollegen von der bildenden Kunst.

Martha Rosler: Bringing the War Home: House Beautiful
Martha Rosler: Bringing the War Home: House Beautiful

Henne-Ei-Prinzip

Das Verhältnis zwischen Bilder der Gewalt und Gewalt der Bilder überdenkt die Ausstellung kritisch und schließt somit an einen bereits gängigen Diskurs an. Insofern ist diese Ausstellung keine Antikriegsausstellung. Sie stellt nur ungewöhnliche und manchmal neue Fragen zu Kultur und Krieg.

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Mehr zu weiteren Ausstellungen in Graz in oesterreich.ORF.at

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