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Kunstberichte
Oberes Belvedere: "Schreiende" Intervention von Werner Reiterer

Bei Aufschrei Kunst

Laute Schreie bei der Belvedere-Präsentation der "Intervention: Werner Reiterer. Breath"

Laute Schreie bei der Belvedere-Präsentation der "Intervention: Werner Reiterer. Breath"

(© Zötl/APA)

Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

Aufzählung Wo 1955 der Staatsvertrag unterzeichnet wurde, zuvor der Empfangssaal des Prinzen Eugen war und vielleicht so manches Bankett über Krieg und Frieden entschied, da darf man jetzt brüllen. Im Marmorsaal des Oberen Belvedere ist jetzt der Mut zum Grenzgang gefragt. Wem es gelingt, die mit den geweihten Hallen eines Museums verbundene Schamgrenze total zu überschreiten, wer die Angst, für verrückt erklärt zu werden, beherrschen kann, der gewinnt in Werner Reiterers Intervention "Breath" das besondere Erlebnis.

Dabei funktioniert der zweischneidige "skulpturale Katalysator" des 1964 in Graz geborenen Künstlers besser, wenn draußen winterliche Dunkelheit eingekehrt ist. Die Intervention besteht, zuerst sichtbar, aus der Tafel mit der Aufschrift "Schreien Sie jetzt so laut Sie können!", der wesentliche Teil ist ein Luster darüber, der zwischen anderen kaum als Skulptur erkennbar ist. Diese Chamäleon-Strategie kann zu einer leichten Enttäuschung führen: Nur bei Überschreitung eines relativ hohen Lärmpegels kommt die besondere Antwort von oben – und nicht die Frustration, dass außer der negativen Aufmerksamkeit anderer Besucher nichts passiert.

Psychologische Schreitherapien belohnen jedenfalls nicht annähernd in so ästhetisch wirksamer Form. Das Licht geht aus und an, dabei ist ein Ein- und Ausatmen zu vernehmen. Zum Erlebnis zweier kurzer Nachtphasen zwischen den Erhellungen tritt hier also das Hören: Eine mitreißende soziale Skulptur nach Joseph Beuys und ein Selbstheilungsmoment, lange nach Sigmund Freud.

Subversiv, aber bescheiden

Jeder Mensch ein schreiender Künstler? Subversive Haltungen dieser Art gibt es seit den Situationisten und der Fluxus-Bewegung der 60er, aber im Gegensatz zu der pathetischen Selbstinszenierung damaliger Künstler-Heroen nimmt sich Reiterer völlig aus dem Geschehen. Den performativen Akt muss man selber vollziehen, die Körperentblößung ist dabei allein stimmlicher Natur, die Verletzungsgefahr gering.

Ein Museum als Therapietankstelle

Das Abweichen vom Normalverhalten greift hier ganzheitlich in den Gefühlshaushalt ein, das Erfolgserlebnis zieht aber einige Gedankengänge nach sich. Mithin die Erkenntnis – hoffentlich auch für skeptische Geister –, dass junge Kunst ihr Publikum nicht nur auf die Rolle des Betrachters reduziert, sondern Mitgestaltung anbietet.

Wird das Belvedere nun zur Therapietankstelle durch Kunst? Leicht möglich und so einfach. Dazu ein Tipp des Künstlers: Gruppenbildung hilft bei der Aktivierung der Toninstallation. Und reduziert die peinliche Befangenheit.

Aufzählung Ausstellung

Breath
Von Werner Reiterer
Rüdiger Andorfer (Kurator)
Oberes Belvedere
http://www.belvedere.at
bis 28. März

Printausgabe vom Mittwoch, 23. Dezember 2009
Online seit: Dienstag, 22. Dezember 2009 18:36:00

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