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Kunstberichte
Die Kunst der Selbstdarstellung in St. Pölten

Schillerndes Ich als Phantom

Zahlreiche Künstler schlüpfen bei ihren Selbstporträts in Posen und
 Rollen: So auch Isolde Höllwarth-Johams in "Isolde, Gottfried, 
Daisy und Donald" (1977). Foto: Peter Böttcher

Zahlreiche Künstler schlüpfen bei ihren Selbstporträts in Posen und Rollen: So auch Isolde Höllwarth-Johams in "Isolde, Gottfried, Daisy und Donald" (1977). Foto: Peter Böttcher

Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

Aufzählung NÖ Landesmuseum zeigt die Schau "Ich ist ein anderer".

St.Pölten. Im Kunstdepot des Landes Niederösterreich lagern Schätze zum breiten Thema Selbstbildnis, wie die Megaschau in der Shedhalle auf Spurensuche künstlerischer Inszenierung von Schiele bis heute beweist. Malerei, Skulptur, Installation, Video und vor allem Fotografie behandeln auch Künstlerporträts von Kollegen.

"Das Gesicht der Kunst" ist für Karl Korab der kollegiale Blick auf Nitsch, Damisch oder Kowanz. Franz Hubmann integriert mit Picasso und Giacometti die internationale Szene; mehrere Künstlerinnen sind in Friedl Mejchars Fotoserie 1954– 61, aber auch bei Didi Sattmann zu finden und Magdalena Frey beleuchtet Susanne Wenger. Dem klassischen Typus des Atelierbildes, der Selbst-Inszenierung vor der Staffelei, stellt Kuratorin Alexandra Schantl den Wandel zum vielstimmigen, teils prekären "Wir" und Pseudo-Ich seit den 1960er Jahren zur Seite. Der Auftakt mit Egon Schiele als exzessivem Selbstsucher ist nicht nur Rückblick – Karin Frank schnitzt ihn als Werbeträger auf einem Billa-Sack hockend, Tomak stellt ihn neben sich als "Wunderkind" und Elisabeth von Samsonow verwandelt sich ironisch in einen Transgender-Schiele, aber auch ein Wollschwein.

Serielle fotografische Blöcke setzen sich in Fritz Simaks Messerschmidt-Paraphrase fort, die Hände seiner Kinder formen die "Gesichtsstudien". Der poetische Titel nach Arthur Rimbaud verweist auf die Ich-Spaltung, im streng pathologischen Sinn ist sie nur bei dem Gugginger Künstler Aurel Iselstöger, vielleicht bei Cora Pongracz und Michaela Moscouw zu finden. Gegenüber antwortet der Blick der anderen – so der durch die Kamera Robert Zahornickys auf die Gugginger.

Schwarzer Humor mit komplexen Verwandlungen

Das Zelebrieren des Künstlers als Märtyrer der Gesellschaft haben die Aktionisten nach Egon Schiele skandalös fortgesetzt – die Face-Farce-Serie Arnulf Rainers entlarvt den sexuellen Charakter theatralischer Affekte im Alltag. Der Part der Psychoanalyse mündet in inszenierte Krankheit, Hysterie oder Todestrieb bei Florentina Pakosta, Marianne Maderna, Heidi Harsieber oder Gottfried Helnwein. Zwanghafte Bekleidungsorgien überlassen Karl Spörk und Helmut Rainer nicht allein den Frauen.

Mit schwarzem Humor erfreuen Deutschbauer & Spring oder die Boygroup gelitin, die 2000 noch als gelatin auftrat, mit erotischen Reizen für die Damenwelt nicht geizend.

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Bei Karin Frank wird Schiele zum Werbeträger. Foto: Rita Newman

Geschlecht als soziales Konstrukt beschäftigt auch die Künstler Christa Biedermann, Elke Krystufek und Helmut Kandl, queer gesehen Conny Kunert. Von Andrea Kalteis’ Ko-Existenzen ist der Schritt zum Rollentausch in Judith Huemers Sprechperformance vor der Kamera "Tourist-Terrorist-Artist" bis in die komplexe Verwandlung Irene Andessners in Marlene Dietrich nicht weit.

Bekannte Alter-Egos wie Rudolf Hausners Adam oder Adolf Frohners Giacometti begegnen in der Ausstellung experimentell konkreten Strukturfeldern des Selbst von Hermann Painitz und Rudolf Polansky.

Romana Scheffknechts komplexe Installation beleuchtet kongenial Fragen der medialen Repräsentation in der Postmoderne. Blickfallen und Bildstörung der Ich-Wahrnehmung machen bei Markus Hahn, aber auch Renate Bertlmann die Grenzen der Rolle vor und hinter der Kamera fließend. Der Katalog zur Schau verstärkt dann die spannende Selbsterkenntnis.

Aufzählung Ausstellung

"Ich ist ein anderer" – Die Kunst der Selbstdarstellung
Alexandra Schantl (Kuratorin)
St. Pölten Lamun (Landesmuseum Niederösterreich)
bis 26. April 2011



Printausgabe vom Mittwoch, 29. September 2010
Online seit: Dienstag, 28. September 2010 18:08:00

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