Zeitlos

Immer wieder wurden Kunstwerke im Laufe der Jahrhunderte von jüngeren Künstlern überbaut, übermalt und verändert.


Streift man durch die europäische Kunstgeschichte, so entdeckt man, dass sich das frühe Christentum wenig um spätantike Architektur scherte.

So wurden antike Überreste zum Bau von Kirchen verwendet. Stätten des heidnischen Mithras-Kults verwandelten sich in unseren Breiten zu christlichen Kultstätten.

Historische Beispiele

Besonders bei der Kirchenausstattung wurden romanische oder gotische Fresken im Barock übermalt und alte Flügelaltäre mussten dynamischen, pathetischen Barock-Altären weichen. Ob nun die britischen Künstler Jake und Dinos Japman mit ihrer Übermalung der Goyaserie "Die Schrecknisse des Krieges" wirklich ein kunsthistorisches Sakrileg begingen, sei angesichts der historischen Beispiele dahingestellt.

Natürlich ist das Verdecken von Gewesenem und das Entdecken von Verstecktem eine spannende Sache, die Künstlergenerationen reizte. Das zeitgenössische Kunstpublikum setzt auf Originale, Authentisches und Althergebrachtes.

Rembrandt

Heuer im Juli wird bei Sotheby's ein Selbstbildnis des jungen Rembrandt mit einem Schätzwert von rund 8 Millionen Euro versteigert. Das Bildnis des Künstlers, das ihn mit 28 Jahren zeigt, war 300 Jahre unter der Malerei seines Schülers verborgen, der sein Gesicht in eine Studie eines russischen Aristokraten in prunkvoller Gewandung verwandelte. Die Besitzer ließen über Jahre die Malerei Schicht für Schicht abtragen, bis Rembrandts Kopf hervorkam, dessen Schnurrbart und Haare verlängert wurden.

Beispiel Arnulf Rainer

Einer, der eine beachtliche Karriere mit Übermalungen machte, ist der österreichische Künstler Arnulf Rainer. In den fünfziger Jahren experimentierte Rainer mit der Informel und dem Tachismus und begann dann mit Übermalungen von Werkfotos historischer Meister wie griechischen Plastiken, Rembrandt, Goya und Van Gogh.

1977 kamen Überzeichnungen von Totenmasken, Mumien und Leichengesichtern hinzu, die Rainers Auseinandersetzung mit dem Tod einleiteten. 1982 entstand eine Hiroshima-Serie: Zeichnungen auf Fotos der toten Stadt.

Tiefendimension

Rainer wurde wegen dieser Übermalungen, insbesondere der schwarzen Übermalungen von Kruzifixen, der Blasphemie und Scharlatanerie bezichtigt, konnte sich aber künstlerisch durchsetzen. Bei eingehender Betrachtung seiner Arbeiten zeigt sich, wie sehr eine spirituelle Auseinandersetzung mit Lebensinhalten diesen Übermalungen zugrunde liegt.

Unterschiedliche Gewichtung

Wenig Humor bewies Rainer, als 1994 eine Studentengruppe seine Werke mit eigenen Übermalungen ergänzte. Er war empört und erlitt in folge der Aufregung einen Schlaganfall. Scheinbar gilt hier das Sprichwort: "Quod licet jovi, non licet bovi".

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