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Arco Madrid: Tod oder Sieg – die Arco lebt wieder

19.02.2011 | 18:02 | von SABINE B. VOGEL (Die Presse)

Kurz vor dem endgültigen Abstieg der Arco Madrid in die Bedeutungslosigkeit hat der neue Leiter, Carlos Urroz, die spanische Kunstmesse in ihrem 30. Jahr radikal reduziert, dabei aber überzeugend wiederbelebt.

Nackter Hallenboden, dunkles PVC in den Ständen, breite Gänge und karge Plätze in der Mitte – die 30. Arco Madrid tritt radikal reduziert auf. Nachdem die Messe nach 2000 stetig gewachsen, 2008 auf 50.000m mit 295 Galerien gekommen und mit über 200.000 Besuchern zum Volksfest mutiert ist, sind jetzt Sparkurs und Gesundschrumpfen angesagt. In nur mehr zwei statt drei Hallen stellen 197 Galerien aus. Damit reagiert der neue Direktor, Carlos Urroz, auf die Kritik der wichtigsten spanischen Galerien, die zuletzt wegen mangelnder Qualität ihre Teilnahme verweigert haben. Urroz, der in den 1990ern für die Messe und danach lange in der Galerie Helga de Alvear arbeitete, hat mit dieser Strategie die Arco aus der Krise gezogen – und das führte an den Eröffnungstagen zu bester Laune bis Euphorie. Manche Galerien konnten davon direkt profitieren, de Alvear etwa verkaufte ein Bild von Katharina Grosse um 35.150 Euro, die Galerie Krinzinger eine Arbeit von Angela de la Cruz für 17.000 Euro. Doch bei aller Kauflust wurde nur selten die magische Grenze von 60.000 Euro überschritten. Die Zeiten, in denen Sammler ohne zu zögern eine Viertel Million Euro ausgegeben haben, sind vorbei. Daran kann auch das großzügige Sammlerprogramm nichts ändern, zu dem die Arco angeblich allein aus Südamerika 60 Paare eingeladen hat. Noch weniger kann auf russische Sammler gehofft werden. Es gäbe höchstens zehn nennenswerte Sammler zeitgenössischer Kunst, erklärt einer, der ungenannt bleiben möchte.

Der Großteil kommt von spanischen Künstler, allen voran von Klassikern wie Antoni Tàpies oder Antonio Muntadas, zu sehen sind aber auch Georg Baselitz, Herbert Brandl, Imi Knoebel oder Jannis Kounellis. Manche Werke zogen die Blicke magnetisch an wie die kleinen Papierarchitekturen von Carlos Garaicoa oder der von der Decke hängende Regenschirm mit Soundinstallation von Bernhard Leiter bei Georg Kargl, für den sich auch spanische Museumsleiter interessierten.

Das zu Recht meistfotografierte Motiv der Messe war der Dreierstand von Charim Ungar, Christine König und Gabriele Senn. Innen und außen mit einer Fototapete von Elfie Semotans New Yorker Atelier beklebt, präsentierten die Galeristinnen mutig-frech Werke von Dorothee Golz, Thomas Locher, Amelie von Wulffen und Michael Riedl.


Minimaler Schwerpunkt. Aber nicht nur Zeitgenossen waren gefragt. Viele Besucher suchten gezielt Künstler der Moderne. Davon profitierte die DAN Gallery aus São Paulo. Denn hier konnte man einige jener Künstler finden, die zeitgleich in der Ausstellung „Cold America“ in der Fundacion Juan March zu sehen sind. Mit über 300 Werken von über 60 Künstlern wird dort die geometrische Abstraktion in Lateinamerika von 1934 bis 1973 präsentiert – ein spannendes Kapitel im immer umfangreicher werdenden Buch einer nicht mehr nur westlichen, sondern weltweiten Moderne. Die Ausstellung reagiert auf den diesjährigen lateinamerikanischen Schwerpunkt der Arco – der allerdings mager ausgefallen ist, wie auch das offizielle Gastland, Russland, mit nur acht Galerien enttäuschte. Diese Minimalversion eines Länderschwerpunkts mag eine Folge der radikal gekürzten Subventionen wegen der Wirtschaftskrise sein – deren Auswirkungen auf der Messe allerorts zu sehen sind, wenn etwa führende Galerien immer weniger Quadratmeter mieten oder portugiesische Stände deutlich das Logo des portugiesischen Kulturministeriums tragen. Ohne staatliche Unterstützung hätten diese Galerien nicht an der Messe teilnehmen können.

Mit mehr als einer Mio. Euro unterstützen der spanische Staat und die Stadt Madrid die Messe – und das ist auch nötig. Die 250 Euro Standmiete pro Quadratmeter allein könnten das internationale Sammler-, Kuratoren- und Vortragsprogramm nicht finanzieren. Erst dadurch wird die Arco aber zu mehr als zu einem Kunstmarkt, wird zu einem Höhepunkt des spanischen Kunstjahres, der dazu beiträgt, dass die spanische Kunstszene international vernetzt wird. Mit dem Neustart ist das nun wieder gesichert.


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