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Quer durch Galerien

Der Schuh des Prokrustes

Von Claudia Aigner

300 Jahre Wiener Zeitung!Menschen haben die (eigentlich den Gleichheitsgrundsatz massiv verletzende) Angewohnheit: Wenn man zwei davon Platz sparend übereinander legt, sind sie seltenst deckungsgleich. Soll heißen: Sie sind konsequent inkongruent. Diesem Umstand, dass also der eine größer und der andere kleiner ist, ist ein gewisser Prokrustes bekanntlich genial brutal begegnet: mit so etwas wie einem Gleichschaltungsbett, damit wenigstens das, worin die Menschheit über Nacht aufbewahrt wird, jedem, der sich hineinlegt, sogleich wie angegossen passt.
Eine Art Konfektionsbett war das, in dem die Schläfer, die ja nicht konfektioniert sind, Kompromisse eingehen wie Aschenputtels Stiefschwestern in Aschenputtels Schuh. (Oder wie die klaustrophobisch schwitzenden Zehen in den Kreationen der Damenschuhkonfektionäre, die, also die Damenschuhe, durchwegs Ausdruck eines "Horror vacui" sind: der panischen Angst vor dem geringsten bissel unausgefüllten Raums.) Freilich haben die orthopädisch bedauernswerten, zu kurzen oder zu langen Bettgänger des Prokrustes wegen der sehnenzerreißend streckenden bzw. hackbeilig verstümmelnden Gastfreundschaft der Schlafstatt immer elendiglich verschlafen (weil bei Toten ja die innere Uhr stehen geblieben ist oder: das Krähen des inneren Hahns).
Nun lässt sich Pia Steixner (bis 9. April bei der Steinek, Himmelpfortgasse Nr. 22) die absolut perfekte Passform von Bücherverwahrungsmöglichkeiten angelegen sein. Oje. Sie wird doch wohl nicht etwa ein "Prokrustes-Regal" gebastelt haben? Oder sich gar in der Nonplusultra-Praktik der Sadomaso-Bibliophilen üben: Die Bücher kauen und sie dann in ein Flascherl normierter Größe wie in einen Spucknapf spucken, bis am Ende die ganze Nationalbibliothek in ein paar Gewürzregale passt? (Der Präzedenztäter war übrigens 1966 John Latham, der den Buchbrei, also die komplett ausgelaugte Lektüre auch noch mit Schwefelsäure traktiert und das bis zur Unkenntlichkeit ausgespuckte und entstellte, kurz: entehrte Buch dann dem traumatisiert entgeisterten Bibliothekar retourniert hat.)
Nein, die Literatur, die in Steixners "Bücherskulpturen" einkehrt, ist für den Alphabetismus noch nicht verloren. Denn Steixner passt die Bücher bloß jeweils akribisch, aber immer noch entnehmbar in einen weißen, makellosen Kubus ein, nämlich so, dass jedes Buch genau den Platz verdrängt, den sein Volumen braucht, damit nirgends etwas drübersteht. Hier ist das abstrakt skulpturale Potenzial der Bücher gekonnt akkurat in die Geometrie integriert. Faszinierend simple Objekte zwischen Brauchbarkeit (Stichwort: Lesereflex) und Unantastbarkeit. Daneben hat Steixner zwei "architekturgroße" Säulen sauber und eng vollgestopft: die eine mit Zeitungspapier (sogar mit Bügelfalten, weil gebügelt), die andere mit der Belletristik für Konsumenten, folglich mit Werbeprospekten. Zwei imposant ordnungsliebe Altpapierarchive sozusagen. Ein Archiv der verjährten Neuigkeiten und eines für die Sonderangebote, die bereits abgedankt haben.
Gottfried Leitner (bis 14. April beim Lang, Seilerstätte 16) kommt den Menschen neuerdings fast porentief nah (gut, zumindest in Spucknähe, nein, doch näher). Seine Küsser und anderen Männer und Frauen, die sich jetzt sehr lebendig und lustvoll-zwischenmenschlich verhalten, sind süffig fotorealistisch, vielleicht ein bisschen angeberisch lecker gemalt. Dennoch: Seine einsam und klitzeklein auf einem Sprungbrett oder im verebbten Meer ausgesetzten Leute, die originell surreal in einer verstörend minimalistischen Umgebung in Isolationshaft sind, sind psychologisch viel betörender.

Erschienen am: 26.03.2004

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