| Berlin - Vor mehreren tausend Schaulustigen hat
der Aktionskünstler Wolfgang Flatz in Berlin bei einer umstrittenen
Performance eine tote Kuh von einem Hubschrauber abwerfen lassen. Flatz
selbst hing während der von einer Band begleiteten Aktion nahe dem
Alexanderplatz am Donnerstagabend in Kreuzigungspose von einem Baukran. Er
wollte nach eigenen Angaben mit der "Fleisch" betitelten Performance das
seiner Ansicht nach gestörte Verhältnis der Gesellschaft zum Fleisch
anprangern.
Die Aktion war auf scharfen Protest vor allem von Tierschützern
gestoßen, von denen einige am Ort der Performance demonstrierten. Das
Berliner Verwaltungsgericht hatte einen Antrag auf Verbot der Aktion
abgelehnt. Aus der Kunstszene gab es gemischte Stellungnahmen, sehr
abschätzige wie verteidigende.
Zwanzigminutendrama am Prenzelberg
Flatz' Performance fand an einem Kulturzentrum im Stadtteil Prenzlauer
Berg statt. Die Polizei hatte die viel befahrene Straße vor der
"Backfabrik" abgesperrt. Gegen 21.30 Uhr wurden zunächst Bilder von Flatz'
blutverschmiertem Gesicht an die Hausfassade projiziert. Danach zog der
Kran den 48-Jährigen in etwa 40 Meter Höhe vor den Abendhimmel. Ein weißes
Tuch mit roten Flecken, das ihn zunächst verhüllte, streifte er ab.
Anschließend flog der Hubschrauber, unter dem die Kuh hing, über das
Gelände und warf diese aus 40 Metern Höhe ab. Sie schlug mit einem dumpfen
Geräusch auf eine Unterlage aus Kartons auf. Zeitgleich wurde ein
Feuerwerkskörper gezündet, der eine Stichflamme und Rauch auslöste.
Anschließend tanzten mehrere festlich gekleidete Paare in offenen
angestrahlten Fensterhöhlen des Bauwerks einen Walzer, dessen Musik aus
Lautsprechern kam. Die Zuschauer begleiteten die etwa 20-minütige Aktion
mit Applaus und Pfiffen.
Proteste von Tierschützern Gegner der Aktion protestierten mit
Flugblättern und Transparenten, auf denen es hieß: "Perversität gegen
Tiere kennt keine Grenzen" und "Auch Tiere haben Rechte". Gegen die Aktion
hatten im Laufe des Tages unter anderem der Tierschutzverein, die
Grünen-Fraktion im Abgeordnetenhaus und die FDP-Bundestagsfraktion
protestiert.
Gerichtshändel und Behördenauflagen
Ein 13-jähriges Mädchen war mit einem über seine Eltern eingereichten
Eilantrag gegen die Aktion gescheitert. Das Kind werde durch die Aktion
nicht in seinen Rechten verletzt, sondern mache sich zum Anwalt der
Allgemeinheit. Eine so genannte Popularklage sei aber nicht möglich,
entschied das Verwaltungsgericht.
Die Berliner Gesundheitsbehörde hatten die Performance trotz Bedenken
genehmigt, da sie keine rechtliche Handhabe dagegen sahen. Sie hatte Flatz
zur Auflage gemacht, dass die Kuh BSE-frei sein und ihr alle Organe
entnommen werden müssten.
"Leute, die sich nach dem Krieg und der Auslöschung sehnen"
Die Aktion hat nach Ansicht des Wuppertaler Ästhetik-Professors Bazon
Brock nichts mit Kunst zu tun: "Es ist die Sehnsucht einer vom Wohlstand
verwahrlosten Gesellschaft nach künstlichen Blutorgien". Weil in einer von
Krieg und Not befreiten "Spiel- und Spaßgesellschaft" nichts mehr
existenziell bedrohlich sei, müsse der "Ernstfall" in solchen Aktionen
nachgespielt werden. Flatz, der plant, sich nach dem Kuh-Abwurf nackt und
blutüberströmt abzuseilen, nannte er einen "Kultur-Barbaren". Er wolle
seine angebliche Größe als Künstler durch den Grad seiner zerstörerischen
Schockwirkung unter Beweis stellen.
Mit der Inszenierung von Tod und Zerstörung wolle Flatz "den
ausgebliebenen Krieg, die ausgebliebene Grausamkeit, die Pestilenz und die
Seuchen" wieder hervorrufen. Der Künstler und sein Publikum seien "Leute,
die sich nach dem Krieg und der Auslöschung sehnen". Diese Provokation
besitze aber keine ästhetische, sondern ausschließlich eine
kulturell-gesellschaftliche Qualität, sagte Brock. Flatz sei ein
"Fundamentalist", der sich nie künstlerischer Mittel bedient habe.
Traditionen der Sechziger und Siebziger
Doch auch Verteidiger der Aktion nehmen im Vorfeld Stellung: Der
Kurator des Hamburger Bahnhofs, Museum der Gegenwart, Eugen Blume, sagte,
die Performance stehe in der Kunsttradition der 60er und 70er Jahre.
Damals hätten Künstler noch die Gemüter erregen können, inzwischen sei die
Öffentlichkeit abgestumpft. Flatz wolle Fragen zu unserem Verhältnis zu
Natur und Umwelt stellen.
Der Künstler selbst begründete sein Vorhaben in der "Süddeutschen
Zeitung" vom Donnerstag mit dem Missverhältnis, das die Menschen zum
Fleisch hätten. Obwohl menschliches und tierisches Fleisch zum Leben
gehöre, werde es tabuisiert und aus der Gesellschaft ausgeklammert.
Körpereinsatz mit Routine
Der in Österreich geborene und in München lebende 49-jährige Flatz
hatte in der Vergangenheit mehrfach durch provokative Aktionen
Schlagzeilen gemacht.
So hatte er sich unter anderem von Fußgängern in München mit Tritten
traktieren lassen und in der Silvesternacht 1990/91 als "menschlicher
Klöppel" eine Glocke im georgischen Tiflis geläutet. Mit der Aktion am
Prenzlauer Berg wolle er "die schwarzen Löcher des Kollektiv-Bewusstseins"
treffen. (Reuters/APA/dpa) |