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Raimar Stange Schon der Dadaismus setzte auf den kunstfremden Charakter des Comic. Die Situationisten spielten deren populäre Sprache kämpferisch-subversiv aus, Pop-Art vertraute eher auf ihren banalen Reiz. Anschliessend schleuste das vielbesungene ‹Crossover› das jetzt gut 100 Jahre alte Genre ein in den Kunstbetrieb. Die junge Wienerin Anita Leisz nun nutzt den Comic ganz selbstverständlich zur Kommunikation – mit sich selbst, mit anderen und mit diversen KonTexten. Arbeiten von ihr sind zur Zeit im Kunstverein Ludwigsburg zu sehen und zu lesen.
Der Comicmensch

Zu den narrativen Eingriffen von Anita Leisz

links: Anita Leisz, 1997. Foto: Christine Dierenbach; Courtesy Kunsthalle Nürnberg
rechts: DEN REST, Episode: DEN’s Zimmer, 1997. time out. Installation Kunsthalle Nürnberg

Die Ausstellung von Anita Leisz ist bis zum 19.4. im Kunstverein Ludwigsburg zu sehen.

Friedrich Nietzsche formulierte bereits Ende des letzten Jahrhunderts die Erkenntnis, dass die Welt nicht mehr ist als ein Netz von sprachlichen Interpretationen. Dass zur gleichen Zeit die Comic strips ‹erfunden› wurden, ist sicher mehr als nur Zufall. Auf jeden Fall ist das Wissen um die Abhängigkeit der ‹Identität› von der Einbindung der Subjekte in textuelle Systeme heute fast so populär wie der Comic: Längst ist dieses die einzig wirklich verbreitete Literaturgattung, längst finden besonders
sich noch entwickelnde Menschen hier ihre Phantasien und Begierden, Probleme und Weltansichten. Überaus konsumerfreundlich und zugleich emanzipatorisch in Szene gesetzt.

Nicht nur als aktive Rezipientin, sondern vor allem als ‹analytische› Produzentin schreibt sich Anita Leisz in genau diesen intersubjektiven Prozess ein: Sie erfand auf der Grundlage der allgemeinverständlichen Comics ihren Helden Den Rest, einen kahlköpfigen und buchstäblich schlitzohrigen jungen Mann, der zunächst nackt, später stets mit einer Hose bekleidet ist. Anders als die Situationisten, die in ihren ‹direkt hergestellten Comics› nur im Hintergrund einige Elemente integrieren oder einfach die Sprechblase verändern› (René Vienet), gestaltet Leisz sowohl die Texte, auch wenn diese sich immer wieder aus diversen Medien speisen, wie die Bilder selbst.

DEN REST spielt in allen Bildergeschichten, die irgendwo zwischen heute und morgen situiert sind, die Hauptrolle. Diverse Probleme der Wiener Künstlerin werden dabei fast therapeutisch, frei nach Lacan, ‹im Durchlauf des Signifikanten ‘Den’› verarbeitet. Sein Charakter bildet sich sowohl aus Teilen des Charakters seiner Erfinderin, wie aus eigenen, ‹fiktiven› Grundsätzen, die selbstverständlich nicht minder ‹real› sind. Dadurch kann DEN in seinen Geschichten unterschiedliche existentielle Erfahrungen und Meinungen verschiedener Menschen personifizieren und dabei mit Leisz, sowie mit dem späteren Leser und Betrachter in kommunikative Partnerschaft treten.

Heisskalt gibt Dir DEN REST! Die (obsessive) Identifizierung mit ihrem Helden und das daraus resultierende Ausgeliefertsein der Künstlerin führt zu einer Doppelcodierung von Distanz und Nähe, von Kälte und Wärme, die schon Jon Savage für die legendäre Punk-Band ‹Sex Pistols› diagnostizierte: ‹Wohl überlegt maskierten sie ihre Gefühle – aus Angst ‘festgenagelt’ zu werden, und weil sie Produkt einer Bewegung waren, die Gefühle verneinte›. Das Ziel dieser zuweilen comichaften Maskerade jedoch war, ‹unter einer leeren, sarkastischen Fassade entfesselte Emotionen anbieten zu können.›
Ein hohes Mass an Intimität und gleichzeitiger Distanz prägt dann auch die Arbeit ‹DENS Zimmer›, die Anita Leisz 1997 für die Ausstellung ‹time out› realisiert hat: DEN REST, jetzt überlebensgross direkt an die Wände eines Raumes geplottet, ist in verschiedenen, hart geschnittenen Sequenzen beim Aufstehen, Duschen und Kaffeemachen vor einer angedeuteten, bedrohlich wirkenden Grossstadtsilhouette zu sehen.

Scharfe Konturen, sachliche Kontraste und eine ‹anonyme› Druckschrift stehen ‹vertraulich› codierten Blicken, sensibler Linienführung und persönlichen Ansprachen gegenüber. Auch Leisz’ Katalogbeitrag verspricht Intimes: ‹Wir können so lange zusammenbleiben, wie wir wollen – wir sind jetzt unter uns…›, wird da verheissungsvoll der Leser und potentielle Besucher der Ausstellung in die Arbeit hineingewoben.
Doch die Idylle wird in ‹DENS Zimmer› zugleich rätselhaft gebrochen: ‹Hin und wieder ist es wichtig, dass niemand hinter einem Satz steht›, ist da auf einer Wand zu lesen. Die Bedrohung, aber auch die Chance, die hier anklingt, weist hin auf den ‹Rest›, – DEN zeigt uns derweil cool den Rücken – der sich nach Lacan mal als Mangel, mal als Überschuss der Symbolisierung entzieht.
Anders als die ‹Sex Pistols› nutzt Anita Leisz in ihren antiakademischen Grossstadtromanen nicht eine aggressive, zynisch-provokative Fassade. Vielmehr setzt sie auf die beinahe lifestylige Textur einer Comic-Sprache, die nicht ausserhalb der postmodernen Gesellschaft, sondern mitten in ihr agiert. Wie sie dort agiert, das aber macht ihre Differenz, ihr Begehren aus.

‹Er ist ein Modell … und er sieht gut aus› (frei nach ‹Kraftwerk›). 1997 weitete Anita Leisz ihre künstlerische Arbeit aus auf das Feld der Mode. Hier, wo in unserer ‹consumer-culture› die Suche nach Identität zunehmend ihre differenzierten und anwendergerechten Antworten findet, hat Leisz ihren Beitrag für die Salzburger Projektreihe ‹State of Transition› verortet: Der (Mode)FotoLeisz ‹entdeckt› hatte, weil er für sie wesentliche Attribute von DEN REST verkörpert. Als die Künstlerin ihr ‹Modell› erstmals sah, trug er Mode von Helmut Lang – dies wurde beim Foto-Shooting selbstverständlich beibehalten. Ansonsten hatte der Fotograf fast uneingeschränkte ‹Handlungsvollmacht›. Und doch ergaben sich im Vergleich mit den Comics wichtige Übereinstimmungen: beide DENs werden beobachtet und beobachten zurück, beide wirken distanziert und vertraulich zugleich. Entscheidend ist, dass sich Anita Leisz auch bei ihrer Fotoarbeit einer vorgegebenen, überaus populären Struktur, eben der Modefotografie, bedient und sich so in aktiver, lebendiger ‹Zweitschrift› in das intertextuelle Geflecht der Welt einklinkt. Dass sie dabei den immer noch herrschenden männlichen Blick auf das weibliche Objekt der Begierde umdreht – hin auf den Blick zum männlichen DEN REST –, liegt bei Leisz weniger in einer feministischen Taktik begründet, als in einem selbstverständlichen und selbstbewussten Umgang mit der eigenen Heterosexualität und ihren Sehnsüchten.

Epilog: Let’s talk about … Öffentlichkeit: Schon die Situationisten entfremdeten Werbeplakate ihrem Zeck, indem sie diese mit ‹subversiven Sprechblasen› beklebten. Anita Leisz plakatiert ebenfalls Sprechblasen im öffentlichen Raum, doch ihre Sprechblasen sind leer und fordern eben dadurch ihre Betrachter auf, sie mit eigenem Text zu füllen. So gelingt es Leisz in diversen KonTexten Wiens für eine begrenzte Dauer Leerstellen zu installieren, die Möglichkeiten zur Kommunikation eröffnen. Zu Kommunikation, die unzensiert und spontan sich einschreibt in den Ort Stadt ‹als Zeit/Raum der terroristischen Macht der Medien, der Zeichen und der herrschenden Kultur.›

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Ausgabe: 03 / 1998
Institution: Kunstverein Kreis Ludwigsburg (Ludwigsburg)
Autor/in: Raimar Stange
Künstler/in: Anita Leisz

 

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