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Verspielte Lust

Bärbl Kopr sieht sich als Praktikerin. Sie installiert, malt und zeichnet – allerdings ohne sich den Trends des Kunstmarktes zu unterwerfen.

kopr.jpg (18709 Byte)Die Asphaltierung der Taborstraße in Wien kam Bärbl Kopr 1999 gerade recht. Mehrere Tage, nach Einbruch der Dunkelheit, begab sie sich auf nächtliche Beutetour. Ziel der Begierde: die kleinen Pflastersteine, die als Abfall übrig geblieben waren und zu Hauf umherlagen. In Plastiksäcken schaffte sie die 10 x 10-Zentimeter-Steine, jeweils drei bis vier, nach Hause, bis sich im Wohnzimmer die erkleckliche Anzahl von 60 Steinen angesammelt hatte. Wenn mich damals jemand beobachtet hätte, sagt sie heute im Rückblick, hätte man mich für verrückt gehalten. Nicht schlecht wunderten sich auch die Veranstalter der Le Corbusier Fondation Suisse, als Bärbl Kopr mit exakt jener Anzahl von Pflastersteinen in Paris eintraf und sie in ihre Ausstellung Garde mon aile dans ta main einbaute. Pflastersteine erwecken in Frankreich immer noch den fahlen Beigeschmack von Revolution, und da sei doch Gott vor.

 

Eine Künstlerin aus Österreich, die hunderte Kilogramm österreichisches Steingut in eine Stadt karrt, die selbst nicht Mangel an ebensolchem Material hat – das ist zwar tatsächlich kein alltägliches Ereignis, entspricht aber der Arbeitsweise Bärbl Koprs. Installationen wie diese entwickle ich im Konkreten erst an Ort und Stelle. Ich mache im Vorfeld wenig Skizzen. Hätte ich mich in Paris erst auf die Suche nach Pflastersteinen machen müssen, wäre die eine Woche Vorlaufzeit sicher zu kurz geworden.

Zustande kam der Kontakt mit Paris über die Initiative der Stadt Klagenfurt, Kärntner Künstlern das Atélier in der Cité Internationale des Arts zur Verfügung zu stellen. Aus dem Arbeitsstipendium hat sich eine laufende Zusammenarbeit entwickelt. Gerade erst ist Bärbl Kopr von einem weiteren zweimonatigen Aufenthalt zurückgekehrt. Im Gepäck diesmal: mehrere Dutzend Evian-Mineralwasserflaschen, die ihrerseits als Grundmaterial für die in Zwettl stattfindende Ausstellung Ortsbezeichnung dienten. Derartiges überregionales, künstlerisches Recycling ergibt sich für Bärbl Kopr mehr spontan als geplant. Die Ausstellung in Zwettl findet in der Stiftsgärtnerei statt. Als ich die Wasserflaschen bearbeitete, ergab sich wie von selbst die Assoziation zu Blumenformen. Naheliegend auch, dass die Installation zu ihrem Titel Les fleurs d’eau de Paris kam.

Suche im Alltag

Installation – Malerei – Zeichnung – das sind die drei Eckpfeiler, die die Arbeiten von Bärbl Kopr bestimmen. Bei aller Divergenz der Mittel finden Gemeinsamkeiten statt, die eine einheitliche Stoßrichtung erkennen lassen: die Thematisierung der eigenen Befindlichkeit in Form einer nachzuerzählenden Handlung sowie die Sichtbarmachung von Bewegung. Fast ausschließlich haben die Arbeiten Seriencharakter. Wie Einzelkader eines Filmes entstehen die Malereien und Zeichnungen – fortschreitende Geschichten, aufgelöst in Momentaufnahmen. Als Ergebnisse einer Suche im Alltag bezeichnet Bärbl Kopr diese Arbeiten, als momentane Bestandsaufnahme von möglichen Erfahrungen und Vorstellungen. Das Einzelbild zählt in ihrer seriellen Arbeitsweise wenig. Erst en bloc, – eine gerade Anzahl, meist teilbar durch 4 – kann der Werkbegriff bestehen. Auch die Hängung – möglichst knapp aneinandergereiht bilden die Einzelelemente, je nach Form und Größe, ein Rechteck oder Quadrat – verdeutlicht dieses Konzept. Selbst was den Verkauf der Arbeiten betrifft, hält sich Bärbl Kopr konsequent an ihr gestalterisches Prinzip. Das Einzelbild gelangt nicht in den Verkauf – nicht gerade ein ökonomischer Vorteil. An den Trends des Kunstmarkts orientiert sich Bärbl Kopr generell wenig. Ich kann mit diesem Kastl-Denken, das von Zeit zu Zeit bestimmte Moden über uns hereinschwappen lässt, nichts anfangen. Seit Jahren heißt es, die Malerei sei out, und für mich ist sie ein äußerst lebendiges Ausdrucksmittel, aber eben eines von vielen.

So heterogen, wie Bärbl Koprs Arbeiten sind, liest sich auch die Liste ihrer Lehrer, ein Who is who der Kunstszene: Bazon Brock, Peter Weibel, Maria Lassnig. Direkte Bezugnahmen lassen sich jedoch keinesfalls ausmachen. Der Theoretiker konnte wenig Intuitionen in ihr auslösen, die Konzeptkunst blieb ihr fremd, und bei Maria Lassnig hat sie nicht die Malerei-, sondern die Trickfilmklasse besucht.

Bewegung und Leichtigkeit

Für Bärbl Kopr haben die variantenreichen Mittel ihrer Arbeiten stets denselben Ursprung. Ich bin eine Praktikerin, die aus einer Art verspielten Lust mit Ernst und Konzentration etwas entstehen lässt. Einmal einen Raum mit einer Installation zu bespielen, ihn in Bewegung und Leichtigkeit aufzulösen, dann wieder Zeichnungen in einen narrativen Zusammenhang zu stellen, ist für sie Ausformung desselben Zieles: ein selbstgewähltes Thema mit Hilfe eines selbstgewählten, dynamischen Mittels zu untersuchen. Räumlichkeiten, die für sich schon eine starke Aussage haben, stellen für die Kärntnerin eine besondere Herausforderung dar. Anfangs hatte ich Bedenken, mit einer Installation an einem dominanten Ort bestehen zu können. Aber mittlerweile verliere ich immer mehr die Skrupel. Einen vorgebenen Raum bezieht Bärbl Kopr als kontrastierendes Element in ihre Arbeit mit ein. Handelt es sich, wie z. B. beim Klagenfurter Kunstverein, um einen klassisch-strengen Raum, setzt sie diesem etwas Dynamisches gegenüber (Flirre–Starre, Dezember 2000). Dem Raum des Pavillon Suisse und der funktionalen Architektur Corbusiers antwortete sie mit einer beschwingten Zersetzung der geometrisch klaren Wände. In einer Installation mit dem zweideutigen Titel Light spielt sie darüber hinaus mit der Wahrnehmung des Betrachters. Eine über fünf senkrechte Glasstelen wandernde Lichtquelle lässt durch Schattenwurf das Wort light erkennen, dessen Buchstaben in die Glasstreifen eingearbeitet sind. Aber nur demjenigen, der eine geraume Weile stehen bleibt, enthüllt sich der Zusammenhang der Buchstaben. Der selektiven Wahrnehmung des schnell vorbeieilenden Besuchers bleibt Sinnhaftigkeit verborgen.

Abgeschiedenheit

Immer mehr sucht Bärbl Kopr die Einbeziehung unvorhersehbarer Elemente. Übergänge hieß eine Landschaftsarbeit, für die die Künstlerin mittels Folien zwei Wiesenteile verband und ein Bachbett überspannte. Wie das Fischgrätmuster einer Drainage hatte Bärbl Kopr die Arbeit angeordnet. Im Wandel der Naturerscheinungen – Sonnenspiegelung, Feuchtigkeit, Graswuchs – erregte das Objekt zunehmend die Aufmerksamkeit der ländlichen Waldviertler Bevölkerung.

In Pfaffenschlag im Waldviertel hat die Kärntnerin ihre Ruheoase gefunden, ein Atelier, das ihr jene Abgeschiedenheit bietet, die sie braucht, um gesammelte Eindrücke Gestalt annehmen zu lassen. Manchmal ist es sogar zu entlegen. Dann habe ich das Gefühl, dass ich zu wenig Information von dem habe, was andere Künstler gerade machen. Meine vielen Reisen lassen aber solche Phasen nie überhand nehmen. Auch wenn für Bärbl Kopr das Leben fernab der Stadt Inspiration und Ausgeglichenheit bedeutet, lässt sie sich nicht darüber hinwegtäuschen, dass die ländliche Idylle schon lange nicht mehr heil und Bio nicht gleich Bio ist. Bar jeder Umweltschützerfanatik nimmt sie daher an einer Ausstellung unter dem Motto Urban – ländlich teil, die in den aufgelassenen Geschäften des Ottakringer Brunnenmarktes stattfindet. Dort wird sie verschiedene Objekte der vermeintlichen Idylle in Frischhaltefolien verpacken, mit dem Kopr-Gütesiegel (Doppelhand und Flügel) versehen und selbst zum Verkauf feilbieten. Kommunikation und Diskussion mit dem garantiert nicht typischen Ausstellungspublikum ist erwünscht. Der türkische Marktstandler von nebenan hat sich jedenfalls schon angesagt.Image141.gif (86 Byte) Ilse Schneider

Malen

Ich freue mich darauf. Ich fahre weit dafür und muss viel Zeit haben en bloc. Stille im Waldviertler Atelier. Viel Platz – leere Leinwand – volle Palette – leerer Kopf – Spannung. Der Anfang ist die Wahl der ersten Farbe – die Farbe, die mich intuitiv am meisten interessiert. Sie ist und bleibt die Farbe des neuen Themas. Aber erst mit den ersten Pinselstrichen weiß ich bewusst, was das Thema dieses Bildes – dieser Serie – wird. Erst dann bearbeite ich es auch bewusst. Es ist ein Dialog mit mir selbst. Themen, die ich nicht bespreche, aber über das Bild, die Farbe, den Pinselstrich diskutiere. Beim zweiten Bild der Serie weiß ich das Thema, will es von einer anderen Seite betrachten. Es ist eine Erwiderung, ein anderer Aspekt des aufgebrochenen Themas, ein Ausloten von erfahrenen Zuständen oder Vorstellungen und Wissen über das Thema. Durch den langsamen Vorgang des Malens entsteht eine Reduktion auf mir Wesentliches, im Inhalt gleichermaßen wie in Strich und Farben. Das letzte Bild ist nie vorhersehbar. Es gibt plötzlich den Augenblick vor der Leinwand, in dem nichts mehr auftaucht und für den Moment alles gesagt ist. Bärbl Kopr

Bärbl Kopr, geb. 1962 in Klagenfurt, Studium an der Hochschule für Angewandte Kunst in Wien bei Bazon Brock, Peter Weibel und Maria Lassnig; 1980 Übersiedlung nach Wien, 1989 Abschluss mit Mag. art., Teilnahme an der Internationalen Sommerakademie für Bildende Kunst in Salzburg, Teilnahme am Kunstforum Millstatt, Teilnahme am Malereisymposium Stift Eberndorf, 1998 Atelier der Stadt Klagenfurt in der Cité Internationale des Arts in Paris. Seit 1989 zahlreiche Ausstellungsbeteiligungen und Personalausstellungen im In- und Ausland.

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