Es herrscht Krieg. Und was hat "Kultur" damit zu tun? Für den unkonventionellen Literaturtheoretiker Terry Eagleton sehr viel. Das jüngste Buch in der Reihe seiner engagierten Begriffsklärungen (ein früher Höhepunkt: Ideologie. Eine Einführung, 1993) heißt Was ist Kultur? und erschien vor dem 11. September, wirkt nach diesem aber prophetisch. So in einem seiner aphoristischen Sätze: "In Bosnien oder Belfast ist Kultur nicht das, was man in den Kassettenrekorder schiebt; es ist das, wofür man tötet."
So schrecklich irdisch also ist "Kultur". Bei Eagleton stehen einander zwei
Kulturauffassungen gegenüber: "Kultur" als (aufklärerische) Zivilisiertheit und
Universalität und "Kultur" als enge Identität. "Traditionellerweise war Kultur
eine Möglichkeit, unsere kleinlichen Partikularismen in einem geräumigeren
Medium zu versenken, als Form eines universalen Subjekts, vermöge einer
gemeinsamen Humanität. Heute aber bedeutet Kultur praktisch das genaue
Gegenteil, die Bejahung einer spezifischen - nationalen, sexuellen, ethnischen,
regionalen - Identität, nicht deren Überschreitung. So wird ,Kultur' zu einer
Kampfzone."
STANDARD: Bei Ihnen heißt es: "Die westliche Zivilisation,
die sich jetzt anschickt, eine ambitioniert aggressive Außenpolitik zu
verfolgen, bedarf einer geistigen Legitimierung gegenüber defensiv-militanten
Subkulturen." Sie stehen hier, anders als Huntington, beiden Seiten sehr
kritisch gegenüber.
Eagleton: Ja, denn erstens ist es Zufall und nicht nur Verdienst, dass
die Aufklärung sich in Europa vollzog. Es war mir zweitens schon vor dem 11.
September klar, dass der Kulturbegriff keine abgehobene akademische Frage ist,
sondern das Zentralproblem gegenwärtiger Politik. Zwei Kulturauffassungen
schlagen sich: Die eine, die sich selbst als universal und als Zivilisation
versteht, und die andere, die Kultur als "way of life" sieht und in vielen
partikulären Subkulturen wuchert, auch in religiösen. Seit Erscheinen des Buches
wird dieser Konflikt ausgetragen.
STANDARD: In diesem Zusammenhang wirkt
auch das Symposion-Thema Avantgarde gar nicht mehr so abgehoben. Die
Avantgardebewegungen verstanden sich ja als politisch-intervenierend. Wo würden
Sie sie zwischen "High"- und Massenkultur einordnen?
Eagleton: Ich vermute, die Avantgarde war immer misstrauisch gegenüber
der Idee einer universalistischen Kultur - in diese Kategorie von Kultur fällt
sie nicht, aber auch nicht in "Massenkultur", zu der sie sich kritisch verhielt.
Avantgarde ist wurzellos, heimatlos. Sie schneidet durch alle diese Definitionen
von Kultur, auch zwischen die Differenz "Kultur als Kunst" und "Kultur als Form
des Lebens". An der Grenze dieser Begriffe bewegt sie sich.
STANDARD:
Erfolgreich?
Eagleton: Die Avantgarde, auf die es ankommt, die Form des Lebens, auf
die es ankommt, gibt es noch nicht. Deshalb hat sie eine vorausschauende Rolle:
auf ein Leben, das noch nicht da ist.
STANDARD: Eine Hauptthese in Ihrem
Referat war, dass in England die Basis für Avantgarde fehlte und die
Avantgardisten aus Irland kamen. Anders als etwa Österreichs Machtpolitik, wo
etablierte Künstler, wenn sie nur etabliert genug sind, oft als Art Lipizzaner
oder zumindest Ministerfreunde eingesetzt werden, wirkt Englands Politik auch
heute noch an Intellektuellen uninteressiert. Stimmt dieser Eindruck?
Eagleton: Ja. Im krassen Unterschied zu Irland, wo ich seit fünf
Jahren lebe. Das hängt eng zusammen mit der Wechselwirkung Kunst-Politik, die in
Irland traditionellerweise viel enger ist. In einer Metropolenkultur wie in
England wirkt viel stärker die Vorstellung von der kritischen Autonomie der
Kunst. Das ist ein Unterschied in der Geschichte. Denken Sie an W. B. Yeats, den
Klassiker der Moderne, der zugleich politisch und als Theatergründer agierte und
so in gewisser Weise Avantgardist war, nämlich in der Kombination seiner Kunst
mit politischer Organisation. Die Geschichte Irlands, der nationalistische
Kontext, hatte ihm diese Möglichkeit politischen Einflusses bereitet. Das gibt
es so nicht in England, wo die letzte öffentliche Kunst eigentlich die der
viktorianischen Epoche ist.
STANDARD: Ihr großes Ideologie-Buch endet in
der Conclusio, dass die Macht der Ideologien nur durch politische Aktion
aufzubrechen ist. Wie das?
Eagleton: Es ist wie in der Avantgarde: eine Neudefinition von Kultur
als eine Praxis der Intervention. Moderne hingegen war fast das Gegenteil: Kunst
übe, so Adorno, Kritik einzig durch ihre Autonomie. Avantgarde hingegen ist
Praxis. Aber das ist etwas, was die Künstler nicht selbst schaffen können. Yeats
hatte das Glück, den historischen Moment zu ergreifen. Die materiellen
Voraussetzungen müssen da sein.
STANDARD: Ich liebe Ihre polemische Art,
Theorien zu diskutieren. Woher haben Sie diese Art zu schreiben?
Eagleton: Was ich bei Theoretikern, auch der Linken, immer vermisse,
ist Polemik, Satire. Dies scheint mir aber als unabänderliche Voraussetzung für
politische Distanz. Zweitens glaube ich an die Notwendigkeit der
Popularisierung. Stil scheint mir deshalb enorm politisch.
STANDARD: Sie
sind in Ihren Schriften nicht nur Polemiker, sondern auch Moralist. Ethik
scheinen Sie bei den Postmodernen ja auch zu vermissen.
Eagleton: Ja. Ein Vorbild, auch darin, ist Marx: Für Marx waren genaue
Sozialanalyse und Ethik eng verbunden. Marx ist ein Moralist, weil er Missstände
zurückführt auf konkrete Auswirkungen der Modernisierung, und hier will er
korrigierend eingreifen. Und zwar in einem kontinuierlichen Prozess. Was die
Poststrukturalisten in ihrer Betonung von Zersplitterung und Diskontinuität
übersehen, ist, dass Ethik Kontinuität voraussetzt.
STANDARD: Und wie
sieht Ihre konkrete politische Praxis momentan aus?
Eagleton: Ich bin in Irland in einer Antikriegsbewegung. Ich sehe im
Afghanistankrieg meinen Satz bestätigt, für Kultur würde jetzt nicht mehr
gelebt, sondern gestorben.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3. 12. 2001)
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