02.12.2001 19:51:00 MEZ
Erkenntnis aus dem Geist der Satire
Terry Eagleton, Bestseller mit "Literaturtheorie", über Krieg und Kunst

Er ist ein kämpferischer Kopf und dabei auch noch erfolgreich: Von seinem Buch "Literaturtheorie" wurden weltweit eine Million Exemplare verkauft. Terry Eagleton, ein Hauptvertreter der englischen Linken, bereicherte ein Avantgarde-Symposion des IWM in Wien. Richard Reichensperger sprach mit ihm über Krieg und Kunst.


Es herrscht Krieg. Und was hat "Kultur" damit zu tun? Für den unkonventionellen Literaturtheoretiker Terry Eagleton sehr viel. Das jüngste Buch in der Reihe seiner engagierten Begriffsklärungen (ein früher Höhepunkt: Ideologie. Eine Einführung, 1993) heißt Was ist Kultur? und erschien vor dem 11. September, wirkt nach diesem aber prophetisch. So in einem seiner aphoristischen Sätze: "In Bosnien oder Belfast ist Kultur nicht das, was man in den Kassettenrekorder schiebt; es ist das, wofür man tötet."

So schrecklich irdisch also ist "Kultur". Bei Eagleton stehen einander zwei Kulturauffassungen gegenüber: "Kultur" als (aufklärerische) Zivilisiertheit und Universalität und "Kultur" als enge Identität. "Traditionellerweise war Kultur eine Möglichkeit, unsere kleinlichen Partikularismen in einem geräumigeren Medium zu versenken, als Form eines universalen Subjekts, vermöge einer gemeinsamen Humanität. Heute aber bedeutet Kultur praktisch das genaue Gegenteil, die Bejahung einer spezifischen - nationalen, sexuellen, ethnischen, regionalen - Identität, nicht deren Überschreitung. So wird ,Kultur' zu einer Kampfzone."

STANDARD: Bei Ihnen heißt es: "Die westliche Zivilisation, die sich jetzt anschickt, eine ambitioniert aggressive Außenpolitik zu verfolgen, bedarf einer geistigen Legitimierung gegenüber defensiv-militanten Subkulturen." Sie stehen hier, anders als Huntington, beiden Seiten sehr kritisch gegenüber.

Eagleton: Ja, denn erstens ist es Zufall und nicht nur Verdienst, dass die Aufklärung sich in Europa vollzog. Es war mir zweitens schon vor dem 11. September klar, dass der Kulturbegriff keine abgehobene akademische Frage ist, sondern das Zentralproblem gegenwärtiger Politik. Zwei Kulturauffassungen schlagen sich: Die eine, die sich selbst als universal und als Zivilisation versteht, und die andere, die Kultur als "way of life" sieht und in vielen partikulären Subkulturen wuchert, auch in religiösen. Seit Erscheinen des Buches wird dieser Konflikt ausgetragen.

STANDARD: In diesem Zusammenhang wirkt auch das Symposion-Thema Avantgarde gar nicht mehr so abgehoben. Die Avantgardebewegungen verstanden sich ja als politisch-intervenierend. Wo würden Sie sie zwischen "High"- und Massenkultur einordnen?

Eagleton: Ich vermute, die Avantgarde war immer misstrauisch gegenüber der Idee einer universalistischen Kultur - in diese Kategorie von Kultur fällt sie nicht, aber auch nicht in "Massenkultur", zu der sie sich kritisch verhielt. Avantgarde ist wurzellos, heimatlos. Sie schneidet durch alle diese Definitionen von Kultur, auch zwischen die Differenz "Kultur als Kunst" und "Kultur als Form des Lebens". An der Grenze dieser Begriffe bewegt sie sich.

STANDARD: Erfolgreich?

Eagleton: Die Avantgarde, auf die es ankommt, die Form des Lebens, auf die es ankommt, gibt es noch nicht. Deshalb hat sie eine vorausschauende Rolle: auf ein Leben, das noch nicht da ist.

STANDARD: Eine Hauptthese in Ihrem Referat war, dass in England die Basis für Avantgarde fehlte und die Avantgardisten aus Irland kamen. Anders als etwa Österreichs Machtpolitik, wo etablierte Künstler, wenn sie nur etabliert genug sind, oft als Art Lipizzaner oder zumindest Ministerfreunde eingesetzt werden, wirkt Englands Politik auch heute noch an Intellektuellen uninteressiert. Stimmt dieser Eindruck?

Eagleton: Ja. Im krassen Unterschied zu Irland, wo ich seit fünf Jahren lebe. Das hängt eng zusammen mit der Wechselwirkung Kunst-Politik, die in Irland traditionellerweise viel enger ist. In einer Metropolenkultur wie in England wirkt viel stärker die Vorstellung von der kritischen Autonomie der Kunst. Das ist ein Unterschied in der Geschichte. Denken Sie an W. B. Yeats, den Klassiker der Moderne, der zugleich politisch und als Theatergründer agierte und so in gewisser Weise Avantgardist war, nämlich in der Kombination seiner Kunst mit politischer Organisation. Die Geschichte Irlands, der nationalistische Kontext, hatte ihm diese Möglichkeit politischen Einflusses bereitet. Das gibt es so nicht in England, wo die letzte öffentliche Kunst eigentlich die der viktorianischen Epoche ist.

STANDARD: Ihr großes Ideologie-Buch endet in der Conclusio, dass die Macht der Ideologien nur durch politische Aktion aufzubrechen ist. Wie das?

Eagleton: Es ist wie in der Avantgarde: eine Neudefinition von Kultur als eine Praxis der Intervention. Moderne hingegen war fast das Gegenteil: Kunst übe, so Adorno, Kritik einzig durch ihre Autonomie. Avantgarde hingegen ist Praxis. Aber das ist etwas, was die Künstler nicht selbst schaffen können. Yeats hatte das Glück, den historischen Moment zu ergreifen. Die materiellen Voraussetzungen müssen da sein.

STANDARD: Ich liebe Ihre polemische Art, Theorien zu diskutieren. Woher haben Sie diese Art zu schreiben?

Eagleton: Was ich bei Theoretikern, auch der Linken, immer vermisse, ist Polemik, Satire. Dies scheint mir aber als unabänderliche Voraussetzung für politische Distanz. Zweitens glaube ich an die Notwendigkeit der Popularisierung. Stil scheint mir deshalb enorm politisch.

STANDARD: Sie sind in Ihren Schriften nicht nur Polemiker, sondern auch Moralist. Ethik scheinen Sie bei den Postmodernen ja auch zu vermissen.

Eagleton: Ja. Ein Vorbild, auch darin, ist Marx: Für Marx waren genaue Sozialanalyse und Ethik eng verbunden. Marx ist ein Moralist, weil er Missstände zurückführt auf konkrete Auswirkungen der Modernisierung, und hier will er korrigierend eingreifen. Und zwar in einem kontinuierlichen Prozess. Was die Poststrukturalisten in ihrer Betonung von Zersplitterung und Diskontinuität übersehen, ist, dass Ethik Kontinuität voraussetzt.

STANDARD: Und wie sieht Ihre konkrete politische Praxis momentan aus?

Eagleton: Ich bin in Irland in einer Antikriegsbewegung. Ich sehe im Afghanistankrieg meinen Satz bestätigt, für Kultur würde jetzt nicht mehr gelebt, sondern gestorben.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3. 12. 2001)


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