Man schrieb das Jahr 1969. An der Wiener Hochschule für Technik war wieder
einmal ein Sommersemester angebrochen, und mit ihm näherten sich die
alljährlichen Entwurfsübungen für Studenten der Architektur ihrem Ende, was
zugleich den Beginn der großen Ferien markierte. Zuvor mussten die zuständigen
Professoren und ihre Assistenten den Architekturstudenten allerdings noch die
üblichen Lösungsvorschläge für die üblichen Problemstellungen des Bauens
abringen. Das Institut für Gebäudelehre von Karl Schwanzer, der intern nur als
Karl der Große firmierte, forderte seine Studenten beispielsweise mit
gebotener Technikernüchternheit auf, eine "Parkgarage am Karlsplatz" zu
entwerfen, um "die augenblicklich schlechte Verkehrssituation im Bereich Innere
Stadt Wien zu verbessern".
Es war, wie gesagt, das Jahr 1969, das hier
sommerlich reifte, und irgendwie wollten akademische Themenstellungen wie diese
nicht ganz in das Weltbild einer Gruppe von vier Studenten passen. "die
funktionelle, technische bearbeitung eines entwurfsprogramms rationalisiert
sichtlich die unfähigkeit zu tatsächlicher ideen- und phantasienproduktion",
lästerten sie provokant, und, wie es sich damals gehörte, schriftlich und in
Form eines Pamphlets. Gezeichnet war es mit dem Namen Zünd-Up, und unter
diesem Titel baten die Herren Bertram Mayer, Michael Pühringer, Hermann Simböck
und Timo Huber Professor Schwanzer wenig später in die Wiener Tiefgarage Am Hof.
Dort unten wollte man ihm die vollendete Entwurfsarbeit präsentieren, und Karl
der Große stieg tatsächlich am 28. Juni des Jahres freiwillig in die Düsternis
des Parkhauses hinab.
Unten fand er sich, wie das Licht von den Motten,
sogleich von 40 Harley-Davidson-Rittern in Aktion umschwärmt wieder. Lärm und
Abgasgestank müssen grandios gewesen sein. Karl der Große wurde zum lebenden
Beweis seiner Würde, er fackelte nicht lange, erklomm den Sozius einer der
Maschinen und wurde zu einem - heute würde man sagen: Joyride durch die
unterirdischen Parkräumlichkeiten entführt. Er umrundete hurtig die an diesem
unkonventionellen Abgabeort aufgebauten Entwurfsübungen und donnerte unter
anderem auch an "The Great Vienna Auto-Expander" vorbei, mit dessen
motorisch-psychedelischer Hilfe der Benutzer "das Röhren des Jahrhunderts", also
den ultimativen Motorenlärm, zu erleben können sollte.
Zünd-Up wurde mit
dieser Aktion sofort zur Architekturlegende, und gewissermaßen sind die vier
Exstudenten das bis heute geblieben. Im Gegensatz zu anderen
Architekturrevoluzzern ihrer Zeit, zu Coop Himmelb(l)au oder den Haus-Ruckern,
zerfiel die Gruppe bald wieder, und man kann nicht leugnen, dass diese Art der
Konservierung eine gewisse Frische garantiert. In den paar Jahren, die man
zusammen aktionistisch verbracht hatte, wurden Konventionen abgefackelt,
brannten Ideen und Visionen. Eine neue Publikation, sorgfältig von der Wiener
60er-Architektur-Spezialistin Martina Kandeler-Fritsch herausgegeben, schürt die
alte Zünd-Up-Glut, und tatsächlich fliegen noch Funken, wenn auch nicht mehr
ganz so hoch. Eine Aufarbeitung der kurzen, intensiven Geschichte der Gruppe war
längst angesagt - genial nach wie vor die Collagen von Timo Huber, erfreulich
auch die Zusammenstellung der verschiedenen Zünd-Up-Manifeste.
"Unser
Ansatz war ein politischer", sagt Timo Huber heute. Wer die aktuellen jungen,
scheinbar wilden Architekten mit ihren 60er-Ahnen vergleicht, der möge einen
Kontrollblick in dieses Buch werfen und überlegen, ob ähnliche Radikalitäten
heutzutage auch nur irgendwo ansatzweise zu verspüren sind: "(...) weg von den
einfamilienhausweiden, dem komfortgreuel, der rücksichtslosen demonstration von
pekuniärer potenz, dem klassenbewusstseinsgartenzwerg. wer baukunst sagt, wird
erschossen. dieser stil ist sehr ästhetisch. diese ästhetisch geschwungenen
formen. diese ästhetische materialentsprechung. scheißen sie bitte ästhetischer.
(...)"
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7./8./9. 12. 2001)
Quelle: © derStandard.at