29.03.2002 00:30:00 MEZ
McGuggenheim bleibt liegen
Expansionspläne des Museums-Giganten sind gestoppt, das Personal wird reduziert: Analyse einer Krise

Guggenheim-General Thomas Krens muss leiser treten: Weitere Expansionspläne sind gestoppt, Personal wird reduziert, ein kommerzielles Webportal wurde auf Eis gelegt. Derweilen mehren sich die offenen Proteste gegen sein Ausstellungsprogramm.

Von STANDARD-Korrespondentin Susi Schneider aus New York


"Es ist Zeit für Guggenheim-Direktor Thomas Krens zu gehen", fordert Jerry Saltz kategorisch in einem Artikel mit dem Titel "Downward Spiral" (in Anspielung auf die Frank-Lloyd-Wright-Architektur des Guggenheim-Stammhauses) in der New Yorker Stadtzeitung Village Voice.

Saltz drückt damit die Meinung vieler kunstbeflissener New Yorker aus: Krens hat die Hoffnungen, die man allseits in ihn gesetzt hat, nicht erfüllt. Der bereits seit 1988 amtierende "Oberkommandant des Guggenheim-Imperiums" (Paula Weidegger im New Statesman) steht bereits seit einiger Zeit im Kreuzfeuer der Kritik. Anfangs ernteten seine Expansionsträume noch Bewunderung - heute spricht man bereits offen von der "McDonaldisierung" seines enormen Museumsreiches, in dem nur selten die Sonne untergeht: vom Peggy Guggenheim Museum in Venedig bis zum Deutschen Guggenheim in Berlin, von Frank Gehrys Guggenheim in Bilbao bis zum neuen Guggenheim im protzigsten Gebäude von Las Vegas, dem "Venetian".

Terrorfolgen

In New York diskutiert man noch immer, ob die Schließung eines weiteren Museums, des Guggenheim SoHo, Anfang diesen Jahres tatsächlich als direkte Folge der Attacke auf das World Trade Center am 11. September bezeichnet werden kann - die Besucherzahl in dem Downtown-Museum war auch vorher nicht überwältigend.

Ausgesprochenes Pech hatte Krens mit der Eröffnung des neuen Museums in Las Vegas am 7. Oktober des Vorjahres: An jenem Tag startete Präsident George W. Bush seinen "Krieg gegen den Terror", und selbst kunstbeflissene Amerikaner hatten andere Sorgen als eine Museumseröffnung im Spielerparadies. Auch hier scheint es müßig zu spekulieren, ob Las Vegas unter besseren Auspizien ein größerer Erfolg geworden wäre. (Es kommen gerade einmal 3000 statt der erwarteten 5000 Besucher pro Tag.)

Alle New Yorker Museen haben unter "9/11" gelitten, aber es scheint klar, dass das Guggenheim am stärksten getroffen wurde: Gerüchten zufolge sollen Kündigungen des Museumspersonals bald 40 Prozent der Belegschaft treffen. Vor Jahresende 2001 waren bereits 90 Personen entlassen worden. Mit einer umfangreichen Show des populären amerikanischen Illustrators Norman Rockwell, die bis Anfang März dauerte, konnte Krens vermutlich die Besucherzahlen wieder heben, heimste allerdings erneut Kritik ein: Rockwells Niveau - er war erfolgreicher Cover-Artist für die Saturday Evening Post - liegt weit unter jenem anderer Künstler, die über die Jahre im Guggenheim Museum ausgestellt wurden.

Jerry Saltz sieht in dieser Ausstellung "einen weiteren Beweis dafür, dass das Guggenheim den Ruf wegwirft, den Generationen von Künstlern jahrzehntelang für das Museum gewonnen haben". Ausschlaggebend mag jedoch auch das Entgegenkommen der Erben Rockwells gewesen sein, die Show mit beträchtlichen Dollarbeträgen zu unterstützen. Denn es sind nicht nur die an Imperialismus grenzenden Expansionsgelüste, die Krens vorgeworfen werden, sondern auch seine geradezu grenzenlose Bereitschaft, Unterstützungen von Sponsoren anzunehmen: So wurde die Ausstellung "Motorcycle" vom Motorradhersteller BMW großzügigst unterstützt (auch privat schwört Thomas Krens auf die deutsche Marke); und zeitgleich mit einer Guggenheim-Retrospektive auf seine Mode spendete Giorgio Armani 15 Millionen Dollar.

Body, Soul und Money

Es scheint ebenfalls kein Zufall zu sein, dass die derzeitige Guggenheim-Ausstellung "Brazil: Body and Soul" - Jerry Saltz: "Eine der hässlichsten, konfusesten Ausstellungen, die je in einem New Yorker Museum gezeigt wurden" - sich glänzend mit dem von Krens gehegten Plan eines Guggenheim in Rio de Janeiro verträgt.

Ein weiteres Liebkind von Thomas "Mr. Big" Krens, das mit 20 Millionen Dollar dotierte Projekt einer kommerziellen Internetseite (www.guggenheim.com - im Unterschied zur offiziellen Website des Museums: www.guggenheim.org), an der auch die Albertina, das Kunsthistorische Museum Wien und das ZKM Karlsruhe beteiligt sind, ist inzwischen offensichtlich ruhig gestellt: Seit Monaten hat sich auf der Website nichts mehr bewegt.

Mitte Februar stürzte sich Krens in ein anderes, weit billigeres Internetprojekt: Er kaufte zwei speziell für das Internet geschaffene Werke - Unfolding Object von John F. Simon Jr. und net.flag von Mark Napier - an (www.guggenheim.org/internetart). Der kolportierte (Spott-)Preis für die Artefakte liegt zwischen 10.000 und 15.000 Dollar. Und trotz der düsteren Aussichten für "McGuggenheim" hat Thomas Krens bisher seine ambitionierten Pläne für ein von Hausarchitekt Frank Gehry gestaltetes neues Museum - am East River, nahe von Ground Zero - noch nicht aufgegeben.

Der gelernte Betriebswirt Thomas Krens mag vielleicht aus den wirtschaftlichen "Turbolenzen" kommen. Als Kunsthistoriker hat er seinen Ruf aber verspielt: "Thomas Krens' Guggenheim repräsentiert den geistigen Bankrott der Kunstwelt", schreibt Howard Halle im ansonsten nicht eben überkritischen Magazin Time Out.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29. 3. 2002)


Quelle: © derStandard.at