Er hat einen Zyklus zu Sigmund Freuds Wiener Wohnung gezeichnet, ohne jemals dort oder gar in Wien gewesen zu sein. Den Platz Freuds in der Berggasse 19 nimmt ein Sessel ein, ein Stuhl, dessen Lehnen zu Armen ausufern, Arme, die sich selbst umklammern. Den Zyklus dominiert Leere, das beklemmende Wissen um die vertriebenen Bewohner. Jeder Gegenstand, jedes Attribut verweist auf die Abwesenheit der Bewohner, auf die Gewalt, die dazu führte.
Robert Longo entnimmt seine Motive kaum einmal dem direkten Erleben. Er verwendet vorselektiertes Material: Bilder, Fotos, Mythen - Fremderfahrungen, und erreicht gerade damit eine beinahe unheimliche Unmittelbarkeit. Longo verknüpft historische Ereignisse mit je einem prägnanten Stilmittel.
Der aktuelle Zyklus, den Longo in der Galerie Steineck ausstellt, greift auf elementare Ereignisse zurück. Longo hält Wellen fest - riesige Brecher, bedrohlich heranrollende Wassermassen oder auch verspielt Gischt spritzende Einladungen zum Bad. Es sind Porträts, präzise Charakterstudien ganz einmaliger Konstellationen.
Da stimmt jede Strömungsrichtung, da ist klar, dass dieser Ausdruck des
Wesens nur für einen Moment zum Vorschein kommt und doch allgemein gültig ist.
In diesen Arbeiten wird deutlich, was Longo lange schon bestimmt: ein letztlich
romantischer Blick.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8. 4.
2002)
Quelle: © derStandard.at