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DER STANDARD, 06. April 2002 |
Das unverrückbare Bett
des Odysseus
Über Globalisierung und Gewalt referiert
am Sonntag in Wien der deutsche Filmemacher und Autor Alexander
Kluge: Im folgenden Interview gibt er erste Denkanstöße über
Produktivität durch Verlust und den "unter-schätzten Menschen".
Martin Weinmann
Die Dialektik der
Aufklärung handelt im ersten Kapitel von Irrfahrt und Heimkunft des
Odysseus. Der Zwiespalt im Prozess der Aufklärung wird von Horkheimer und
Adorno dort so dargestellt, dass sich Odysseus an den Mastbaum seines
Schiffes fesseln lässt und sich auf diese Weise gewaltsam hindert, der
Anziehungskraft der Sirenen zu verfallen. Die Rückkehr zum Mythos
verbieten wir uns selbst. Das schafft Probleme. In der Odyssee gibt es
aber noch eine zweite Metapher für Standfestigkeit: das
unverrückbare Bett des Odysseus - Ort der Lust eher als des Mythos. Teil
dieser Bettstatt ist der Stamm eines lebenden Olivenbaums. Niemand kann
dieses Bett von der Stelle rücken. Es ist der Anziehungspunkt für die
zwanzigjährige Irrfahrt des Odysseus, auch ihr Ausgangspunkt, ein
unverrückbarer Ort für die Heimkehr. "Heimkehr ist, was die Abenteuer
entbindet."
Das nachfolgende Gespräch ist ein Ausschnitt
aus einem längeren Interview mit Alexander Kluge. Es geht ums Büchermachen
und einen Typus von Buch, das die Arbeit seiner Autoren - Kluge und des
Soziologen Oskar Negt - 30 Jahre lang verbindet und in der unmittelbaren
Gegenwart ankommt: Der unterschätzte Mensch, kürzlich erschienen
bei Zweitausendeins - "2274 Seiten kritischer Theorie", angefangen beim
lange vergriffenen Klassiker Öffentlichkeit und Erfahrung über
Geschichte und Eigensinn bis herauf zu Maßverhältnisse des
Politischen, die Kluge und Negt gerade im Schatten des 11. September
wieder verstärkt beschäftigten. Zu den Kategorien, die in den zwei Bänden
von "Der unterschätzte Mensch" fast immer im Spiel sind, gehört die
Unterscheidung zwischen Nah- und Fern-Verhältnissen.
Ein erster
Satz: WIR SIND POLITISCHE WESEN, ALSO WESEN, DIE EIN GEMEINWESEN BRAUCHEN,
ABER DIE MEISTE KRAFT SCHÖPFEN WIR AUS DEN NAHVERHÄLTNISSEN, AUS UNSEREN
LIEBES-, FREUNDSCHAFTS- UND ARBEITSVERHÄLTNISSEN, NICHT AUS DER FERNE. -
Wackelt an diesem Satz etwas?
Alexander Kluge: Der Nachsatz stimmt
nicht. Aus der Ferne holen wir uns von den Horizonten die Hoffnung, das
heißt ein Höchstmaß an Einbildung, von dem wir leben. Sozusagen die
Negation der wirklichen Verhältnisse, die uns stören, die holen wir von
den Horizonten. Wir sind als Lebewesen in erster Linie
Illusionsfabrikanten, sagt Nietzsche, wir haben von Natur aus kein
direktes Motiv, die Wahrheit zu erkunden. Wir haben subjektiv eine
Tendenz, uns in einen Kokon einzuspinnen - in die Lebenssphäre, von
Urvertrauen gespeist -, und formen das äußere Bild der Welt, bis es zu uns
passt. Dem steht entgegen, dass Politik, Gemeinwesen, industrielle Praxis,
Arbeit, Arbeit an der Erfahrung, etwas Objektives sind.
Historisch scheint es geradezu Zyklen zu geben, so etwas wie
lange Wellen: Perioden, in denen sich die Seelen politisch einigeln und
Perioden, wo man sich an Horizonten orientiert. Kluge: Der
Zündfunke für den Protest in der studentischen Protestbewegung 1968 kommt
aus der Intimerfahrung. Zum Beispiel einem Generationskonflikt, vermehrt
durch einiges, das unbefriedigend ist. Die Antwort kommt aus einer
Fernerfahrung, einem starken Wunsch, der aus dem Omnipotenzgefühl stammt:
Ich möchte, dass das Unrecht in Vietnam durch mich und meine Gruppe
verändert wird, notfalls durch die Änderung der Wissenschaft überhaupt.
Aber diese Fernzündung ist sehr menschlich und ist offenkundig ein
notwendiger Irrtum. Es gibt ja notwendige Illusionen, notwendigen Irrtum,
das nennt Marx Ideologie; wer einfach sagt, sollen sich doch die Menschen
das abgewöhnen, der sagt etwas ganz Unbrauchbares, das werden sie ja nicht
tun.
Der nächste Satz - eine Art anthropologisches Resumée: DEM
FERNEN BEREICH PFLEGEN WIR UNS NUR IN AUSNAHMEZUSTÄNDEN UND ERST DANN
ZUZUWENDEN, WENN DER NOTDURFT DES LEBENS GENÜGE GETAN IST. Ist das eine
Konstante? Kluge: Ja, auf diese Konstante fällt jede
revolutionäre Bewegung zurück.
Da steckt wohl mehreres drin?
Zum einen wird - resignativ - die Taube auf dem Dach ausgeblendet, nur
noch der Spatz in der Hand zählt. Ein Beharren auf Glücksberechtigung
steckt in diesem Rückzug aber ebenfalls? Kluge: Werfen Sie
einen Blick darauf, wann Bankrotte oder Börsencrashs eintreten, dann
beobachten Sie stets die Heimkehr auf den natürlichen Punkt: Menschen
fallen zurück auf die Orientierung in ihrem unmittelbaren Lebensbereich.
Das tun sie z. B. 1945, nach Kriegsende, und daraus geht eine enorme Kraft
hervor, mit deren Hilfe sie sich auf so etwas einlassen wie eine
Währungsreform oder das Wirtschaftswunder. Erstmals werden die Deutschen
zu Europäern, zu Mitgliedern eines wirtschaftlichen
Weltzusammenhangs.
Von Karl Marx stammt die Beobachtung, dass
industrielle Leistungsgesellschaften, dynamisch, vorwärtsstürmend, zu
denen Individualität, Modernität, extreme Hingabebereitschaft,
Selbstausbeutung gehören, eine so genannte ursprüngliche Akkumulation
voraussetzen. Das heißt, die Menschen müssen von ihrem ursprünglichen
Sitz, den sie beackern, enteignet werden. Sie werden aus dem goldenen
Zeitalter vertrieben, sie leiden, und aus der Verwundung entstehen neue
Eigenschaften.
Alle Tugenden sind durch Schmerz entwickelt.
Das ist kein Gedanke, den ich mag. Und gleichzeitig ist es eine
Beobachtung, die alle vertrauenswürdigen Theoretiker mitteilen. Das heißt,
ein Stück Schmerz scheint offenkundig dazu zu gehören, hoch befriedigende
Verhältnisse überhaupt je zu verlassen. Die Glücksfähigkeit des Menschen
ist gewissermaßen das größte Hemmnis, ein dynamisches Gemeinwesen zu
erzeugen. In unserer Zusammenarbeit haben Negt und ich permanent dieses
Phänomen der ursprünglichen Akkumulation untersucht. Dass sich Terror und
weltweiter industrieller Prozess gegenseitig hervorbringen, hat hier eine
seiner Wurzeln.
Wir glauben nicht an Zyklen. Aber wir glauben,
dass man Beobachtungen machen kann, wie Projekte misslingen, aber die
Menschheit immer wieder versucht, historisch verloren gegangene Hoffnungen
wieder in Gang zu bringen. Sie braucht dazu Kräfte, die ein Mensch von
Natur aus zu wenig hat - die Koordination zwischen dem Fernsinn und dem
Nähesinn.
Über Tschernobyl haben Sie einmal gesagt, eigentlich
bräuchten wir einen Geheimbund, der das Bewusstsein dieses Problems wach
hält. Kluge: Die Versicherungsgesellschaften haben versagt,
eine Welt als Versicherungssystem gibt es nicht. Mit Tschernobyl fängt
eine neue Periode des kritischen Denkens an. Wie es im Hamlet heißt:
"Wahnsinn bei Großen kann nicht ohne Wache gehen."
Wenn historische Folgen gesetzt werden mit
einer Wirkung nicht etwa auf Enkel, sondern auf 300.000 Jahre folgender
Geschichte, dann darf das dafür verantwortliche Gemeinwesen nicht eine
Halbwertszeit von zweieinhalb Jahren haben: fünf Jahre später ist nämlich
die Sowjetunion zerfallen, keines der Ministerien, die Tschernobyl zu
verantworten hatten, existiert mehr. Beobachten wir solche Diskrepanzen im
Maßverhältnis von Verantwortlichkeit und Zeit, dann setzt eine neue
Reflexion ein, nicht erst am 11. 9. 2001. Wem sprechen wir die Autorität
zu, über uns zu bestimmen? Was heißt Kontrolle von unten nach oben? Das
sind die Fragen... bis hin zum Aufstand gegen eine falsch zusammen
gewachsene Realität.
Eine listenreiche Verschwörung?
Kluge: Sie können sich das ruhig wie einen der Bünde denken,
aus denen die Aufklärung im 18. Jahrhundert besteht. Jeder von uns
Städtern trägt einen Bauern in sich. Vertraut ist ihm die
Verantwortlichkeit für seinen Acker. Das ist eine Errungenschaft. Ich muss
den Acker, das Haus verteidigen können gegen Nomaden, gegen Verwüstungen,
gegen den eigenen Herrn, ich bin eingebettet im Sommer, Herbst, Winter,
Frühjahr, ein klares, übersichtliches, in Abschnitten von dreißig Jahren
berechenbares Zeitgefüge. Ich habe Tugenden, die ich unterscheiden kann
von Verbrechen. Nach diesem Maßverhältnis funktioniert aber die
globalisierte, moderne Welt keineswegs. Auch Marginalisierung oder
Partikularisierung führt nicht zu einem für Menschen elementaren
Maßverhältnis zurück, sondern spitzt Verrücktheiten des Fortschrittsextrem
zu.
Negt und ich, wir sind sicher, dass die Listen
des Odysseus hier nicht helfen. Die Kenntnis einiger Besonderheiten des
Wolfs und der Sieben Geißlein (also Schwierigkeiten bei der genauen
Bestimmung des Feindes) kommen dem Problem in unseren Breiten näher, aber
richtige Analyse bringt noch keine Orientierung. Ist die Moderne, in der
wir als wirkliche Menschen angekommen sind, Irrfahrt, Troja oder das Bett
des Odysseus? Oder geht es um frühere Verhältnisse? Oder ist die
Heimstatt, das feste Holz, aus dem sich Identisches zimmern lässt, die
Differenz, die Unruhe, der Antirealismus des Gefühls, der Zwiespalt? Was
heißt es, an der Schwelle zum 21. Jahrhundert: die Heimfahrt des Odysseus
organisieren?
Das sind alles Fragestellungen aus der
Dialektik der Aufklärung. Es ist ja nicht so, dass Odysseus nur zu
Penelope zurückkommt oder dass sozusagen die Hauptszene zwischen Irrtum
und Wahrheit bei den Sirenen stattfindet und Odysseus sich an den Mastbaum
fesselt, sondern er spricht ununterbrochen zu sich selbst, im
Bettlergewand nach Ithaka zurückgekehrt, spricht er zu seinem Herzen:
"Zähme dich, habe Geduld, ein Mord wartet auf dich, dir geschieht, was
Agamemnon geschah, wenn du nicht vorsichtig bist! " Und so nähert er sich
dem eigenen Haus, ganz allmählich, mit viel Unterscheidungsvermögen. Und
als er dann die Freier, jene Leute, die ihn morden wollen, die ihm die
Frau wegnehmen wollen und die untereinander den Bürgerkrieg schon
vorbereiten, vernichtet hat, das Haus bestellt hat, die Frau ihn wieder
erkannt hat, muss er selber noch flüchten zu seinem Vater aufs Landgut, zu
einfachen Verhältnissen gelangen. Und dort kommt ihm die Rotte der Rächer
entgegen, möchte noch zuletzt ein Blutbad anrichten. Und nur die Göttin
Athene, verkleidet als Nestor, der Berater, schützt ihn. Selbst dort
reicht nicht die List allein. Wie übersetzt man das an der Schwelle zum
21. Jahrhundert? []
Alexander Kluge im Gespräch
mit Claus Philipp über Globalisierung und Gewalt - am Sonntag, 11.00 Uhr,
im Wiener Volkstheater.
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