«Feiern wir die Gegenwart!» | Ein Kunst-Dialog

Der Basler Kunstkritiker Samuel Herzog und der Wiener Kulturwissenschaftler Kurt Kladler unterhalten sich über die Schweizer Landesausstellung Expo.02.

Kurt Kladler: Entschuldigung, sind Sie Schweizer? Samuel Herzog: Warum?
KLADLER: Ich wollte Sie nicht beleidigen ...
HERZOG: Soll es mir jetzt zu bunt werden?
KLADLER: Bunt wäre ja gar nicht schlecht! Aber verstehen Sie mich bitte richtig: Ich hab einen Prospekt zur Schweizer Landesausstellung in Händen und wollte genauere Auskünfte zur Sache. Man hört ja so viel, und einen Pavillon aus echtem Gold soll es auch geben.
HERZOG: Und da befragen Sie nun das, was sie für einen echten Schweizer halten?
KLADLER: Vielleicht verstehen Sie mein Anliegen besser, wenn ich kurz den Einleitungstext zur Expo.02 vorlese: «Einmal pro Generation leistet sich die Schweiz eine Landesausstellung – zuletzt 1964 in Lausanne. Seit Mitte der Neunzigerjahre laufen im Auftrag des Bundes die Vorbereitungen für die nächste Expo. Wie kein anderes Projekt bündelt die Expo.02 vielfältige Interessen und Kräfte in diesem Land. Architekten, Szenografen, Leute aus Kultur, Politik und Wirtschaft arbeiten gemeinsam, um die Landesausstellung zu Beginn des neuen Jahrtausends für die Besucherinnen und Besucher zu einem einzigartigen Erlebnis werden zu lassen.»
HERZOG: So, wie Sie das lesen, klingt das ganz wie der aufrüttelnde Appell einer Wochenschau aus frühen Tonfilmzeiten.
KLADLER: Deshalb dachte ich, dass Sie, als Schweizer eben, mir, dem Österreicher, die Sache näher bringen könnten.
HERZOG: Mein Verhältnis zur Expo.02 ist ambivalent. Als allgemein interessierter Zeitgenosse bin ich gespannt, wie sich diese Sache präsentieren wird, wie die Reaktionen sein werden etc. Als helvetischer Kunstmensch aber habe ich das Interesse daran ein wenig verloren.
KLADLER: Verloren? Dann gab es auch eine Phase der Begeisterung für Sie?
HERZOG: Die Nominierung von Pipilotti Rist als künstlerische Leiterin war überraschend und ein unerhört aufregendes Signal. Dann gab es diesen Kollaps nach dem Rücktritt von Pipilotti. Zuvor gab es tatsächlich eine Stimmung des Aufbruchs: Unverschämtes schien möglich, auch wenn das vielleicht bloss eine Illusion war. Davon ist jetzt nicht mehr viel zu spüren. Irgendwie hat man auf Vernunft umgestellt und auf sichere positive Formen der Repräsentation. So habe ich es jedenfalls empfunden. Vielleicht hat auch der von Christoph Vitali gestaltete Auftritt der Schweiz an der Frankfurter Buchmesse von 1998 eine Rolle gespielt, der als zu negativ beurteilt wurde.
KLADLER: Gerade die letzten Tage liefern einen amüsierenden Kommentar zu dieser Situation, wenn ich etwa an die Abberufung des glamourösen Botschafters Borer aus Berlin und an die neue Rolle von Christoph Vitali als Leiter der Fondation Beyeler in Riehen denke. Vielleicht ist das aber nur für eine kunstinteressierte Minderheit von Interesse. Der Anspruch als Landesausstellung zielt ja darauf ab, die Schweiz in ihrer Vielfalt zu zeigen, damit für einen Grossteil der Bevölkerung Identifikationsangebote vorhanden sind.
HERZOG: Ich glaube nicht, dass die Expo selbst als Ausstellung die Schweiz repräsentiert, eher spiegelt sie die Machtstrukturen und die damit verknüpften offiziellen Wertvorstellungen in diesem Land – im besten Fall lässt sie etwas von dem kreativen Potenzial spüren, das hier vorhanden ist. Was für die Schweiz eher repräsentativ sein wird, ist die Art und Weise, wie diese Expo im Land aufgenommen wird, wie sie in das Bewusstsein oder die Gespräche der Leute eingehen wird. Darin wird sich eher zeigen, was die Schweiz heute ist – wenn man nicht sowieso, politisch korrekt, von den ‹Schweizen› sprechen will.
KLADLER: Diese ‹Schweizen› haben aber letztlich ordentlich ‹geschweizt›, wenn ich mal so sagen darf, und Beeindruckendes aufs Wasser gesetzt. Sogar einen neuen Begriff haben sie kreiert: ‹Arteplage›. Es gibt an der Expo.02 fünf Arteplages, die auf dem Wasser und am Ufer des Bieler-, Murten- und Neuenburgersees verteilt und durch teilweise futuristisch anmutende Architekturen akzentuiert sind. Jede Arteplage bezieht sich auf ein Thema, das sich in ihrer Architektur und in ihren Ausstellungen spiegelt: ‹Macht und Freiheit› in Biel, ‹Augenblick und Ewigkeit› in Murten, ‹Natur und Künstlichkeit› in Neuenburg, ‹Ich und das Universum› in Yverdon-les-Bains, ‹Sinn und Bewegung› auf der mobilen Arteplage du Jura. Der Begriff Arteplage verbindet, politisch korrekt gesprochen, die Wörter ‹art› (Kunst) und ‹plage› (Strand) und bezeichnet die Strukturen, in welche die Ausstellungen zur Expo eingebettet werden. Allerdings lässt sich daraus auch die Plage mit der Kunst heraushören, wenn man nicht ganz korrekt zugehört hat.
HERZOG: Was die Architektur angeht, so habe ich auch da das Gefühl, dass alles zu stark auf gewollte Repräsentation angelegt ist: Die Schweiz soll sich modern zeigen, zukunftsgewandt, international und forsch. Dafür hat man die berühmtesten Architekten engagiert. Und alles sieht, zugegeben, super aus. Die Expo wäre aber auch eine Gelegenheit gewesen, das Konzept von Ausstellungsarchitektur auf einer breiteren Ebene zu diskutieren – und damit vielleicht auch Strukturen anzulegen, die über die Laufzeit der Expo hinaus hätten wichtig sein können. Irgendwie ist es doch grotesk, dass man vor Neuenburg, Biel, Yverdon und Murten für viele Millionen Franken Expo-Bauten errichtet, derweilen die lokalen Museen, Kunst- und Kulturräume meist ziemlich improvisiert vor sich hin arbeiten müssen. Aber vielleicht ist das ein kleinlicher Gedanke.
KLADLER: Kleinlich erscheint dieser Anspruch nur im Vergleich mit dem Aufwand an Grossartigkeit, die mit der zur Verfügung stehenden Geldmacht inszeniert wird. Sie sollten dabei nicht die Absichten der ExpobetreiberInnen verkennen. Die Expo soll ein Spektakel sein, eine Geste des Vergnügens, des Genusses und, wenn Sie wollen, auch der Verschwendung. Die Expo soll «als Fest konzipiert werden und alle Bewohner der Schweiz, die Auslandschweizer, die Bevölkerung der Nachbarländer und die Touristen aus aller Welt» sollen dazu eingeladen werden, wie es der Bundesrat 1999 in einer Botschaft ans Parlament formulierte. Auch der Prozess zur Entwicklung und Etablierung der Expo darf dabei nicht unterschätzt werden. So zum Beispiel die ‹Mitmachkampagne›, durch die verschiedenste Projekte eingereicht werden konnten und die zu einem landesweiten Ideenwettbewerb wurde. Vielleicht ist das pluralistische Grossspektakel die zeitgemässe Form, durch die es möglich werden soll, ein Gefühl der Gemeinschaft zu stiften und im schuldfreien Genuss zu schwelgen. Vielleicht könnte man aber auch kritisch einwenden, dass durch eine vermeintliche Gemeinschaft im Kulturkonsum die Illusion von Egalität erzeugt wird, ganz im Gegensatz zu den tatsächlichen Differenzen und Machtverhältnissen, die unser soziales Leben bestimmen. Kritisch gemeinte Inhalte könnten dadurch nur zum Gerüst für einen glitzernden und funkelnden Erlebniszauber werden.
HERZOG: Trotzdem glaube ich nicht, dass die Kunstschaffenden im Rahmen dieser Expo instrumentalisiert werden. Für die Kunst ist die Sache wohl eher ein Gewinn: Denn Künstlerinnen und Künstler können und konnten sich auf neuen Feldern ausprobieren, etwa im Bereich der Teamarbeit, der Konzeptarbeit, als Realisatoren, Unternehmer, Kuratorinnen ... Die KünstlerInnen sind also auf neue Weise gefordert – und das tut dem Bereich sicher gut, eröffnet vielleicht neue Perspektiven auch für die Zeit nach der Expo. Schade finde ich, dass es nur die völlig sattelfesten Projekte in die letzte Runde geschafft haben. Vom Bastel-Esprit der anfänglichen ‹Mitmachkampagne› wird so vermutlich nichts mehr zu spüren sein. Für die BesucherInnen heisst das wohl, dass sie keine eigenen Entdeckungen machen können, sondern den vorgegebenen Pfaden des Staunens und Erlebens folgen müssen.
KLADLER: Es gibt dennoch eine Anzahl von Projekten, die mich neugierig machen, dokumentarische Kurzfilme, Projekte zur Biopolitik, zu Repräsentationsstrategien von Gemeinschaften, aber auch Grossproduktionen von so genannt etablierten Kulturschaffenden, wie zum Beispiel Robert Wilsons Beitrag oder der goldene Pavillon, in dem Harald Szeemann wohl zeigen wird, dass nicht alles Gold ist, was in der Schweiz so glänzt. Die Vielstimmigkeit der Angebote und der für Publikumsmassen inszenierte Erlebniskonsum repräsentieren auch sich selbst als Spektakel und Kommunikationsform. Ich begreife diesen Aspekt durchaus als Inhalt, der kritisch zu befragen ist, obgleich dafür andere Denkumgebungen notwendig sind. Der Blick in die Zukunft, der von den Veranstaltenden enthusiastisch propagiert wird, ist demnach die beste Beschreibung unserer Gegenwart, in der die Projektionen ihren Ausgangspunkt haben und in die sie wieder zurücklaufen. Feiern wir die Gegenwart, noch dazu, wenn wir einen so reizenden Anlass haben!

Samuel Herzog, geb. 1966 in Basel. Freier Kunstjournalist.
Kurt Kladler, geb. 1958 in Eisenstadt (A). Lebt und arbeitet als Kunstwissenschaftler und Journalist in Zürich und Wien.