20.10.2002 21:21
Ist Kulturpolitik in Österreich nur
Verwaltung?
Eine prominent besetzte Diskussionsrunde
in der Bawag-Foundation deponierte Wünsche
Es ist typisch, dass sich trotz Wahlkampfes kein Politiker auf
das Podium zu setzen bequemte, obgleich es um das Verhältnis von Politik zu
Kunst in Österreich ging - bei einem von STANDARD-Chefredakteur
Gerfried Sperl moderierten und prominent besetzten Abend am Freitag in der
Bawag-Foundation, "Kunst und Politik. Die Wahl der Kunst - Die Kunst der
Wahl".
Alle - von Josef Haslinger und Armin Thurnher bis zu Elisabeth
Orth, Schriftstellerin Barbara Neuwirth und IG-Autoren-Chef Gerhard Ruiss -
waren sich darin einig, dass die Überführung des Kunstministeriums in eine dann
vernachlässigte "Chefsache" noch unter Viktor Klima eine die Haltung
bezeichnende Katastrophe war.
Wobei "ein Kulturministerium,
zusammengeschlossen mit einem anderen, das stärker budgetiert und in der
Öffentlichkeit verankert ist wie das Unterrichtsministerium, besser wäre", wie
Josef Haslinger im Konjunktiv meinte: "Ein Kunstministerium sollte ein
Öffentlichkeitsministerium sein." Aber da keine Partei ein explizites
Kulturprogramm vorlegt, so Falter-Chefredakteur Armin Thurnher, sei "die
Kunst der Wahl in Österreich ohnehin nur ein Kaufen der Katz im Sack". Die
Konservativen versuchten "cultural industry", doch die "allgemeine Toleranz" bei
den Grünen sei halt auch noch keine Vision.
Das Programm der SP, wandte
Barbara Neuwirth ein, spreche wenigstens von einer "Medienkulturoffensive". Aber
seit 1992 sank das Budget für Dokumentarfilm und Kurzfilm um fast die Hälfte,
woraufhin am Podium von Armin Thurnher und von Elisabeth Orth gleich nachgesetzt
wurde: "Es gibt keinen kontinuierlichen Aufbau der Dokumentarfilmkultur, weder
außerhalb noch innerhalb des ORF. Immer braucht man in Österreich den ORF als
politischen Hebel. Niemand entlässt ihn in die Unabhängigkeit" (Thurnher).
Elisabeth Orth: "Warum positionieren wir uns nicht endlich als eine
Streitkulturnation?"
Nun: Unter anderem wohl deshalb, weil Monopole im
Sektor der Meinungsbildung viel weniger kontrolliert werden als in der
Industrie: "Wer entflicht endlich die News-Gruppe?", fragte Thurnher und: "Warum
ist Politik nur noch Reflex auf Medienprominenz?" - Weil, so Josef Haslinger,
statt Programmen nur noch Prominente des öffentlichen Lebens im Wahlkampf
präsentiert werden. Das nun führt noch tiefer in Probleme des
Kulturverständnisses, die Gerhard Ruiss auf den Punkt brachte: Seit Jahren gebe
es statt Interesse an Diskussion von Kulturprogrammen nur noch die
"Weiterverwaltung" des Status quo: "Der entscheidende politische Schritt wäre
doch, Ziele zu entwerfen."
Eine wichtige Einsicht. Aber solange kein
Politiker zuhört, erledigt sich Gerfried Sperls Frage, wie das Selbstbewusstsein
von Künstlern in der Demokratie zu stärken sei, weiterhin von selbst. (Richard
Reichensperger/DER STANDARD, Printausgabe vom 21.10.2002)