03.11.2002 20:38
Politik, bitte Abstand halten!
Der Kommentar der anderen gibt ein kleine Wahl- Empfehlung an
Verwalter und Gestalter des kulturellen Lebens
Kleine Wahl- Empfehlung an Verwalter und Gestalter des
kulturellen Lebens in Bund, Ländern und Gemeinden - über den 24. November
hinaus.
Kein Zweifel: Neben den oft diskutierten Kürzungen der Förderung
bestimmter kultureller Praxen war die Kulturpolitik (zumindest des Bundes) in
den vergangenen zweieinhalb Jahren vor allem deren ihr völliges Aussetzen
gekennzeichnet. Es kann nunmehr als gesichertes Resümee gelten, dass aus dem
Bereich des Kunststaatssekretariates absolut nichts vorgegeben wurde.
Nicht einmal ein zu bestreitendes, provokatives oder umstrittenes
Konzept, wie es zum Beispiel das Bildungsministerium mit der Universitätsreform
vorgelegt hat. Moraks Amtszeit muss also als One-Word-Policy abgeschrieben
werden, der außer der oftmaligen Wiederholung des Begriffs "cultural industries"
nichts eingefallen ist.
Fehlende Konzepte
Zugleich aber
offenbart die Aussicht auf eine mögliche personelle und vielleicht auch
politische Änderung der Amtsführung nach dem 24. November, wie sehr die
politische Debatte in diesem Land durch die Dauerfixierung auf Abwehr von
Attacken und Grundsatzkritik am rechten Mob verarmt ist. Neben den Hinweisen auf
die Rücknahme schwarz-blauer Kürzungen und den rhetorischen Dauerbrennern der
Förderung des "Experiments" und der "sozialen Relevanz" ist - vor allem im
Bereich von Strukturfragen - keine kulturpolitische Agenda sichtbar, die als
konzeptiver Rahmen für eine mittelfristige (=10 bis 15 Jahre) Entwicklung des
österreichischen Kulturlebens dienen könnte. Benötigt würde sie
jedoch.
Eingeschränkt auf Strukturfragen sei eine zentrale Forderung
hervorgehoben. Sie bezieht sich auf ein Wesensmerkmal österreichischer
(Kultur-)Politik, welches historisch sowohl auf Bundes-wie auch auf städtischer
Ebene derartig fest eingeschrieben ist, dass es interessanterweise unabhängig
von der politischen Ausrichtung der jeweiligen Amtsträger schnellstens
affirmiert wird, da es den vermeintlichen Kern der Gestaltungsmöglichkeiten zu
betreffen scheint: Die endgültige Auflösung der zentralistisch-paternalistischen
Stimmung innerhalb der Strukturen des Bundes wie auch der Stadt Wien ist
überfällig.
Besetzungen der Leitungsfunktionen, institutionelle
Finanzierung, Förderungsprogramme, Auslandskulturarbeit, konzeptive
Schwerpunktsetzung bis hin zur Programmierung einzelner Projekte,
Biennalepräsentationen, Ateliervergaben, Investitionen und Bauten usw.: Fast
alle zentralen Funktionen wurden und werden weiterhin direkt aus den Stäben der
Staatssekretariate, Ministerien und zuständigen Stadträte wahrgenommen - auch
wenn sie gelegentlich an rechtlich nicht verbindliche Beiräte delegiert werden.
Das Fehlen zivilgesellschaftlichen Engagements ist ebenso logische Folge dieser
Struktur wie ein inhärenter Mangel an Transparenz, da die Nahebeziehung zum Hofe
immer noch die bessere Position für ProduzentInnen darstellt als das ständige
Schaffen von Öffentlichkeiten für ihre Zwecke.
Hier sind Auslagerung von
Verantwortlichkeit, Dezentralisierung, Ausbau der institutionellen
Self-Governance und transparente Verfahren überfällige Schlagworte. Dies sollte
nach den schlechten Erfahrungen mit einer "falschen" Regierung umso dringlicher
auf der Tagesordnung stehen, als spätestens jetzt klar sein müsste, wie
schädlich sich dieser fast monarchische Direktzugriff auswirken kann.
Logischerweise kann sich der Ansatz einer derartigen Distanzkultur nicht nur
darauf beschränken, diese Forderung "nach oben" zu erheben. Die gestaltenden
Akteure im Bereich des kulturellen Lebens müssten sich auch um die zivile,
transparente Durchsetzung ihrer Interessen und an die Austragung von Konflikten
gewöhnen, ohne sich im Hintergrund immer wieder mit ihren politischen
Dialogpartnern abzustimmen bzw. in diesem Sinn "über die Bande" zu agieren. (Die
Querelen im Wiener Museumsquartier können als Fallstudie für derartige
Stellvertreterkonflikte gelten.)
Höfische Strukturen
Zur
Klarstellung: Die Finanzierung und die Sicherstellung ausreichender
infrastruktureller Ressourcen muss öffentliche Aufgabe bleiben. Doch staatliche
Zuständigkeit heißt nicht Verfügungsgewalt, persönliche Spielwiese und
Amtsträgerindividualismus.
Gefordert ist eine neue Jobbeschreibung für
Kulturpolitik. Ein(e) Kulturpolitiker(in) hat nicht die produzierende Szene
durch "eigene Projekte" (wie die unsägliche "Kunst gegen Gewalt"-Initiative des
Staatssekretärs) zu konkurrenzieren und muss auch nicht die Generalintendanz für
die Häuser in seiner/ihrer Zuständigkeit übernehmen. Zentrale Aufgaben dieser
neuen Kulturpolitik mit An-und Abstand sind vor allem das zähe und beharrliche
Lobbying für die Notwendigkeiten kultureller Arbeit in Bereichen, die dem
Politiker leichter zugänglich sind als den kulturellen ProduzentInnen, die
Erarbeitung intelligenter Tools zur Finanzierung und gesellschaftlichen
Verankerung von Kunst und Kultur und die Vermittlung ihrer gesellschaftlichen
Relevanz mit der Autorität des dafür gewählten Bürgers.
Die
Kulturpolitik ist somit vor allem als fachkundiges Gegenüber für diejenigen zu
sehen, die sich als Künstler, Kunstvermittler, Kulturarbeiter tagtäglich darum
bemühen, dass "am Abend der Vorhang aufgeht", und nicht als ihr entweder guter
oder böser "Übervater". (DER STANDARD, Printausgabe, 4.11.2002)