06.12.2002 21:29
Relativ krisensicher
Resümee der
jüngsten Versteigerungen des Berliner Auktionshauses "Villa Grisebach"
Wir sind in einer Weltwirtschaftskrise, nicht in einer Krise
des Kunsthandels. Der hat sich erstaunlich gut gehalten." Micaela Kapitzky, seit
zwei Jahren neben den beiden Gründern Bernd Schultz und Wilfried Utermann
Gesellschafterin der Villa Grisebach und seit zwölf Jahren im
freundlich-kompetenten 20-Mann-Team, ist zufrieden mit dem Auktionsergebnis der
letzten Woche.
Die 100. Auktion war offenbar ein Schub, der nachwirkt. Das
nunmehrige Ergebnis, mit Kundenschwerpunkt im deutschsprachigen Raum und den
USA, die zunehmend über das qualitätsvolle Fotografie-Angebot auf die Villa
Grisebach aufmerksam werden, ist überzeugend. 7,24 Mio. Euro erbrachten die in
vier Auktionen versteigerten 1313 Lose. 835 Kunstwerke wechselten den Besitzer:
65 Prozent der eingelieferten Lose, 72 Prozent der addierten unteren
Schätzwerte.
Auch unter den Spitzenergebnissen herausragend: Das
Äpfelstillleben mit violettem Krug und Figur, das der 44-jährige Alexej
von Jawlensky 1908 für seine Freunde Kandinsky und Gabriele Münter malte. Das
Ölbild brachte es, schwer umkämpft, auf 726.000 Euro. Ein kleines stilähnliches
Bild mit Obst in einer Schale ging für 105.000 Euro in eine Privatsammlung im
Rheinland. Ein Ölbild von Paula Modersohn-Becker (Zwei Mädchen vor
Birkenstamm) brachte es auf 243.000 Euro, den gleichen Preis, den auch Karl
Hofers verhalten diesseitige Blumenwerfende Mädchen von 1945 erzielten.
Emil Noldes Aquarell Frauenkopf mit blauen Augen und rot-goldenem Haar
stieg umworben auf 191.500 Euro.
Ein bedeutsames Konvolut im Angebot waren 40 Werke aus dem
Nachlass des Breslauer Sammlers Dr. Ismar Littmann. Er nahm sich, als Jude
verfolgt, 1934 das Leben. Sein Nachlass wurde als "Entartete Kunst" konfisziert,
teils sogar verbrannt. Die Kinder flohen nach Palästina und Amerika. Man gab
alles verloren, bis sich herausstellte, dass von den 344 Gemälden und 5800
Grafiken doch 40 Arbeiten auf Papier erhalten geblieben waren. Herausragend ein
apartes Werk von Frans Masereel, Sur le banc, Tusche und Aquarell, 1923
im Alter von 33 Jahren gemalt, führte bei lebhaftem Gebot zum vorzüglichen Preis
von 24.780 Euro. Die Reste der einst stolzen Sammlung Littmann, von den Erben
der Villa Grisebach anvertraut, erbrachten einen Erlös von 302.000 Euro.
Von Krise mag keiner reden, aber es gibt etliche Rückgänge in
hier sonst bewährten Feldern um Max Liebermann, Lesser Ury, Walter Leistikow,
aber auch in der Domäne der Expressionisten.
Österreich, das sonst vornehmlich eigene Künstler in die Heimat
zurückersteigert, zeigte heuer auch andere Entschlussfreudigkeit. Neben einem
Bronzerelief von Fritz Wotruba, einer Kokoschka-Kreide gehen dorthin auch Werke
von Liebermann, Lesser Ury, Ida Kerkovius, Heinz Trökes, dem in Klagenfurt
geborenen Corinth-Schüler Emanuel Fohn und Sam Francis.
In der Fotografie ist die Sensation eines der
Seidenpflanzenbilder von Karl Blossfeldt, das für 41.300 Euro nach Florida ging.
Paul Strand erzielte 33.000 Euro für sein Gaspé von 1936. Ein
Newton-Diptychon brachte 14.750 Euro. Fast so viel wie ein Bauhaus-Interieur von
Hannes Meyer/ Carl Hoffmann. Eben dieses an deutscher Fotografie geweckte
Interesse führt US-Kunden auch zum Expressionismus, den Grisebach - wie sich
zeigt - relativ krisensicher pflegt. (DER STANDARD, Printausgabe, 7./8.12.2002)