09.12.2002 20:03
Preis für "Bullshit"
Turner-Preis
ging an Keith Tyson - Kritik von Presse und britischem Kunstminister: "Kalter,
mechanischer, konzeptioneller Bullshit"
London - Die Verleihung des Turner-Preises hat auch in
diesem Jahr in Großbritannien lebhafte Diskussionen über die Frage "Was ist
Kunst" ausgelöst. Die mit 20.000 Pfund (31.363 Euro) dotierte bedeutendste
Auszeichnung für britische Gegenwartskunst ging am Sonntagabend an den Künstler
Keith Tyson. Der 33-Jährige erhielt den Preis unter anderem für zwei Gemälde und
eine überdimensionale schwarze summende Säule, in der sich Computer befinden.
"Kalter, mechanischer, konzeptioneller Bullshit", urteilte Großbritanniens
Kunstminister Kim Howells über die Werke Tysons und seiner
Mitbewerber.
Erleichterung überwiegt bei Tyson
Tyson selbst
sprach nach der Verleihung in der Kunsthalle Tate Modern in London von einer
großen Ehre. "Ich bin aber auch sehr erleichtert. Nicht weil ich gewonnen habe,
sondern weil der Druck einem sehr zusetzt. Ich glaube, ich wäre genauso
erleichtert gewesen, wenn ich ihn (den Preis) nicht bekommen hätte." Die
Auszeichnung war von Daniel Libeskind, dem Architekten des Jüdischen Museums in
Berlin, überreicht worden.
"Summende schwarze Kiste"
Die
britischen Medien räumten der Preisverleihung am Montag viel Platz ein,
reagierten aber oft mit Unverständnis auf die Jury-Entscheidung. "Das Allerbeste
der Britischen Kunst: Eine große, schwarze Kiste, die summt", titelte etwa
ironisch die Zeitung "Daily Mail" über Tysons Werk "The Thinker" ("Der
Denker").
Als "Demütigung für das künstlerische Establishment" wertete
"The Guardian" die Verleihung und schloss sich weitgehend der Sichtweise des
britischen Kunstministers an. Dieser hatte auf einem Zettel an einer
Ausstellungswand seiner Wut freien Lauf gelassen. "Wenn dies das Beste ist, was
britische Künstler hervorbringen, dann ist die britische Kunst verloren."
Insgesamt waren vier Künstler in die Endausscheidung
gekommen.
Libeskind: Keine Kunst ohne Kontroverse
Libeskind
sagte bei der Verleihung, Kunst ohne Kontroverse könne es nicht geben. "Die
Kunst ist wie ein Wecker, der uns aufrüttelt. Ohne Kunst gibt es keine Zukunft."
Nach den Worten des Jury- Vorsitzenden und Tate-Direktors Nicholas Serota bietet
der Turner-Preis die Chance, einige der besten Kunstwerke Großbritanniens zu
sehen. Er hatte die Künstler aber auch gewarnt, dass von allen Seiten Druck auf
sie zukommen werde.
Die Werke des diesjährigen Preisträgers Tyson sind
stark von Elementen aus Wissenschaft, Philosophie und Science Fiction geprägt.
Er ist seit Jahren der erste Maler, der den "Turner" erhält. Die Jury wertete
sein Schaffen als "poetisch, logisch, humorvoll und fantastisch". Tyson ist vor
allem dafür bekannt, dass er einen Computer mit Daten füttert, die dieser
willkürlich zu neuen Begriffen zusammensetzt. In den vergangenen Jahren hatten
bei der "Turner"-Entscheidung jeweils Konzeptkünstler im Vordergrund gestanden.
(APA/dpa)