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19.12.2002 12:06

Hoffen auf ein Ende der Gesprächsverweigerung
Andreas Mailath-Pokorny, SP-Kulturstadtrat in Wien, im Interview zu Weichenstellungen für Kunst und Kultur



Foto: APA/Gindl
Andreas Mailath-Pokorny, SP-Kulturstadtrat in Wien, erneuert sein Angebot, Weichenstellungen für Kunst und Kultur in einem Dialog mit der Bundespolitik zu planen - und verortet weiterhin einen eklatanten Mangel an Ansprechpartnern. Ein Interview von Claus Philipp.




STANDARD: Wie sahen Sie das Manko, dass Kunst und Kultur im vergangenen Wahlkampf kaum thematisiert wurden?

Mailath: Das sehe ich gar nicht so. Zumindest bei der Sozialdemokratie hat sich Gusenbauer explizit für ein Kulturministerium ausgesprochen und auch andere Statements zu Kunst- und Kulturpolitik abgegeben, was meines Wissens kaum ein Kanzlerkandidat zuvor getan hat. Dann gab’s, aufgehängt am Nestroy- Preis, die Debatte über die Rolle der Künstler. Wobei leider weniger diskutiert wurde, was André Heller da gesagt hat, als darüber, wie er es dort gesagt hat. Daneben kam die Diskussion über Denkanstöße etwa von Robert Menasse oder Rudolf Burger zu kurz. Und einige Politiker haben sich halt offenkundig verweigert.

STANDARD: Es war doch der Fehler der SPÖ, das Kulturministerium aufzugeben.

Mailath: Sicher. Kunstpolitik wurde auch deshalb in den letzten Jahren leider auf Förderpolitik reduziert. Und Gusenbauer hat daraus für sich auch die Konsequenz gezogen. Wobei ich nicht glaube, dass auf Bundesebene jemals erreicht werden könnte, was wir hier in Wien haben: ein eigenes Ressort für Kultur. Es wäre vernünftig, zumindest zu der Konstruktion zurückzufinden, die wir vorher hatten: ein Bildungsministerium, in dem Kunst eine gewichtige Rolle spielt.

STANDARD: Was wären gegenwärtig die Hauptaufgaben auf Bundesebene?

Mailath: Zuerst einmal Dialogfähigkeit. Die Gesprächsverweigerung rund um Morak, von der ich allenthalben höre, ist tödlich für das kreative Klima im Land.

Zweitens: geistige und materielle Großzügigkeit. Man vermisst derzeit einen Bundespolitiker, der bei den Salzburger Festspielen eine fundierte Rede zur Lage der Gesellschaft halten kann. Gleich- zeitig beschränkt man sich im Kunstsekretariat darauf, permanent auf eine Erhöhung des privatwirtschaftlichen Anteils an den Förderungen zu pochen: Der wird nie über fünf bis acht Prozent hinausgehen. Man sollte auch nicht zu sehr auf Auslastung und materiellen Erfolg von Kunst schielen - wenn an Kultur ein öffentliches Interesse besteht, dann ist das so zu behandeln wie Wasserversorgung und Polizei. Da spricht man auch nicht von einem "Defizit".

Drittens: Perspektiven - für die Theater etwa. Wenn sich jetzt in der Volksoper eine Zäsur anbahnt und wir das Theater an der Wien neu positionieren, dann liegt es doch auf der Hand, zu klären, was in Hinkunft die "mission statements" dieser Häuser sind. Dasselbe gilt für die Museen. Auch der Stillstand in Sachen Film muss beendet werden.

STANDARD: Da ist Ihnen Morak bis jetzt ausgewichen.

Mailath: Bisher waren solche Gespräche nicht möglich. Also nehmen wir doch bitte die Neuverhandlungen rund um die Regierung zum Anlass, parteiübergreifend langfristige Konzepte zu entwickeln!

STANDARD: Es gibt da ein starkes Gefälle zwischen der Initiative der Länder und des Bundes.

Mailath: Ja, man denke nur an die Frage der qualitätsvollen Architektur. Bei den öffentlichen Bauten sind die Länder viel weiter als der Bund.

STANDARD: Jetzt kommen Sie als ehemaliger Sektionsleiter ja selbst aus dem Beamtenapparat der Kunstsektion. Wo lag da der Hund - etwa in Sachen Architektur - begraben?

Mailath: Es gab und gibt keine Ansprechpartner. Von den Beamten ist niemand wirklich zuständig. Und für die Politiker war es kein Thema. Bleibt für die Architekten die Ehre, dass sie unter bildender Kunst laufen - was aber kaum budgetäre Auswirkungen hat. Im Wirtschaftsministerium und bei der Bundesimmobilien- Gesellschaft ist das auch sehr schwer durchzubringen. Oder im Bereich Film: Mit wem kann man sich da auf Bundesebene noch zusammensetzen?

STANDARD: Was würden Sie Ihren Parteikollegen jetzt nach dieser Wahl und für die Koalitionsverhandlungen raten?

Mailath: Richard von Weizsäcker sagte kürzlich, die Kunst der Politik bestehe darin, das langfristig Notwendige kurzfristig mehrheitsfähig zu machen. Das zielt direkt auf die Frage: Opposition oder Regierung? Wo setze ich meine Ziele am besten durch? Prinzipiell glaube ich: Opposition kann kein Ziel einer politischen Bewegung sein. Sich in den eigenen Zirkeln permanent selbst zu bestätigen, wie toll die eigenen Ziele sind, und sie auch nie einem produktiven Kompromiss unterwerfen zu müssen: Das ist problematisch. Und: Man muss aus der Opposition heraus in dieser Medienlandschaft zu sehr drastischen Mitteln greifen, um überhaupt an die Menschen heranzukommen. Klar, man kann viele schöne Konzepte entwerfen. Aber das genügt nicht. Ich halte auch nichts von der These, dass sich die SPÖ in der Opposition besser erneuern kann.

STANDARD: Sie sagen also: Hinein in die Regierung?

Mailath: Derzeit stellt sich leider vor allem die Frage, ob man mit einem möglichen Regierungspartner wirklich gute Politik machen kann.

STANDARD: Eine Frage zum Abschluss: Haben Sie nicht auch das Gefühl, dass derzeit ein wenig zu viel Ehrenzeichen vergeben werden?

Mailath: (lacht) Das kann schon sein. Ab Jänner werden wir das auch wieder radikal einschränken. Es ist halt eine der üblichen Wahlkampfgeschichten, dabei aber durchaus schön und sehr austriakisch: Es freut alle Beteiligten, es kostet nicht viel, und es mehrt den Ruhm - vermutlich auch aller Beteiligten. Na ja. Obwohl: Bei vielen dieser Auszeichnungen kommt es durchaus zu interessanten kulturpolitischen Stellungnahmen, die einen Dialog in Gang setzen.
(DER STANDARD, Printausgabe, 19.12.2002)


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